Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1894)
- Date
- 1894-06-15
- Page
- Seite 279 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228065--50886-3273719- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
noch lange nach ihrem Tode als ein aufopferndes Mitglied im Vorstande der jüdischen Gemeinde-Mädchenschule, als eine Beratherin und Helferin der unbemittelten Schülerinnen dieser Anstalt, überhaupt aber als eine still wirkende Wohlthäterin der Armen geriihmt. Es fehlte also auch nicht an einem trefflichen Muster und Vorbilde in dieser Hinsicht, dem die pietätvolle Tochter nacheifern konnte und in der That mit Erfolg nacheiferte. Ihr älterer Bruder war der zu früh verstorbene Stadtrath Moritz Meyer, ein beliebtes Mitglied der Repräsentantenversamnilung der jüdischen Gemeinde, deffen Gemahlin, Frau Nanny Meyer, nach seinen Intentionen und zu seinem bleibenden Andenken eine beträchtliche Summe zur Gründung der Lehranstalt für die Wiffenschast des Judenthums hochherzig gespendet hat. — Dem sie überlebenden Bruder, Herrn Geh. Sanitätsrath Dr. Julius Meyer, war es beschieden, ihr bis zu ihrem Lebensende ärztlichen Beistand liebreich zu leisten. — Nur wenige ihrer Altersgenossen sind noch am Leben; die meisten sind ihr längst in die Ewigkeit vorangegangen. Aber noch leben Manche, die sie in ihrer Jugend gekannt und bewundert haben; leben Viele, denen Worte der Erinnerung an die herrliche Frau willkommen sein werden Das Folgende ist ein Versuch, soweit die Erinnerung reicht, das theure Bild festzuhalten und möglichst treu wiederzugeben. Zerline Meyer war eine von Natur herrlich ausgestattete, gottbegnadete Persönlichkeit. Ihr Name war zur Zeit in Berlin in weiten Kreisen wohlbekannt und gerühmt; denn er bedeutete den Inbegriff eines ungewöhnlichen Grades weiblicher Anmuth und Würde. Nicht die junge Welt allein, auch gereifte Männer und Frauen sprachen entzückt von ihrer außerordentlichen Schönheit, deren Spuren sich bis in die Jahre des Alters unverlöschlich erhielte». Groß war die Zahl ihrer stillen Verehrer; Wenigen war es vergönnt, ihr näher zu treten, ihren inneren Werth ganz zu ermeffen und ihrer Beachtung sich einigermaßen gewürdigt zu sehen. Nur Einer soll das für unbeugsam gehaltene Herz der edlen Jungfrau gewonnen haben: Michel Beer, der Bruder des nachmals zu hohem Ruhm gelangten Meyerbeer. Doch war dem Verlangen der liebenden Herzen die Erfüllung versagt. Auch starb der talentvolle Mann eines frühen Todes. Schließlich war ihr Vetter, Herr Martin Meyer, Theilhaber und später Haupt der Firma Gebrüder Meyer, so glücklich, seine angebetete Kousine heimzuführen. Sie wurde das Muster einer liebreichen Gattin, einer umsichtigen Hausfrau, einer gewiffenhaften Mutter, einer tvohlwollenden Beschützerin der Nothleidenden, einer treuen Anhängerin ihres Glaubens, einer anmuthigen Vertreterin echter Bildung und Menschenfreundlichkeit, einer feinsinnigen Freundin der Kunst und der Wiffenschast. Ihr lebhafter Geist liebte den Stillstand nicht. Sie suchte und fand stets neue Belehrung in ernst und kundig gewählter Lektüre, in Gesprächen mit begabten Menschen und Gelehrten. Dabei verstand sie es vorzüglich, durch geschickte Fragen die Fachleute zum Reden zu bringen und zur faßlichen Darlegung des Wiffenswerthen zu bewegen. Wenn sie schließlich dem Befragten ihren Dank aussprach, so mußte es demselben zweifelhaft sein, ob er nicht vielmehr zum Dank für die förderliche Anregung, die er empfangen, verpflichtet sei. Einen besondere» Werth gewann ihre Unterhaltung durch ihre unverkennbare Wahrheitsliebe. Eine Folge derselben war, daß ihr Urtheil unbedingtem Vertrauen begegnete; daß ihre Zustimmung um so gewichtiger war, als deren Aufrichtigkeit keinem Zweifel unterlag; daß aber ihr rückhaltloser Widerspruch, so unangenehm derselbe Anfangs empfunden werden mochte, ihrer Wahrhaftigkeit um so eher zu Gute gehalten wurde, als sie, fern von jeder Rechthaberei, sich der Macht etwaiger Gegengründe willig unterwarf. Es war ein männlicher Verstand, der in dieser echt weiblichen Seele waltete; ihr Denken besaß eine seltene Schärfe, Klarheit und Bestimmtheit. Damit verband sie eine Ruhe, die jeder Meinungsverschiedenheit ihren Stachel benahm und eine befriedigende Lösung erleichterte. So war denn auch die Meinung und das Urtheil dieser Frau manchen Personen zuweilen recht unbequem, aber durchaus nicht zu deren Schaden. Von Gemüth war Zerline Meyer, ihrem inneren Wesen gemäß, wohlwollend und freundlich, aber über Eitelkeit und Gefallsucht erhaben. Sie war mehr, als was inan liebenswürdig nennt; sie war liebenswerth, sie war der Liebe der Besten werth. Sie blieb es auch dann, wenn der ihr inne wohnende sittliche Ernst ihren Worten den Anschein der Strenge und Schroffheit etwa verlieh. Denn die Güte ihres Herzens, die Lauterkeit ihrer Absichten, das Wohlwollen in ihrem Thun und Lassen waren unverkennbar und traten bei gegebenen Anlässen ungesucht hervor. Galt es, Nothleideude zu unterstützen und gemeinnützige Zwecke zu fördern, so konnte man auf ihre hochsinnige Unterstiitzung mit Sicherheit zählen. Und an öffentlichen Wohlthätigkeitswerkeu oder milden Stiftungen hatte sie in der Regel einen stillen oder erkennbaren Antheil. Auch gehörte sie, solange Zeit und Kraft es ihr gestatteten, zu den Vorstandsdamen des jüdischen Krankenhauses und der Altersversorgungsallstalt. Wie liebreich aber und wie aufopferild war sie zu allen Zeiten ihren Angehörigen gegenüber! Wie treu war ihre Freundschaft, wie dankbar ihr Herz für die geringsten Zeichen der Aufmerksamkeit und Anhänglichkeit! So klar und fest ihr Verstand war, so weich und warm erwies sich ihr Gemüth. Aber dieses weiche Gemüth, diese Herzensgüte war nicht allein die Quelle ihres Wohlthuns und ihres Wohlwollens für nah und fern: es war, um, der Wahrheit gemäß, von diesem hinreichend glänzenden Lebensbilde nichts zu beschönigen, auch der Sitz ihrer eigentlichen Schwäche. Ihr klares Denken schützte sie nicht vor einer zu weit gehenden Nachgiebigkeit in der ihr anerzogenen und liebgewordenen Strenge religiösen Lebens und vor einer übertriebenen Nachsicht in dieser Beziehung, die, wie es den Anschein hatte, sie später gereut hat, da sie ihre Hoffnung und Absicht getäuscht sah, dadurch ein desto willigeres Entgegenkommen für ihre ernsten Anschauungen und Grundsätze zu finden. Wie ernst es ihr aber um diese Anschauungen und Grundsätze dennoch war, wie sehr ihr das Verständniß der jüdischen Religion am Herzen lag. zeigte sich an ihrem lebhaften Bestreben, Aufschluß und Belehrung über alle tiefer liegenden Fragen der Religion bei jeder Gelegenheit sich zu verschaffen. Dem Religionsunterricht ihrer Kinder, den sic mit musterhafter Gewiflenhaftigkeit von früher Kindheit an bis in die Jahre der Reife ertheilen ließ, lvendete sie ihre größte Aufmerksamkeit zu und wohnte demselben größtentheils bei, um dann mit dem Lehrer die behandelnden Gegenstände erforderlichen Falles weiter zu besprechen und allerlei, mitunter recht schwierige Fragen, deren sie zuweilen eine ganze Menge bereit hatte, zu stellen und bis auf den Grund zu erörtern. — Den berühmten Kanzelredner Dr. Michael Sachs hörte sie regelmäßig und mit andauerndem innern Antheil. Sie war im Besitze seiner Freundschaft und benutzte manche Unterhaltung mit ihm gern, um Belehrung aus diesem Weisheitsquell zu schöpfen und das mehr als Honig süße Wort dein beredtesten Munde zu entlocken. — Bis nahe an ihren Tod unterhielt sie einen schriftlichen oder mündlichen Verkehr mit aufrichtigen und warmherzigen Freunden und Vertretern der jüdischen Religion und Wiffenschast. Sie selbst war und blieb eine treue Anhängerin des Judenthums, kannte deffen Geschichte, kaufte und las, was im Bereiche der jüdischen Litteratur erschien, so weit es in zugänglicher Form abgefaßt war. — So war sie bestrebt, die gegen ihren Willen