Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1894)
- Date
- 1894-06-08
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 Anschluß an diese Feier fand am Nachmittage ein Festmahl, im Saale des Junkerhofes statt, bei welchem die hohe Bedeutung des begonnenen Werkes für die Gemeinde von den Rednern auf das Eingehendste beleuchtet wurde. Aus der reichen Zahl der Trinksprüche, welche Professor Dr. Samuel mit dem auf den Kaiser eröffnete, erwähnen wir nur die ver Herren Rabbiner Dr. Bamberger, Professor Cremer, Negierungs¬ und Baurath Launer, Geh. Medizinalrath Professor Dr. Jaff6, Professor Dr. Saalschutz, Stadtrath Magnus, Stadtrath Michelly , Arendt, Michael Michelly und Max Minkowski. Mit dem vom Kantor Birnbaum vorgetragenen Tischgebete und einem mahnenden Schlußworte des Borsttzenden an die Jugend, das von den Vätern erworbene und ererbte Gut für alle Zeiten heilig zu halten, schloß das nach jeder Richtung wohlgelungene Fest. Freienwalde, 3. Juni. Unser Städtchen bot vorgestern zum ersten Male das Bild einer antisemitischen Versammlung. Ein Herr Redakteur Müller entwickelte vor einem Auditorium von etwa 250 Personen als „Programm der deutschen Reformpartei" ein Sammelsurium von unverstandenen Phrasen über die Militärvorlage, wobei er sich befleißigte, so viele deutsche Sprachfehler zu machen. Seine Angriffe gegen die Juden beschränkten sich auf die Behauptung, daß Millionen russischer Juden alljährlich nach Deutschland einwanderten. Ferner dokumentire für die Faulheit und Arbeitsscheu der Juden der Umstand, daß sie nicht nach Palästina gingen, um dort Ackerbau zu treiben; dies benutzte Herr Dr. Heinrich Löwe aus Charlottenburg, der nach ihm das Wort ergriff, um in ausführlicher Rede die von den antisemitischen Hetzern beliebten Angriffe auf die Juden entschieden zurückzuweisen. Besonders gelang esihm, infolge ganz besonderer Kenntnisse über die Kolonisation Palästinas gerade hierdurch die Behauptungen von dem Mangel des Idealismus und der Arbeitssreudigkeit der Juden gründlichst zu widerlegen. Er entwickelte die Geschichte dieser Kolonisation wie auch ihre Zustände und erntete damit den reichsten Beifall, ebenso wie er durch seine sonstigen Ausführungen den Herrn Müller zur komischen Person stempelte. Der gleiche reichliche Beifall würde auch dem Redner der sozialdemokratischen Partei, Herrn Salomon aus Wriezen, zu Theil, der die einzelnen Größen der antisemitischen Parteien in wenig schönem Lichte darstellte. Müller blieb in seiner Erwiderung gegen Salomon — gegen Dr. Löwe wußte er überhaupt nichts vorzubringen — mitten in der Rede stecken und es kam ihm gerade gelegen, daß seine fünf bestellten Gesinnungsgenossen das schöne Lied „Deutschland, Deutschland über Alles" zu singen begannen, demdie Sozialdemokraten ein donnerndes Hoch auf ihre Partei entgegensetzten. Dies benutzte Müller, sich aus der Verlegenheit zu ziehen, indem er die Versammlung für geschlossen erklärte. Nicht besser aber erging es ihm in unserem Nachbarstädtchen Eberswalde, wo ihm die dortigen Arbeiterführer, ferner auch Herr Stadtrath Lautenschläger, Stadtverordneter Großenhain und schließlich noch Herr Rechtsanwalt Dr. Edmund Friedemann aus Berlin energische Opposition machten. Eine fast einstimmig gefaßte Resolution der Versammlung verurtheilte aufs Schärfste den Antisemitismus. A. Hamburg, 3. Juni. Der israelitische Stellenvermittlungs-Verein hielt am Montag den 7. Mai seine diesjährige Generalversammlung im „Hotel Continental" ab. Dem vom Vorsitzenden des Vereins, Herrn M. S. Wolff, erstatteten Jahresbericht entnehmen wir das Folgende: Die Einnahmen an Mitgliederbeiträgen betrugen für das zweite Geschäftsjahr, welches vom 1. April 1693 bis 31. März 1894 geht, M. 1477.50. — Diesen gegenüber stehen die Ausgaben für Drucksachen, Porto, Miethe, Annoncen re. mit M. 1041.82. Nach Deckung des vorjährigen Deflzits von M. 175.75 verbleibt noch ein Ueberschuß von M. 259.93. — Die Mitgliederzahl ist von 262 auf 413 gestiegen; trotzdem 111 Mitglieder antreten, beträgt die Anzahl derselben 51 mehr als im Vorjahre, außerdem trat ein „Stifter" durch einmalige Zahlung von M. 100 dem Verein bei. Von 205 im Verein notirten Bewerbern erhielten 61 Stellung, während noch 87 gemeldet blieben. Seit 1. April 1894 war der Verein in der Lage, bereits wieder 10 Stellen zu besetzen, nämlich 5 Kommis- und 5 Lehrlingsstellen. Der Verein hat eine Filiale in Frankfurt a. M., Vertreter ist dort Herr M. Bing, Schwanenstraße 6. Der Vorsitzende bemerkt noch, daß der Vorstand nach wie vor benlüht ist, die Thätigkeit des Vereins auch auf den Handwerkerstand auszudehnen. Auch den kürzlich in der Presse angeregten Gedanken der Gründung einer Versicherungskasse gegen Stellenlosigkeit hat der Vorstand in das Bereich seiner Berathungen gezogen, doch sind dieselben noch nicht beendet. Nach Verlesung des Berichtes wurde dem Vorstand Decharge ertheilt und sodann die ausscheidenden Vorstands-Mitglieder M. Flörsheim, M. Facobsen und W. Möller durch Acclamation^ wiedergewählt. X Dresden, 5. Juni. Die Rechtsprechung in Sachen der Juden hat schon manches bemerkenswerthe Urtheil in letzter Zeit zu Tage gefördert. Auch das folgende ist, wenn man an die gegenwärtigen Boykottbestrebungen in Sachsen denkt, jedenfalls bemerkenswerth. Gegen den Redakteur eines hiesigen reformerisch-antisemitischen Blattes Schmidt war Anklage wegen „groben Unfugs" erhoben. Der Redakteur hatte auf ein Weihnachtsflugblatt, das israelitische Geschäftsleute sehr abfällig kritistrte und das Publikum aufforderte, nicht bei ihnen zu kaufen, noch besonders in seiner Zeitung hingewiesen. Das hiesige Amtsgericht sprach den angeklagten Antisemiten frei und das Landgericht bestätigte dieses Urtheil. Wie das Antisemitenblatt mittheilt, soll es in den Urtheilsgründen heißen: Man dürfe der freien Meinungsäußerung nicht zu enge Schranken ziehen. JE Düsseldorf, 31. Mai. Gestern sprach hier Herr Stöcker ans Berlin in einer öffentlichen Versammlung, in der auch der Rabbiner der hiesigen israelitischen Gemeinde, Herr Dr. David das Wort nahm, um den Antisemitismus zu kennzeichnen. Herr Dr. David sagte: „Ich trete hier nicht auf, um die konservative Partei und ihre Ziele zu bekämpfen, sondern um auf einzelne Angriffe gegen das Judenthum zurückzukommen. (Großer Lärm. Der Vorsitzende bittet, den Redner ebenso ruhig anzuhören wie Herrn Stöcker.) Zunächst muß ich mich gegen eine Aeußerung des Herrn Vorsitzenden wenden, der bei der Eröffnung der Versammlung betonte, daß unter den Juden im Allgemeinen und auch in einem Theile der Rheinprovinz der Wucher besonders verbreitet sei. Diese Anklage weise ich entschieden zurück. Die wissenschaftliche Statistik beweist vielmehr, daß die Juden am Wucher verhältnißmäßig nicht mehr betheiligt sind als andere Konfessonen. Aber selbst wenn jene Behauptung wahr wäre, so müßte sich jeder Einsichtige und Geschichtskundige eine solche Erscheinung ans der mittelalterlichen Ausnahmestellung der Juden erklären, die sie von allen edleren Gewerben und Berufsarten ausschloß und sie geradezu zu Kleinhandel und Wucher zwang. Das angebliche oder wirkliche Uebel würde daher durch die antisemitischen Bestrebungen, die die Juden wieder in die frühere Stellung zurückdrängen und in der Wahl ihres Berufes einengen wollen, nicht geheilt, sondern nur noch verschlimmert werden. Wollen Sie den Wucher ehrlich bekämpfen, so verschärfen Sie meinetwegen die Wuchergesetze oder gründen Sie Verein, gegen den Wucher und seien Sie sicher, daß sich die Juden gern an solchen Bestrebungen betheiligen werden. Sie dürfen dann aber zwischen jüdischem und christlichem Wucher keinen Unterschied machen. Nun komme ich zu Herrn Stöcker. Wenn man Herrn Stöcker hört, muß man glauben, er sei durch und durch von wahrer Religion durchdrungen. (Sehr wahr!) Er spricht von Frieden, von den hohen, idealen Zielen der Religion und bringt diese Ideen, die er Christenthum nennt, in Gegensatz zum Judentbum. Wahres Christenthum steht nie und nimmer iw Gegensatz zum Judenthum. (Großer Lärm.) Von wahrem Christenthum sind die unvergänglichen Schöpfungen jener Denker und Dichter unserer Litteratur durchweht, zu denen wir Alle mit Liebe und Verehrung emporsehen. Wollen Sie dem klassischen Heros freien deutschen Geistes, Lessing, Christenthum absprechen? (Großer Lärm. Zuruf: Hat gar keine Ahnung davon!) Was heißt Christenthum? Das Wort Christ ist, was Herr Stöcker als Theologe wissen sollte, die griechische Uebersetzung des hebräischen „Maschiach" (Messias, Gesalbter), und wie dieses Wort, so hat auch das damit zusammenhängende sittliche Ideal, das Ideal des Völkerfriedens, der allgemeinen Menschenliebe und der Gerechtigkeit seineu Ursprung im Judenthum, das dasselbe zum ersten Mal verkündet hat- Das Christenthum ist also nicht blos seinem Namen nach, sondern auch seinem Inhalte nach hervorgegangen aus dem Schooße des Judenthums. (Ohrenbetäubender Lärm.) Zum wahren Christenthum stehen aber die Stöckerschen Bestrebungen im grellsten Widerspruch. Sehen Sie Ahlwardt, Schweinhagen an, dann sehen Sie die Bewegung, deren Vater Herr Stöcker ist. (Anhaltender Beifall und lärmender Widerspruch.) Die jüdische Religion und das Judenthum unterscheiden sich in der Sittenlehre durchaus nicht von dem Evangelium. Ich bin ein konservativer Jude, ich bin Rabbiner und nehme keinen Anstand, hier feierlichst MWMMWWWM