Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1894)
- Date
- 1894-06-08
- Page
- Seite 271 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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271 . Herbst-Liffa schlägt hierauf im Anschlüsse an den gegebenen Kassenbericht, in welchem er gezeigt hat, daß die hauptsächlichsten Unkosten durch den Druck der Einladungen und Protokolle, sowie das Porto für die Versendung der Druckschriften entstehen, vor, daß die Einladungen sowohl wie die Protokolle nur in den jüdischen Zeitschriften abgedruckt werden möchten. Er sei überzeugt, daß.hie Redaktionen dieser Blätter, von denen doch jedes Mitglied des Vereins mindestens eins lesen müsse, diese Vereinsnachrichten gern und kostenlos aufnehmen würden; vom „Jeschurun" und der „Wochenschrift" sei dem Verein schon wiederholt solch freundliches Entgegenkommen bewiesen worden. — Hierzu werden die verschiedenartigsten Vorschläge von den Herren Pros. Dr. Badt, Tintner, Dr. Dr. L. Neustadt, Wreschner, Guttmann und Rosenthal gemacht. Die Versammlung spricht sich schließlich dahin aus, daß wie bisher Einzelabdrucke stattfinden sollen, dem Vorstände aber der Modus der Ausführung zu überlassen sei. Gelegentlich dieser Debatte erwähnt Dr. Wreschner-Samter, daß er im vorigen Jahre nicht verstanden worden sei. Wir lassen daher hier den Wortlaut der auf der vorjährigen Hauptversammlung angenommenen Resolution folgen: „Zu religiöser Vorbildung der schulpflichtigen jüdischen Jugend erachten wir einen wöchentlichen Unterricht im Hebräischen von etwa 4. Stunden für unerläßlich, damit das Heranwachsende Geschlecht mit Verständniß am öffentlichen und häuslichen Gottesdienst rheilnehmen könne." 4. Zur Berathung des Entwurfs der Statuten für den D.-J. Lehrerbund hatte sich Herr A. Lewin-Tilsit erboten, ein Referat zu halten. Er war aber, wie er gestern telegraphisch meldete, am Erscheinen verhindert. (Außer diesem Herrn haben ihr Nichterscheinen entschuldigt die Herren: Dr Cohn-Kattowitz, Lewin-Rosenberg O.-S., Cohn-Lissa und Blumenfeld-Schweidnitz.) Der Vorsitzende eröffnet die Generaldebatte. Bernhard-Tarnowitz nimmt das Wort und meint, die Vorfrage sei noch zu lösen, ob wir gewillt seien, einem D.-J. L-B. beizutreten. Hierauf wird erwiedert, daß hier der bereits auf der vorjährigen Versammlung im bejahenden Sinne beschlossen worden sei. Dr. Braun-Breslau bedauert den Mangel einer gedruckten Vorlage, er könne sich einen rechten Erfolg von dieser Berathung nicht versprechen. So sei die Versammlung in der Nothlage, die Vorlage entweder ev bloe anzunehmen oder zu verwerfen. Er schlage aber vor, die Berathung zu vertagen, den Entwurf drucken zu lassen, eine Kommission zu wählen, welche dann der nächstjährigen Versammlung Vorschläge machen solle Da wir in der angenehmen Lage uns befinden, über einen stattlichen Fonds der Unterstützungskaffe zu verfügen, andererseits auch den einzelnen Mitgliedern durch den Bund materielle Opfer auferlegt werden, so bedürfe die Angelegenheit einer sorgfältigen Prüfung. — Eine besonders erregte Debatte entspinnt sich, da nicht nur der hannöversche Entwurf, sondern auch der letzthin in der Allgem Ztg. d. Judenthums veröffentlichte Becker'sche Entwurf verlesen worden war, über die Frage, ob ein Verband der Volksschullehrer oder aller jüdischen Lehrer gegründet werden solle. Der Becker'sche Entwurf, durch welchen eine sehr große Anzahl (Religions-) Lehrer ausgeschlossen würde, wird allgemein verworfen und dem hannöverschen der Vorzug gegeben. Eine Kommission soll diesen Entwurf berathen und der nächstjährigen Versammlung Bericht erstatten. Die Kommission soll sich zusammensetzeu aus den Vorstandsmitgliedern des Breslauer Vereins für Schlesien und Posen und den beiden anderen in diesen Provinzen vorhandenen jüdischen Lehrervereinen, nämlich in Oberschlesien und in den Ostprovinzen. Falls die Delegirtenversammlung aber in diesem Sommer noch einberufen werden und stattfinden sollte, so werden die Kommissionsmitglieder ermächtigt, dieser Versammlung beizuwohnen und nach der heute gegebenen Direktive zu beschließen. Als Ergebniß der sehr lebhaft, oft zu lebhaft geführten Debatte resümiren wir: Die Versammlung beschließt einstimmig: 1. Sämmtliche jüdische Lehrer, also auch die Religionslehrer, welche eine Staatsprüfung nicht bestanden haben, sollen für den D-J. L -B aufnahmeberechtigt sein. 2. Dem Herrn Blumenfeld-Adelebsen ist mitzutheilen, daß die heutige Versammlung wegen Mangels genügender Informationen nicht im Stande war, heute bindende Beschlüsse zu fassen; deshalb möchte der Delegirtentag erst im nächsten Jahre einberufen werden. 3. Die Kommission zur Berathung des Entwurfs setzt sich aus den Vorständen der drei jüdischen Lehrervereine in den Provinzen Schlesien und Posen zusammen. Inzwischen ist es 1 Uhr geworden, und da die Temperatur eine ziemlich hohe geworden, schlägt Dr. Guttmann vor, die Berathungen bis 4 Uhr Nachmittags zu vertage^. Dem wird von Herbst widersprochen. Gr befürchtetum 4 Uhr nur sehr Wenige hier wiederzusehen, ist für Fortsetzung der Verhandlungen, eventuell für den Eintritt einer halbstündigen Pause. Dr. Königsberger, welcher den Vortrag zu halten sich erboten hat, erklärt, daß sein Vortrag kaum mehr als eine halbe Stunde in Anspruch nehmen werde und schlägt vor, eine Pause nicht eintreten zu lassen. Die Versammlung ist damit einverstanden und zollt dem geistvollen Referate: „Die Engelslehre im alten Testament" lebhaften Beifall. Punkt 6 der Tagesordnung: „Etwaige Anträge aus der Mitte der Versammlung", giebt Singer-Tarnowitz Veranlassung, seine Verwunderung auszusprechen, daß in einer Lehrerversammlung so wenig pädagogische Anregung geboten werde. Herbst erwiedert, daß das Abhalten einer Probelektion geplant und Alles schon dazu vorbereitet gewesen sei, es habe nur leider am Besten gefehlt. Die Tagung könne naturgemäß nur in den Ferien stattsinden, und da sei es unausführbar, eine Anzahl Schüler zusammenzubringen. Auch Dr. Rosenthal- Rogajen wünscht, daß mehr über pädagogische Angelegenheiten verhandelt werde. Bernhard-Tarnowitz will keinen Antrag stellen, giebt aber zu erwägen, indem er auf das Beispiel hinweist, welches Königsberg vor einigen Monaten gegeben, ob nicht Breslau seiner Lehrerversammlung etwas zu bieten einigermaßen verpflichtet sei. Für die nächstjährige Versammlung melden Vorträge an die Herren: 1. Grünfeld-Schwersenz: „Wie erzieht man die Jugend zur Wahrheitsliebe?" 2. Dr. Louis Neustadt-Breslau: „Jüdisches Schulrecht in Preußen." 3. Dr. Ludwig Rosenthal - Rogasen: „Einiges Pädagogische über das Buch Esther." Schluß der Sitzung nach 2 Uhr. Folgt gemeinsames Mittagessen und später Ausflug nach Scheitnig. Der Schriftführer: Herbst. Gin Uorwort. Von Karl Emil Franzos. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) fies Verbleiben im Osten war nicht die ursprüngliche Absicht meines Vaters gewesen. Während er in Wien, dann an deutschen Hochschulen Medizin studirte, schwebte ihin selbst immer derselbe Plan vor, den sein Vater für ihn hegte: er wollte seine Wirksamkeit in Deutschland suchen. Dazu bestimmte ihn gleichermaßen die Erinnerung an die arme, öde Heimath, die nicht eben locken konnte, wie die starke Neigung für deutsches Wesen. Seinem Glauben nach fühlte sich mein Vater als Jude, seiner Nationalität nach als Deutscher. Wie sehr er sich als solcher fühlte, beweist der Umstand, daß er — es war zu Beginn der dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts — einer der ersten jüdischen Studenten war, die sich der deutsche» Burschenschaft anschlossen. Nachdem er Doktor geworden, wollte er sich in München niederlassen und kam vorher nur noch zu Besuch nach Galizien. Dieser Besuch entschied über sein Leben. Er lernte die Tochter eines aus Oesterreich stammenden, aber schon damals in Rußland lebenden Kaufmanns kennen, die eben mit den Eltern zu kurzem Besuch nach Brody gekommen, um — sic war die Braut eines russischen Getreidehäudlers — dort ihre Aussteuer zu besorgen. Mein