Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1894)
- Date
- 1894-06-08
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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V 272 Vater verliebte sich in sie und warb lim ihre Hand. Ihre Eltern willigten nach schweren Kämpfen ein, das erste Verlöbniß wurde gelöst, der neue Bund geschlossen. Aber so weit weg wollten sie ihr Kind nicht ziehen lasten und machten zur Bedingung, daß sich ihr Schwiegersohn in Rußland ansiedle. Dies konnte mein Vater nicht. Dagegen sprachen seine politischen, wie seine nationalen Hebet? zeugunge». In Galizien aber, damals einer deutsch regierten Provinzwollte er bleiben. Er wurde Arzt in Czortkow, einem Kreisstädtchen nahe der russischen Grenze. In meiner Erzählung „Moschko von Parma" schildere ich im letzten Kapitel einen jüdischen Kreisarzt, der sich zuerst in Deutschland niederlaffen gewollt nnd dann in Galizien geblieben: „So wählte er denn das kleine, armselige Städtchen der Ebene zur Stätte seines Wirkens und widmete sich mannhaft seiner doppelten Aufgabe an Kranken und Gesunden. Wer im Lichte gewandelt, gewöhnt sich schwer an die Dämmerung, aber darüber kam er hinweg; die Trostlosigkeit der Zustände, auf die er traf, stählte nur seinetr Willen, und wenn ihn seine Freunde einen Schwärmer nannten, so schüttelte er lächelnd das Haupt: „Laßt mich, Ihr werdet einst anders sprechen!" Aber diese Zeit wollte nicht kommen, in nutzlosem Ringen vergingen ihm die besten Jahre, im vergeblichen Kampfe gegen übermächtige Gewalten zersplitterte sich seine Kraft. Kaum vermochte er das Vorurtheil gegen sich selbst zu besiegen; die Christen vergaßen nie, daß er „doch nur ei» Jude" sei, die Juden redeten ihm seine „Aufgeklärtheit" bitter nach; nur mühsam konnte er sich durch sein edles Herz, sein tüchtiges Wesen die liebevolle Achtung beider erringen. Er war ein vielbeschäftigter Arzt, dem sie willig die Sorge für ihre körperliche Gesundheit anvertrauten; über ihre Seelen gewann er keine Macht. Er hatte sich zwei praktische Ziele gesetzt; er wollte einen Krankenverein begründen, der für die armen Siechen beider Bekenntniffe sorgen sollte, und eine jüdisch-deutsche Volksschule. Beides wollte nicht gelingen; Christen nnd Juden sträubten sich gegen jedes gemeinsame Wirken, und die Letzteren wollten von einer Schule nichs wissen, welche ihren Kindern den frommen Glauben rauben müste. Aber dieser edle Mann war ja ein „Schwärmer"; er wurde sich bewußt, daß der Einzelne wenig gegen das Vorurtheil vermöge, aber diese Erkenntniß konnte weder sein Herz verbittern, noch völlig entmuthigen; er blieb sich gleich in seiner reinen werkthätigen Liebe zu den Menschen, in seinem Hoffen auf lichtere Tage." So war mein Vater. Rechnet man hinzu, was ich über die Stellung meines Großvaters zu seinen Glaubensgenoffen gesagt, so bleibt mir an dieser Stelle nichts Allgemeines mehr zu berichten übrig. Ich habe nur noch Einiges zu erzählen, was mich angeht. Ich bin am 25. Oktober 1848 auf russischem Boden geboren, im Gouvernement Podolien, in einem Forsthause dicht an der österreichischen Grenze. Ich glaube nicht, daß man je die Absicht hegen wird, an diesem Hause eine Gedenktafel anzubringen; sollte aber einst irgend ein Freund meiner Schriften auf diesen Gedanken kommen, so wird er ihn nicht verwirklichen können. Das Haus steht einst mehr; über die Stelle, wo ich zur Welt gekommen bin und die ersten Wochen meines Lebens verbracht habe, geht heute der Pflug; der gerodete Wald ist Ackerland geworden. Vor 45 Jahren wohnte dort ein wackerer deutscher Förster aus Westfalen, der meinem Vater treu anhing, weil er ihn in schwerer Krankheit am Leben erhalten hatte. Den Dank dafür trug der Mann nun ab, indem er die Familie seines Lebensretters treulich aufnahm. Denn der Spätherbst 1848 war eine böse Zeit in Ostgalizien; die Polen erhoben sich und gingen damit um, den vereinzelten Deutschen im Lande daffelbe Loos zu bereiten, wie «s ihre Posener Landsleute den Preußen ein halbes Jahr vorher zugefügt oder doch zuzufügen versucht. Zu den Bedrohten gehörte auch mein Vater, denn erstlich stand er als Bezirksarzt in k. k. Diensten, und zweitens hatte er sich immer als eifriger Deutscher bethätigt. Jeden Tag regnete es Drohbriefe; auf dem flachen Lande war bereits der Aufruhr offen erklärt; im Städtchen erwartete man stets den Ueberfall. Man ricth meinen: Vater, zu flüchten; ex war nicht der Mann, seinen Posten zu verlassen. So schickte er denn nur meine Mutter, die mich eben unter dem Herzen trug, und meine älteren Geschwister über die Grenze in jenes Forsthaus. Dort also bin ich, wie gesagt, zur Welt gekommen, vorzeitig; mein« arme Mutter war ja in tödtlicher Angst nnd Sorge um den Gatten. Die Gefahr ging gnädig an ihm vorbei; schon im November war der Aufstand der Polen zu Ende und sie konnte heimkehren. Man sieht, ich bin deshalb in Rußland zur Welt gekommen, weil mein Vater sich als Deutscher fühlte und darnach handelte. Auch bei meiner Erziehung. Das deutsche National-Geftthl, das mich erfüllt, das auch ich mein Leben lang bethätigt habe, ist mir von Kindheit auf eiugeprägt worden. Ich war uoch nicht drei Käse hoch, als mir mein Vater bereits sagte: „Du bist Deiner Nationalität nach kein Pole, kein Ruthene, kein Jude — Du bist ein Deutscher!" Aber ebenso oft hat er mir schon damals gesagt: „Deinem Glauben nach bist Du ein Jude." Kurz, mein Vater erzog mich, wie mein Großvater ihn erzogen, in denselben Anschauungen, sogar zu demselben Endzweck, ich sollte meine Heimath nicht in Galizien finden, sondern im Westen. Und auch die Gründe, die meinen Vater dazu bewogen, waren dieselben. . . Es gehört mit zu den seit lange gehegten Absichten meines Lebens, einmal ein Bild meiner Kindheit zu geben. Hier natürlich wäre dazu nicht der Ort. Nur das Wichtigste soll gesagt sein. Ich besuchte die einzige Schule des Städtchens, die im Kloster der Dominikaner; dort lernte ich Polnisch und Latein. Im Deutschen unterrichtete mich mein Vater selbst. Für das Hebräische hatte ich einen besonderen Lehrer. Dieser Mann war zugleich der einzige meiner Czortkower Glaubensgenossen, mit dem ich bis in mein zehntes Jahr in nähere Berührung kam. Meine Mitschüler, meine Spielgefährten waren Christen. Ich betrat selten ein jüdisches Haus, nie die Synagoge. Religiöse Bräuche, sowie die Speisegesetze wurden im elterlichen Hause nicht gehalten. Ich wuchs wie auf einer Insel auf. Von meinen Mitschülern schieden mich Glaube und Sprache, lind genau daffelbe schied mich von den jüdischen Knaben. Ich ivar ein Jude, aber von anderer Art als sie, und ihre Sprache war nur nicht ganz verständlich. In diesen Eindrücken meiner Kindheit wurzelt vielleicht das Beste, was ich habe: die Fähigkeit des Beobachtens. Ich war von allen Anderen geschieden, ein Anderer als sie. Aber was ich nun war, wußte ich ganz genau, dafür hatte mein Vater gesorgt. Ich war ein Deutscher und ein Jude zugleich. Von Beiden hörte ich nur das Beste und Edelste, was mich zur Treue, ja zur Begeisterung entflammen konnte. Bewarf niich zuweilen ein Judenknabe mit Koth und schimpfte mich einen Abtrünnigen, so wurde mir gesagt: „Er ist deshalb doch Dein Bruder, grolle ihm nicht, er weiß nicht, was er thut." Freilich durfte ich den Bruder nicht näher kennen lernen, aber dazu hatte ich auch geringe Lust, und bescheidene Annäherungsversuche, die ich machte, fielen übel aus: die kleinen Kaftanträger prügelten und verhöhnten mich. Begegnete ich aber nur Einem von ihnen, so lief er vor mir davon. Das mißfiel mir Beides, stimmte niir auch nicht zu der Geschichte der Makkabäer, die mir mein Vater so begeistert zu erzählen pflegte. So standen die Dinge in meiner Knabenzeit in Czortkow. Ich hatte viel Begeisterung für das Judenthum, aber einen sehr dürftigen Einblick in das reale Leben der Juden um mich her.