Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1894)
- Date
- 1894-06-08
- Page
- Seite 275 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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275 etwas laufen. Sie sprach ihr Sabbath-Morgengebct im Wandern, hoffend, Gott werde ihr die Mißachtung vergeben. Das Hersagen ließ sie fast ihre Schmerzen vergessen. Als sie durch ein Dorf kam, hörte sie das furchtbare Gerücht von der Cholera bestätige»; es lieh ihren Füße» für zehn Minuten Flügel, dann zeigte sich die körperliche Schwäche stärker als irgend etwas sonst, und sie mußte sich draußen vor dem Dorfe gegen die Hecke lehnen. Es war beinahe Mittag. Ein vorübergehender Bettler gab ihr ein Stück Brod. Glücklicherweise war es nicht bestrichen, so konnte sie es mit geringeren Qualen essen, daß es nicht etwas „Unreines" berührt hätte. Sie nahm ihre Schritte wieder auf, aber die Rast hatte ihre Füße nur noch schmerzhafter und widerstrebender gemacht. Sie hätte sie gern in einer Quelle benetzt, aber auch das war verboten. Sie zog den Brief aus ihrem Busen und las ihn aufs Neue durch und trieb ihre sinkenden Kräfte mit dem Rufe wieder empor: „Muth, mein Schäfchen. Mütterchen ist unterwegs." Nun zerschmolzen die bleiernen Wolken zu scharfen Regenströmen, welche ihr ins Gesicht schlagen, indem sie zwar für die wenigen ersteir Augenblicke erfrischen, sie aber bald bis auf die Haut durchnässen nnd ihre feuchten Kleider zu einer um so schwereren Last machen, während der Fußweg zu einem Moraste wird, der ihre schwachen Tritte noch mehr hemmt. In dem Pfeifen des Windes und dem Peitschen des Regens humpelte sie weiter. Eine neue Angst ergriff sie jetzt — würde sie Kraft genug haben, um auszuhalten? Jeden Augenblick wurde ihr Schritt kleiner, sie schlich wie eine Schnecke. Und je langsamer sie ging, um so lebhafter wird ihre Vorahnung dessen, was sie am Ende ihrer Wanderschaft erwartete. Würde sie wenigstens seine letzten Worte hören? Vielleicht — schrecklicher Gedanke! — würde sie nur noch bei Zeiten kommen, um sein todtes Antlitz zu schauen! Vielleicht wollte Gott sie so für die Schändung seines heiligen Tages strafen. „Fasse Muth, mein Schäfchen," jammerte sie. „Stirb noch nicht, Mütterchen kommt." Der Regen hörte auf. Die Sonne kam hervor, heiß und glühend, und trocknete ihr Hände und Gesicht, ließ sie dann aber wieder von Schweißtropfen strömen. Jeder gewonnene Zoll war jetzt eine Marter, aber die braven Füße quälten sich weiter. Zerquetscht, geschwollen und gelähnit, quälten sie sich vorwärts. Da war eine ersterbende Stimme — ach, noch so gar entfernt! — die sie rief, und wie sie weiter kroch, rief sie zurück: „Ich komme, mein Schäfchen. Fasse ein Herz! Mütterchen ist unterwegs. Muth! Ich werde Dein Antlitz sehen, ich werde Dich am Leben finden." — Ein Fuhrmann bemerkte ihren Zustand nnd bot ihr an, aufzusteigen, aber sie schüttelte glaubensfest den Kopf. Der endlose Nachmittag verging, — sie schlich den Waldweg entlang, alle Augenblick aus bloßer Mattigkeit strauchelnd und Hände nnd Gesicht an dem Gestrüpp des Wegrandes zerreißend. Endlich entschwand die grausame Sonne und rauchende Nebel stiegen aus den Sümpfen des Waldes auf. Und noch immer streckte sich der Weg meilenlang ans/ und noch immer inühte sie sich ab, starr vor Ueberanstrengung, kaum von sich selbst wissend, und jeden Schritt nurmachend, weil sie den vorhergehenden gemacht hatte. Von Zeit zu Zeit murmelten ihre Lippen: „Fasse Muth, mein Schäfchen, ich komme." Der Sabbath war „aus", ehe, gebrochen nnd blutend nnd beinahe ohnmächtig, die alte. Großmutter sich zu ihres Sohnesz Schänke am Saume des Waldes hinschleppte. Ihr Herz gefror vor böser Vorahnung. Das Summen vieler Stimmen, Ivelche verschwommen eineil hebräischen Gesang anstimmten, drang in die Nacht hinaus. Ein Mann im Kaftan öffnete die Thür und hob mechanisch den Zeigefinger, daß sie ohne Geräusch eintreten möge. Großmütterchen blickte in den Raum im Hintergründe. Ihre Schwiegertochter und ihre Enkelkinder trauerten am Boden — dein Sitz der Trauernden. „Gelobt sei der gerechte Richter," sagte sie und zerriß den Saum ihres Kleides. „Wann starb er?" „Gestern. Wir mußten ihn noch eilig vor Beginn des Sabbaths zur Erde bringen." Die arme Großmutter erhob ihre zitternde Stimnie und fiel in die Hymne ein: „Ich will dir singeil ein neues Lied, o Herr; auf dem Zehnsait, auf der Harfe will ich preisen deinen Nanien." Die Wärterinnen konnten nicht begreifen, welcher plötzliche Aufschwung an Kraft und Energie die mumienhafte Gestalt sich aufrichten und hinsetzen ließ. Die alte Großmutter steckte eine zusammengeschrumpfte Hand in ihren kranken, eingesunkenen Busen und zog ein Papier heraus, kraus und gelb wie sie selber, mit seltsamen, unverständlichen Hieroglyphen bedeckt, deren Farbe längst verblaßt war. Sie hielt es nahe au ihre triefenden Augen — ein schöner Glanz erhellte diese und erleuchtete das von tausend Runzeln durchfurchte Gesicht. Schwach bewegten sich die Lippen: „Ich koinme, mein Schäfchen," murmelte sie. „Muth, Mütterchen ist unterwegs. Ich werde dein Antlitz sehen. Ich werde dich am Leben finden." Zum Mochenfeste. Von Gustav Jacobsohn. ^ie prangt im Sommerkleide So herrlich die Natur! Wie duften Wald und Haide, Der Garten und die Flur! Wohin die Blicke schweifen. Allüberall ein Reifen, Ein Streben und Entfalten, Ein Bilden und Gestalten. Was früh der Lenz begonnen. Vollendet ist es bald; Der Winter war zerronnen Vor seines Hauchs Gewalt, Und ihre Fesseln sprengten Die Knospen, die beengten. Und sind auf Frühlings Pochen Zur Freiheit aufgebrochen. Das war in Peßachtagen, Da grünte Baum und Strauch. Nun blühen in den Hagen Die rothen Rosen auch. Die jungen Früchte schwellen, Es wogt in Silberwellen Des Feldes reicher Segen Der Ernte froh entgegen. Drum, wie die Väter thaten. Da sie mit Freudigkeit Die Erstlingsfrucht der Saaten Dem Ewigen geweiht Und ihrer Heerden Bestes Am Tag des Wochenfestes Als fromme Dankesgaben Dem Herrn geopfert haben. Laßt uns auch heute wallen Zu unsers Gottes Haus Und schmücken seine Hallen Mit Kranz und Blumenstrauß — Und danken für die Aehre Und preisen für die Lehre Und rühmen und erheben Ihn, der sie uns gegeben! m