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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-08 · Heft 23 (8.6.1894) · p. Seite 274

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 23 (8.6.1894)
Date
1894-06-08
Page
Seite 274 (sequence 10)
Language
German
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—- 274 - ' Redaktion nahm, es sofort an und verlangte eine neue Arbeit aus „diesem interessanten Stoffkreise". Ich war darüber ebenso erfreut als erstaunt, daß der Stoffkreis „intereffant" sei, daran hatte ich nicht gedacht. Aber eben so wenig daran, dieser ersten Novelle eine weitere folgen zu laffen. Ich wollte ja Jurist werden! <Fortsetzung folgt,) e... ... . WSMEIM TOuTPfTuBiTmTT. —i -ais.- i^iiimiuAuimtiiiümiuiui[T(iiiiHmiuiUimiiiuimiuuirniiunmiuuirnvfimmiuAun74inllilnflJJulmllin!nlTufinmTt1l!Xj w iiiKuwniLMiiir^ I iiumiuuiNm | | I FEUILLETON 1 .1 Jf m mm vi fi ijrninuiflür — i— I-- 11 iimiininmtiigg; { ItlmufflimntlX I - ... .. Sabbath-Gntweihung. Aus den „Ghetto-Tragödien" von I Zangwill in London. (Deutsch von Felix Herzfeld.) s war in einem der jüdischen Hospitäler nahe dem Ostflügel Londons. Der Augenblick nahete, wo die hundertjährige Großmutter aus Polen sterben mußte. Nach Aussage der Aerzte hatte sie anscheinend nur noch eine böse Viertelstunde zu leben.- Jhr Anfall war ein plötzlicher gewesen, und die Großkinder, die sie zu schelten liebte, konnten nicht zur Stelle sein. Sie hatte sich schon durch die große Fluthwelle der Pein hindurchgekäinpst und trieb jenseits der Grenzen ihres irdischen Asyls. Die Wärterinnen, welche die Last vergaßen, die ihr ewiges Klagen und ihre eingebildeten diätetischen Skrupel ihnen verursacht hatten, beugten sich über das Bett, auf welchem das zusammengeschrumpfte Wesen lag. Sie wußten nicht, daß Jene die eine große Episode^ ihres Lebens noch einmal durchkostete. ’ Fast vierzig Jahre vorher, als sie, obgleich stark auf Siebzig gehend und verwittwet, noch in einem polnischen Dorfe ihren ganzen Gesichtskreis erblickte, empfing sie einen Brief. Er kam am Vorabend des Sabbaths an einem regnerischen Sommertage an. Er war von ihrem Jüngelchen — ihrem einzigen Jungen —, welcher eine Landschänke, 37 Werst entfernt, besaß und auch Familie hatte. Sie öffnete den Brief mit fieberhafter Angst. Ihr Sohn — ihr „Kaddisch" — war ihr Augapfel. Die alte Frau durchlas eifrig die hebräische Schrift, von rechts nach links. Dann überkam sie eine Schwäche, daß sie beinahe umgesunken wäre. Rein zufällig fand sich in den vier Seiten ein Satz versteckt, der ihr wie mit blutigen Buchstaben geschrieben schien. „Ich fühle mich dieser Tage nicht so wohl; 'das Wetter ist so drückend und die Nächte sind neblig. Aber es hat nichts zu sagen; mein Magen ist nicht ganz in Ordnung, das ist Alles." In dem Briefe lagen einige Rubelzettel für sie, aber sie ließ sie unbeachtet zur Erde fallen. Panischer Schrecken, der schneller vorwärts kam als die langsame Postkutsche jener Zeit, hatte das Gerücht von einem plötzlichen Ausbruch der Cholera in ihres Sohnes Gegend verbreitet. Sorge »m ihren Jungen hatte schon die ganzen Tage ihr Herz erfüllt; der Brief bestätigte ihre schlimmsten Befürchtungen. Selbst wenn der Cholera-Feind ihn noch nicht wirklich ergriffen hatte, als er schrieb, so befand er sich doch seinen eigenen Worten nach in jenem Zustande, in welchem die Seuche das leichteste Spiel hat. In dieser Stunde werden meine Novelle im Westermann lesen!" Er und die Andern wollten sich ansschütten vor Lachen, und anch mich reute das Wort, kaum, daß es mir entfahren war, aber nun mußte ich die Novelle wohl oder übel nach Brannschweig senden. Das Uebrige siehe oben. (Aum. d. Verf.) lag xr auf dem Krankenbett, ja vielleicht auf seinem Sterbebett, wern er nicht gar bereits todt war. Schon in jener Zeit hatte das Grvßmiitterchen die gewöhnliche Lebensgrenze überschritten; sie hatte Manche hinscheiden sehen und wußte, daß der Todesengel sein Werk nicht immer mit Muße betrecht. Bei einer Epidemie hat er alle Hände voll zu thun, als daß er jedem einzelnen Falle seine Aufmerksamkeit schenke» könnte. Der mütterliche Instinkt nagte an ihrem Herzblut, zog sie hin zu ihrem Sohne. Der Schluß des Briefes schien einen besonderen Wink zu enthalten. „Komm und besuche mich bald, mein Mütterchen. Ich werde in nächster Zeit nicht zu Dir kommen köuueu." Ja, sie mußte sofort zu ihm, wer weiß, ob es nicht das letzte Mal ist, daß sie seine Züge sehen kann? Aber dann kam ihr ein schrecklicher Gedanke und ließ sie stocken Der Sabbath war gerade „herein", erst einen Augenblick. Fahren, Reiten oder jede andere Art des Reifens war während der nächsten 24 Stunden verboten. Verzweifelt überblickte sie die Lage. Die Religion erlaubte die Entweihung des Sabbaths nur unter einer einzigen Bedingung — wenn das Leben auf dem Spiele stand. Durch kein Drehen und Wenden der Logik konnte sie sich in den Glauben hinein trügen, ihres Sohnes Genesung hinge von ihrer Gegenwart ab — nein, indem sie den Fall mit der ganzen Unbarmherzigkeit eines strengen Gewissens betrachtete, sah sie, daß seine Krankheit ja überhaupt nur auf einer möglicherweise begründeten Vermuthung beruhe. Fürwahr, jetzt zu ihm zu gehen, hieße ohne Frage den Sabbath entheiligen. Und doch blieb bei allem Nachdenken ihre Ueberzeuguug, daß er lodtkrank sei, und ihre Absicht, sogleich zu ihm zu eilen, unerschüttert. Nach einem beklemmenden Kampfe gab sie sich gefangen. Sie konnte nicht zu Wagen fahren — das würde noch Andere in den Handel hineinziehen und bedeutete außerdem: Geld ausgeben. Sie mußte zu Fuße gehen! So sündhaft es auch war, die Grenze von 2000 Ellen über ihr Dorf hinaus zu überschreiten — das rabbinische Gesetz hatte diese Entfernnug festgestellt — es half diesmal nichts. Und von allenArten des Reifens war Wandern sicherlich die am wenigsten sündige. Der Heilige, gelobt sei er, würde wiffen, daß sie nicht habe Arbeiten verrichten wollen; vielleicht würde er in seiner Gnade einer alten Frau verzeihen, welche nie zuvor seinen Ruhetag entweihet hatte. Und so, nachdem sie ein hastiges Mahl eingenommen und den theuern Brief in ihrem Busen verborgen hatte, machte sich an demselben Abend das alte Großmüttercheu auf den Weg, um die 37 Werst znrückzulegen. Keinen Stecken nahm sie mit sich, denn das Tragen eines solchen wäre unter die talmudische Auslegung des Begriffes „Arbeit" gefallen. Auch einen Regenschirin durfte sie nicht halten, obgleich es in der Regenzeit war. Meile nach Meile schritt sie tapfer vortvärts; dem bleichen Gesichte entgegen, das so weit jenseits des Horizontes lag und doch immer wie ein Leitfaden vor ihren Augen erschien. „Ich komme, mein Schäfchen," murmelte sie. „Mütterchen ist unterwegs." Es war eine dumpfe Nacht. Der Himmel, in zauberhafter, hektischer Röthe aufleuchtend, schien wie ein Bahrtuch über der Erde zu hängen. Die Bäume, die den Pfad einsäumten, waren in schmutzigen Dunst gehüllt. Um Mitternacht löschte der Nebel den Glanz der Sterne aus. Aber Großmütterchen wußte, daß der Weg geradeaus ging. Jede Nacht wanderte sie durch den Wald, furchtlos und traf weder Mensch noch Thier, obwohl Wolf und Bär die abgelegenen Plätze aufsuchteu und Nattern in den Büschen lauerten. AVer nur die unschuldigen Eichhörnchen sprangen über ihren Weg. Der Morgen fand sie abgemattet und beinahe lahm. Aber sie schritt vorwärts. Fast die halbe Reise war noch zu machen. Sie hatte nichts zum Essen bei sich; Nahrung war ebenfalls eine ungesetzliche Bürde, noch durfte sie an dem heutigen Tage

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