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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-08 · Heft 23 (8.6.1894) · p. Seite 273

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 23 (8.6.1894)
Date
1894-06-08
Page
Seite 273 (sequence 9)
Language
German
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273 Diesen Einblick gewann ich erst in Czernowitz, wo ich das Gymnasium besuchte, allmählich und stückweise, von Jahr zu Jahr mehr Nun, wo mein Vater nicht mehr war — ich habe ihn bereits 1858 verloren — begriff ich erst recht, unter welchen Kämpfen sein Leben vergangen, in welchen Anschauungen-,er mich erziehen gewollt. Wie es ohne jenen festen Grund, den er gelegt, ohne jene Begeisterung, die er in mir entflammt, mit mir gekommen wäre, könnte ich mit Bestimmtheit nicht sagen, denn vielleicht hätten mich zwei Grundzüge meines Wesens, die auch ich mir nachsagen darf, weil sie Niemand übersehen kann, der meine Schriften oder mich kennt; vielleicht hätten sage ich, mein Pflichtgefühl und mein Gerechtigkeitssinn mich annähernd denselben Weg einschlagen laffen, den ich gegangen bi». Aber gut war es doch, daß mein Vater jenen Grund legte. Denn je näher ich das national-orthodoxe Judenthum kennen lernte, desto mehr fühlte ich mich durch seine Auswüchse im tiefsten Herzen verwundet und fremdartig berührt. Auch entging mir zwar das Poetische an vielen seiner Formen nicht, aber ihren Zauber können sie doch nur auf Einen voll üben, dem sie zugleich ein Stück Kindheitserinnerung bedeuten. Dies war bei mir nicht der Fall. Ich war z. B. volle neunzehn Jahre alt, als ich dem ersten Seder-Abend beiwohnte. Es war ganz ausgeschlossen, daß ich, meines Vaters Sohn und frühzeitig auch durch das Leben zum vollen Pflichtgefühl erzogen, jemals daran denken konnte, meinen Glauben zu wechseln. Aber ebenso ivenig dachte ich daran, daß das Judenthum in meinem Lebe» eine bestimmende Rolle spiele», daß ich jemals innerhalb der engeren Genoffenschaft meiner Glaubensbrüder bestimmte Ideen zur Anschauung bringen sollte. Ich wollte Jude bleiben, auch hier meine Pflicht thun, das war Alles. Und vollends fiel mir damals nicht bei, daß in mir ein Erzähler, ein Kulturschilderer des Ghettolebens stecken könnte. Mir schwebte ei» anderes Ziel vor Augen, ich wollte klassische Philologie studiren und Professor werden. Das Ziel schien gar nicht zu verfehlen: ich war fleißig, hatte Neigung für das Fach, batte schon als Schüler eine Arbeit geleistet, welche die Aufmerksamkeit auf mich lenkte: eine Uebersetzung der lateinischen Erlogen des Vergil ins Griechische, die Sprache Theocrits (den dorischen Dialekt). Freilich war ich sehr arm, aber die Regierung gab mir ja gewiß ein Stipendium. Auch der Landeschef der Bukowina, ein wohlwollender Mann, war dieser Ansicht und unterstützte mein Gesuch auf das Wärniste. Die Entscheidung ließ lange auf sich warten. Endlich wurde ich eines Tages zum Landeschef berufen. Der gute Mann war in sichtlicher Verlegenheit. „Ihre Eignung steht außer Zweifel, aber —" Der Gedankenstrich bedeutete das Taufbecken. Einem Juden wurde das Stipendium nicht gegeben, es hatte auch keinen rechten Sinn, denn ich wollte ja eine Universitüts-Profeffur erreichen, und die war ja dem Juden unmöglich. Es war im Sommer 1867, vor der liberalen Aera. Mit meiner religiösen Ueberzeugung Handel treiben, das ging natürlich nicht. Auf das Stipendium mußte ich also verzichten. Und damit auch auf die klassische Philologie. Ein armer Junge wie ich, der Mutter und Schwestern zu versorgen hatte, durfte keinen Beruf wähle», der keine Aussicht auf Versorgung bot. Ich beschloß also, Jura zu studiren und that's. Das schreibt sich leicht hin, aber wie viel Schmerz, wie viel schlaflose Nächte zwischen jeder dieser Zeilen stehen, weiß nur, wer selbst je in ähnlicher Lage war. Jndeß — dies Selbstverständliche würde ich nicht erwähnen, wenn es nicht zur Sache gehörte. Mein Judenthnm hatte mir bisher weder Vortheil, noch Schaden gebracht. Nun brachte es mir Schaden, den schwersten, den ein Mensch erleiden kann, legte mir ein furchtbares Opfer auf: den Verzicht auf den Beruf, für den ich mich selbst bestimmt, von dem damals ich und Andere meinten, daß er am Besten für inich tauge. Derlei wirkt auf den Menschen verschieden, je nach seiner Anlage. Der Eine kann das Opfer nicht bringen, ihm scheint der Glaubenswechsel das leichtere Opfer. Der Andere verzichtet zwar, beginnt aber innerlich sein Judenthum als ein Unglück zu empfinden und zu — Haffen. Den Dritten aber beginnt sein Glaube eben deshalb näher anzngeheu, wärmer zu interessiren, .weil er ihm ein solches Opfer hat bringen müffen. Dies Letztere war bei mir der Fall. Ich wurde kein Frommer im Lande, aber mein Interesse für das Judenthum, das Gefühl meiner Zusanunengehörigkeit mit den armen Kaftanjuden in der Ezernowitzer „Wassergaffe" ivurde ungleich stärker als bisher. Es ging mit der Juristerei besser, als ich gedacht, ich begann, mich mit dem Studiunr zu befreunden. Da kain mir um meines Judenthums willen ein neuer, großer Schmerz. Eine Liebesgeschichte. Ich war kaum 21 Jahre alt. Aber es traf mich doch recht hart, als mir das Mädchen sagte: „Mir bricht das Herz, aber Sie sind ein Jude. . ." Das Herz brach ihr übrigens nicht. Aber auch mir nicht. Weh freilich that es mir, recht weh. Und in dieser Stimmung schrieb ich meine erste Novelle: „Das Christusbild", das die Liebe eines Juden und einer Christin schildert, und wie das Vorurtheil des Weibes stärker ist als seine Liebe. Freilich bereut sie, aber die Reue kommt zu spät. Ich schrieb die Geschichte binnen drei Tagen, im halben Fieber. Unwillkürlich, ohne nachzusinnen, verlegte ich den Schauplatz in mein heimathliches Czortkow und ließ auch sonst Jugenderinnerungen Hineinspielen. An den Druck dachte ich nicht. Ein Zufalls bestimmte mich, das Manuskript ein halbes Jahr später an die damals verbreitetste deutsche Revue zu senden, die „Westermannschen Monatshefte". Die i) Dieser Zufall war so ergötzlich und dürfte für manchen jmigen Anfänger so tröstlich sein, daß ich ihn hier erzählen will. In der Murvorstadt zu Graz gab es damals ein Bierhans: „Zum Sandwirth", in dem sich eine Tafelrunde von jungen Doktoren und Studenten znsammcnzufinden pflegte, darunter auch ich. Eines Abends kneipte der Redakteur eines damals in Graz erscheinenden kleinen belletristischen Blattes, der „Oesterreichischen Gartenlaube", mit uns. Der frische, liebenswürdige Mann — er hat sich seither als Historiker einen guten Namen gemacht — klagte uns sein Leid: Gedichte kämen in Hülle und Fülle, aber an brauchbaren Novellen fast nichts. „Das wundert »mV sagte ich, „es ist ja nicht gar so schwer, eine brauchbare Novelle zu schreiben." Meine Kollegen lachten, und der Redakteur meinte: „Sie würden anders denken, wenn Sie's probirt hätten." — „Ich Hab' es probirt," erwiedcrte ich. „Freilich denke ich nicht daran, das Zeug drucken zu lassen, aber daß es im Nothfall ebenso brauchbar wäre, wie Vieles, was Siebringen, glaube ich doch." Darauf wurde noch viel lauter gelacht, und der Redakteur meinte und wahrlich nicht mit Unrecht: „llie klirockus, die salta!“ — „Schön," sagte ich, «morgen sollen Sie die Novelle haben!" Man kann sich leicht denken, wie viel an diesem und an den folgenden Abenden auf meine Kosten gelacht wurde. Aber den Gipfelpunkt erreichte die Heiterkeit eine Woche später, als Dr. Hans von Z. — so hieß der Redakteur — wieder beim „Sandwirth" erschien und das Manuskript vor mich hinlegte. „Lieber F.", sagte er, „Sie sollen ja als Jurist und Redner Einiges versprechen, aber das Novellenschreiben müssen Sie lassen. So schlechtes Zeug habe ich überhaupt noch nie gelesen!" — „Das glaub' ich nicht," erwiedcrte ich trotzig. „Ich bilde mir nichts auf die Arbeit ein, denke nicht daran, ein Novellist zu werden, aber druckbar ist sie." Natürlich wurde dadurch das Halloh noch ärger, bis ich endlich, unvorsichtig genug, dem Redakteur sagte: „Geben Sie zu, daß die „Westermannschen Monatshefte" strenger redigirt sind, als Ihr Blättchen?" — „Natürlich — und?" — „Und Sie

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