Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1894)
- Date
- 1894-06-15
- Page
- Seite 278 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- 278 - Talmud: „Ihr Klugen, seid vorsichtig in euren Reden!" Vorsichtig, aber nicht mißtrauisch und auch nicht kiihl oder feindselig. , Wir Juden wollen uns nicht verbittern lassen. Auch einet ganzen Welt von Haß gegenüber wollen wir das Banner der Liebß Hochhalten, die unfern Ahnen schon vor Jahrtausenden zur heiligsten Bruderpflicht gemacht wurde. Wir wollen immer und überall hin den Geist der Humanität, des Friedens und der Versöhnung tragen und denjenigen, die uns gleichwohl Haß entgegenbringen, wollen wir wünschen, daß ein gütiger Gott ihren Sinn erleuchte und ihnen „ein reines Herz und einen neuen Geist" verleihe. Im klebrigen aber wollen wir ruhig und unbeirrt unseres Weges gehen, wollen uns an der schönen Natur und an den Menschen erfreuen, die von der Krankheit der Zeit frei geblieben sind, wolle» an den Heilquellen Genesung für unsere Leiden suchen und die Hoffnung nicht aufgeben, daß sich auch einmal ein Allheilquell für die Leiden der Menschheit erschließen möge. Die Woche. Berlin, 12. Juni fie antisemitischen Zeitungen haben ihre Leser und Adepten in dieser Woche durch das folgende offiziöse Communique erfreut: Am Sonntag hielt der deutsch-soziale Landesverband für Pommern einen Parteitag ab, theils zur Klärung der Verhältnisse, theils zur Beralhung über die Fortführung des von ihm begonnenen Werkes und den Anschluß an die antisemitische Vereinigung für Norddeutschland. Zugegen waren zahlreiche Vertreter der zu jenem Verbände gehörigen Vereine: ferner die Vorsitzenden von Borcke und Rens; der Ehrenvorsitzende Freiherr v. Langen und der R.-A. Prof Dr. Förster. Am Nachmittag erschien auch R.-A. Ahlwardt. Die etwa sechsstündige Besprechung führte eine allseitige Verständigung herbei: mancherlei Bemerkungen wurden berichtigt, Mißtrauen entkräftet, der Einigung aller antisemitischen Gruppen kräftig das Wort geredet und durch den Beschluß vorgearbeitet, daß die drei an der Spitze jenes Verbandes stehenden Herren (v. Langen, v. Borcke, Rens) sich zum Zwecke eines Anschlusses oder Bündnisses mit der Antisemitischen Vereinigung von Norddeutschland (Dr. Bachler, Dr. Förster, Witte) baldigst besprechen und bei dieser Gelegenheit gewisse Angelegenheiten, die ein solches Bündniß bisher erschwert haben, sichten und schlichten sollen. Allseitig hegt man die Hoffnung, daß der Beschluß zu einem gedeihlichen Ergebnisse führen werde. Der Verbandstag wird in allen Theilnehmern recht angenehme Eindrücke hinterlassen haben und sein Gutes für die Zukunft stiften Noch bemerken wir, daß sein Name „deutsch-sozial" nur dem Herkommen von früher entspricht, indessen einen Zusammenhang mit der deutsch-sozialen Sache im Reiche nicht besagt; ein Anschluß an diese Partei wird bestimmt abgewiesen. Herr v. Langen, der hier in Gemeinschaft mit Ahlwardt nnd Förster eine Verständigung der antisemitischen Gruppen Böckel'schex Richtung erstrebt, ist bekanntlich Mitglied der konservativen Fraktion des Reichstages. Sogar die „Krenzzeitung" findet es in hohem Maße befremdlich, daß ein Angehöriger der konservativen Fraktion des Reichstages, wie der Freiherr v. Langen, sich Männern in der erwähnten Weise näherte, die, wie der Abgeordnete Ahlwardt, in der rücksichtslosesten Weise gegen Juden und Junker hetzen, oder die. wie der Abgeordnete Dr. Förster es in seiner Eigenschaft als Vorstandsniitglied der antisemitischen Vereinigung soeben erst gethan, Wahlenthaltung empfehlen, um einem polnischen Kandidaten dem deutschen konservativen Kandidaten gegenüber zum Siege zu verhelfen. Die „Kreuzzeitung" hält solch ein Verfahren des deutsch-konservativen Freiherrn v. Langen „für schlechttveg ausgeschloffen" und sie ist überzeugt, daß in dem Blatte „Freideutschland" der Wunsch dieser Vereinigung den Gedanken erzeugt habe. Der „Kreuzzeitung" graut also davor, daß Einer der ihrigen sich mit der Firma Ahlwardt, Förster und Genoffen vereinigt haben könnte. Und doch ist dem so! * Aus Hessen wird uns mit Bezug auf den jüngst veröffentlichten Erlaß des Landraths Riesch zu Frankenberg geschrieben: Es ist nicht das erste Mal, daß der freikonservative Abgeordnete nnd Landrath seiner Meinung darüber Ausdruck giebt, wohin die antisemitische Agitation schließlich führen muß. Und nicht etwa philosemitische Regungen, sondern die zucht- und respektlose Sprache der antisemitischen Presse haben dem Landrath zu dieser Einsicht verholfen. Möglich auch, daß er von gewissen sozialdemokratischen Aspirationen Wind erhalten. Bekanntlich sehen die Sozialdemokraten die vom Antisemitismus befallenen ländlichen Westkreise als diejenigen an, die ihnen in nicht zu ferner Zukunft ,als die reifsten" in die Hände fallen werden. Es ist ein offenes Geheimniß, daß erste Sozialistenführer seit längerer Zeit eine große Eroberungsreise grade in die Wahlkreise planen, die zuerst von antisemitischen Abgeordneten beglückt worden sind. Möge die Abwehrsthätigkeit der Behörden nicht zu spät kommen. * Im Polenklub des österreichische» Abgeordnetenhauses, dem einzigen, wo noch die Juden ihr gutes Recht finden, fand letzthin anläßlich der Berathung über den Handelsvertrag mit Rußland eine Debatte statt, bei welcher Abgeordneter Dr. Byk erklärte, daß er nnd seine israelitischen Klubgenoffen gegen den Vertrag stimmen, eventuell sich der Abstimmung im Plenum enthalten werden, darum, weil der Handelsvertrag mit Artikel 4 alle Bestimmungen des Handelsvertrages vom 14. September 1860 aufrecht erhalte. Insbesondere werde Artikel 1.3 des Handelsvertrages vom Jahre 1860 in Kraft verbleiben, der den berüchtigten Schlußpaffus enthält, welcher lautet: „Es ist wohl verstanden, daß die Beschränkungen, welche in den Staaten eines der beiden hohen kontrahirenden Theile hinsichtlich der Israeliten festgesetzt sind, gleicherweise auf die dem gleichen Glaubensbekenntnisse angehörenden Unterthanen des anderen Theiles Anwendung zu finden haben." In dem vorkonstitutionellen Oesterreich des Jahres 1860, wo noch thatsächlich Beschränkungen rücksichtlich der Israeliten gesetzliche Geltung hatten, konnte eine solche Textirung entsprechend gewesen sein. Die seither in Oesterreich bestehende gesetzliche Gleichberechtigung der Israeliten schließe eine solche Textirung wohl aus. Dazu komme noch, daß dieser Vertragsbestimmung in Rußland rücksichtlich der österreichischen Staatsbürger mosaischer Konfession eine äußerst extensive Interpretation gegeben werde, was in schier unmöglichen Paßplackereien seinen Ausdruck finde. — Abgeordneter P. Kopycinski polemisirte gegen Dr. Byk und gegen die galizischen Juden überhaupt. — Die Erklärung des Dr. Byk ist darum interessant, weil in ihr zum ersten Male das solidarische Vorgehen jüdischer Abgeordneter zum Ausdruck kommt. Zerline Meyer. Von Dr. David Rosin in Breslau. m 4. Mai d. I. starb in Berlin Frau Zerline Meyer, geb. Meyer, eine der edelsten und seltensten Frauen, im Alter von 82 Jahren. Sie war einer angesehenen Familie in Berlin entsproffen. Ihr Oheim und späterer Schwiegervater, Herr Salomon Meyer, ein sehr geschätztes Mitglied der jüdischen Gemeindeverwaltung, war in Gemeinschaft mit ihrem früh verstorbenen Vater Inhaber der Firma Gebrüder Meyer. Ihre Mutter würde