Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1894)
- Date
- 1894-06-08
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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'.-W •st-vi.'1/ "-^^' .'+ - "' 3 zu erklären, daß ich in sittlicher Beziehung voll und ganz attf b$n Boden des Evangeliums stehe. Ich kann dies mit gutem Gewissen thun, denn das Evangelium, soweit es die Sittenlehre enthält, ist Fleisch von unserem Fleische, Bein von unserem Bein. Das Wort „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" steht zuerst' in der jüdischen Bibel. (Großer Lärm und Beifall.) Die Zerrissenheit, die Unzufriedenheit der Zeit liegt viel an dem Mangel an Religion, in diesem Punkte stimme ich mit Herrn Stöcker überein. Darum haben wir Geistlichen die Pflicht, ein Jeder in seinem Kreise, von Kanzel und Katheder herab dem Unglauben entgegen zu wirken; durch den Antisemitismus bekämpft man denselben wahrlich nicht. Cbev wollen Sie sagen, die Juden seien in größerem Maße an dem Unglauben schuld als die Christen selbst? Das Judenthum huldigt vielmehr.den Grundsätzen, die bezeichnet sind durch den Salomonischen Ausspruch: „Fürchte, mein Sohn, Gott und den König!" Gottesfurcht und Königstreue sind also wesentliche Forderungen unserer Religion. Welche Blöße geben Sie sich selbst, wenn Sie glauben wollen, eine halbe Million Juden terrorisirten, wie Herr Stöcker sagt, 50 Millionen Christen! (Zuruf: Thun sie auch! Großer Lärm.) Wer das behauptet, schmäht das deutsche Volk. Der sittliche Kern des deutschen Volkes ist so gediegen, daß ihn Juden, selbst wenn sie es versuchen wollten, nicht untergraben würden. Nach bekannter Methode hat Herr Stöcker allgemeine Behauptungen aufgestellt, für die er jeden Nachweis schuldig geblieben ist. So z. B., daß die Juden an allen Revolutionen betheiligt waren. Das ist durch nichts begründet. Wohl betheiligten sie sich allezeit an edlen, gemeinnützigen Bestrebungen, soweit ihnen überhaupt eine Theilnahme am öffentlichen Leben verstattet war. (Redner wird bei seinen folgenden Ausführungen so oft und so lärmend unterbrochen, daß er in sichtliche Aufregung geräth. Der wüste Lärm läßt keinen Zusammenhang der einzelnen Sätze finden.) Dr. David bricht mit den Worten ab: Ich konstatire, daß ich von dem Vorsitzenden zum Schluffe gedrängt werde. Ich schließe mit dem Appell an die Versammlung: Die Tendenzen, die durch Stöcker mld seine Nachfolger gefördert werden, sind zum Nachtheil des deutschen Volkes . . . (minutenlanges Rufen, Händeklatschen und Getrampel, Rufe: Raus!) . . . zum Verderben des deutschen Volkes. Ich bitte Sie, diesen Tendenzen Ihre Herzen zu verschließen und sie zu öffnen den wahren Tendenzen der Gerechtigkeit, der Nächstenliebe, der Menschenliebe. (Lebhafter Widerspruch und Beifall.) X Frankfurt a. M., 30. Mai. In der am 27. d. Mts. hier abgehaltenen Generalversammlung des Palä st inen fischen Hilfs- Vereins „Lemaan Zion" wurden die durch das Loos aus dem Verwaltungsrath scheidenden Herren H. Gumpertz, H. Lehmann, B. Hirsch und Th. Oschinsky wieder- und an Stelle der verstorbenen Herren Erlanger, Samuel und Merzbach die Herren Dr. med. Klein in Paris, Gustav Hirsch, Messingwerk, und Leop. Merzbach, hier, neugewählt. In der darauf folgenden Sitzung des Verwaltungsraths wurden in den gefchäftsführenden Ausschuß gewählt die Herren: Rabbiner Dr. Hildesheimer-Berlin, Dr. Heinemann, L. Fürth. A. Geiger, H. Cramer, W. Posen, E. I. Michael, Leop. Merzbach-Frankfurt a. M., und Samuel Straus-Karlsruhe. (Herr Benj. Feuchtwanger-Fürth hatte aufs Entschiedenste eine Wiederwahl abgelehnt). A Stuttgart, im Juni. Die Wirksamkeit des Hern Kirchenraths Dr. Kroner und fein Bestreben, das Gemeindewesen zu beleben, macht sich bereits nach verschiedenen Richtungen in erfreulicher Weise bemerklich. Auf seine Anregung beschäftigt fich das von ihm geleitete Kirchenvorsteheramt mit Umgestaltung und Neuordnung der Schulverhältnisse und richtet sein Augenmerk auf eine strengere Handhabung des Schächtwesens und des Fleischverkaufes. Auch auf dem Gebiete des Gottesdienstes erwacht ein regeres Leben; so wurde der Frühgottesdienst, der bisher in einem kleinen Betsaale abgehalten war, in die Synagoge verlegt, weil jener Raum sich zu klein erwies, und ein Abendgottesdienst zum Zwecke des Omerzählens ist in Stuttgart wohl eine einzig dastehende Erscheinung. Ein Zeichen des erwachenden Interesses ist, daß der bisher auf eine Stunde beschränkte Unterricht im Hebräischen, der von dem Kirchenrath ertheilt wird, aus eigenem Antriebe der Schüler auf vier Stunden erweitert ist. Herr Rabbiner Dr. Stößel wirkt mit seinem neuen Amtsgenossen in innigem Einvernehmen zur Freude der Gemeinde Hand in Hand, was eine sichere Bürgschaft für eine gedeihliche Entwickelung der hiestgen Verhältnisse bietet. "7- Fürth, 5. Juni. Die in der Nr. 21 dieser Zeitung vom 25. Mai enthaltene Notiz, die hiesige israelitische Bürgerschule betreffend, dedarf einer wesentlichen Ergänzung. Die genannte Anstalt steht unter der Verwaltung einer anerkannten Genossenschaft und ist eine aus 4 Elementar- und 6 Realklassen bestehende lateinlofe Realschule, in den süddeutschen Staaten die einzige jüdische Anstalt, deren Abgangszeugnisse zum Einjährig-Freiwilligen-Dienst in der-deutschen Armee berechtigen. # Würzburg, 28. Mai. Am 14. und 15. Mai fand hier die zweite Konferenz der bayerischen Rabbiner statt. Von den 25 Rabbinaten des Königreichs waren 16 persönlich, 6 durch andere Kollegen vertreten; ein Rabbinat ist zur Zeit unbesetzt, ein Mitglied der Konferenz bekundete durch ein Begrüßungsschreiben seine Theilnahme. Erschienen waren die Herren: Adler-Kitzingen, Bamberger-Aschaffenburg, Bamberger-Bad-Kissingen, Bamberger-Würzburg, Cohn - Burgkunstadt, Cohn-Jchenhausen, Deutsch-Burgpreppach, Eckstein-Bamberg, Groß-Augsburg, Kusniyki-Bayreuth, Mayer-Zweibrücken, Meyer-München, Meyer- Regensburg, Neubürger-Fürth, Stein-Schweinfurt, Ziemlich-Nürnberg. Als Gast nahm an den Berathungen Antheil Herr Oppenheimer, Vorsteher der israelitischen Gemeinde Würzburg. Es war ein reichhaltiges Programm, dessen Durcharbeitung man sich zur Aufgabe gemacht hatte und das in den meisten Punkten auch entweder zur Erledigung kam oder doch mindestens besprochen wurde, um alsdann einer späteren Konferenz zur gründlichen Behandlung vorgelegt zu werden. Aus den zahlreichen Gegenständen, mit denen sich die Konferenz beschäftigte, seien hier hervorgehoben: die nochmalige Durchberathung der Geschäftsordnung, die Festsetzung der Statuten der unterdessen begründeten Penfions- und Relikten- Kasse der bayerischen Rabbiner, die Statuten sind vom Vorsitzenden Dr Cohn-Jchenhausen ausgearbeitet; eine gründliche Regelung des Dimissorialienwesens auf Grund der darauf bezüglichen gesetzlichen Bestimmungen; die Gründung einer Centralkasse zur Unterstützung hilfsbedürftiger israelitischer Kultusgemeinden in Bayern und die Berathung der einschlägigen Statuten; bei diesem Punkte wird die Mitwirkung der Gemeindeverwaltungen vorausgesetzt, mit denen sich der Ausschuß in Verbindung setzen wird. Die Statuten dieses Landesvereins sind vom stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Neubürger-Fürth ausgearbeitet. Derselbe legte eine Statistik der bayerischen Kultusgemeinden vor, nach welcher 40 Prozent aller Gemeinden weniger als 50 Seelen zählen; daß diese kaum im Stande sind, einen Religionslehrer anzustellen und die übrigen Kultusbedürfnisse zu bestreiten, ist leichtersichtlich; die Gründung eines solchen Vereines also unabweisbar. Ferner fand nach einem Referat des Herrn Dr. Groß-Augsburg und dem Korreferat des Herrn Dr. Mayer-Zweibrücken eine umfassende Besprechung der allgemeinen Prinzipien des Religions-Unterrichts an den Mittelschulen, speziell an den humanistischen Gymnasien unter Berücksichtigung der Absolutorialausgaben statt, deren einheitliche Durchführung in allgemeinen Umrissen und zum Mindesten in Bezug auf das Stoffminimum man als wünschenswerth erachtete. Eine Kommission von vier Mitgliedern wurde speziell mit der Ausarbeitung des Entwurfs eines Normallehrplanes bis zur nächstjährigen Konferenz beauftragt, und zwar die Herren Groß-Augsburg, Meyer-Regensburg, Stein-Schweinfurt und Ziemlich-Nürnberg. Hinsichtlich des Besuches des Gottesdienstes seitens der Schüler der Mittelschulen wurde folgende Resolution beschlossen: Die Konferenz der bayerischen Rabbiner erklärt es einstimmig als heilige Pflicht der Schüler, an den Feiertagen den Gottesdienst zu besuchen. Den Vorsitz bei den Berathungen führte Herr Distrikts-Rabbiner Bamberger-Würzburg, bezw. Herr Distrikts-Rabbiner Dr. Cohn-Jchenhausen; das Amt der Schriftführung lag in den Händen der Herren Eckstein-Bamberg und Stein-Schweinfurt. Der Vorsitzende widmete dem Prinzregenten zu Anfang und zu Schluß der Versammlung begeisterte Huldigungsworte; auf eine telegraphische Kundgabe derselben traf aus der Geheimkanzlei des Prinzregenten ein huldvollstes Antworttelegramm ein. Aus der erst einjährigen Geschichte der Konferenz ist der Tod des bisherigen 1. Vorsitzenden Dr. Perles-München und des Kollegen Grünbaum-Ansbach hervorzuheben, denen der Stellvertreter des Vorsitzenden Cohn-Jchenhausen warme Worte des Nachrufes widmete. Das Referat des Letzteren über das verflossene Jahr gipfelte in der Besprechung der verschiedentlichen, von dem Ausschuß im Sinne der vorjährigen Konferenz erledigten Petitionen. Für das kommende Jahr wurden einstimmig gewählt als Vorsitzender: Cohn-Jchenhausen, als Stellvertreter: Neubürger-Fürth;