Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1894)
- Date
- 1894-06-08
- Page
- Seite 269 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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—- 269 - Sehen wir uns nun die Nachbarschaft der Gebote an, ist der das der Nächstenliebe auftritt. Der erste Satz giebt die Zusammenfassung in dem grandiosen Worte: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Herr euer Gott." Die Entfaltung des Universalbegriffs der Heiligkeit beginnt mit den-^jwei, auch im Dekalog benachbarten Geboten der Elternliebe und der Sabbathweihe. Darauf das Verbot des Götzendienstes. Alsbald aber wird die Heiligkeit wieder an den Begriff des sozialen Sabbath angeknüpft, und es konimt das Verbot der Nachlese auf Feld und Weinberg: „Dem Armen und dem Fremdling sollst du sie überlassen." Darauf die Verbote von Diebstahl und Lüge und falschem Zeugniß; von Bedrückung und Raub, von Vorenthaltung des Lohnes, auch nur bis zum Morgen. Sodann wird die Scheu geboten vor dem Tauben und dem Blinden. Darauf die Gerechtigkeit, die auch den Armen nicht schonen soll, — das bekannte Glanzstück in der Selbstcharakteristik des altisraelitischeu Gemüthes. Der Gesetzgeber geht in den folgenden Versen zur Privatmoral über. Mit dem Verleumder wird der Meuchelmörder zusammengestellt, dann kommt der jüdische Ausdruck der Feindesliebe: „Du sollst nicht Haffen deinen Bruder in deinem Herzen, ermahnen sollst du deinen Nächsten." Endlich wird die Selbstsucht im tiefsten Punkte getroffen: an der Rachsucht, die doch so vielfach auch mit relativ sittlichen Instinkten zusammenhängt und in der Blutrache ein bis zur erhabensten Tragik fruchtbares Motiv liefert. Aber gerade an diese Wurzel der Selbstsucht knüpft unser Menschenkenner an: an das Verbot der Rache und des Nachtragens schließt sich unmittelbar das wunderbare Wort „Du sollst deinen Nächste» lieben wie dich selbst, ich bin der Herr." Darin gipfelt die Entfaltung des Begriffs der Heiligkeit, mit dem der Abschnitt begonnen. Und dieser Nächste soll der Volksgenosse sein! Weil es in demselben Satze heißt: „Du sollst nicht rachgierig sein und nicht Zorn halten gegen die Kinder deines Volkes." In dem ganzen Abschnitt ist ein Wechsel bemerkbar in der Anrede zwischen den Ausdrücken für Bruder und Nächster. Und grade bei dem Verbot der Rache möchte der Ausdruck „die Kinder deines Volkes" charakteristisch sein; denn das Stammesgefühl fordert sonst die Rache. Aber wir wissen bereits, daß der Begriff des Nächsten nur im Absehen von der Bluts- und Stammesgemeinschaft entstehen konnte. Auch in der griechischen Moral überwindet der Anos die nationale Beschränknng der Sittlichkeit, und nirgend erscheint Zeus monotheistischer, denn als Zeus Xenios, als Schützer des Gastrechts. So steht bei den Griechen der Fremdling doch noch in einem Zusammenhang mit der Verkehrs- oder der Kriegssitte. Viel enger und elementarer dagegen ist der Begriff des Fremdlings im Mosaismus. Bei den Griechen ist er höchstens der hilfesuchende Wanderer. Im Pentateuch gehört er zum Grund und Boden. Daher wird er häufig mit dem Armen, der Waise und Wittwe verbunden. Nachdem andere, die geschlechtlichen Beziehungen der Sittlichkeit regelnde Vorschriften erledigt waren, kehrt der Abschnitt mit dem Gebot der Ehre des Alters zu den subtileren Problemen des Gemüthslebens zurück. Da tritt der Fremdling ein: „Du sollst ihn lieben wie dich selbst." Aber dieser Fremdling soll wieder der Proselyt sein, wie der Nächste der Volksgenoffe! Es ist doch sonderbar, daß gelehrte Philologen nicht im Zusammenhänge lesen können, wenn es sich um höhere Rücksichten handelt. Der Gesetzgeber begründet hier sein Gebot: „denn Fremdlinge wäret ihr im Lande Aegypten, ich bin der Herr, euer Gott." Waren etwa auch die Israeliten Proselyten beim Jsisdienst? Oder waren sie nur aussätzige Fremdlinge und absoluter Abscheu der Aegypter? Mit der Erinnerung an ihre nationale Vergangenheit sollten die Israeliten jeden Fremdling betrachten. „kW den Fremdling sollst du nicht bedrängen; denn ihr wisset um der Fremdlinge Herz, dieweil ihr Fremdlinge wäret im Lande Aegypten." (2. B. M. Kap. 23, 9.) So heißt der Fremdling Bruder. „Wenn dein Bruder verarmt, und seine Hand schwach wird neben dir, so sollst du ihm beistehen, er.sei Fremdling oder Beisatz, daß er lebe neben dir. Und sollst nicht Zins und Wucher voll ihm nehmen, sollst dich scheuen vor deinem Gotte, und dein Bruder lebe mit dir." Von einer solchen modernen Exegese flüchtet man gern zu unserem alten Raschi. Zu dem Verse der Nächstenliebe lautet in seinem Lapidarstil seine Erklärung: „Es sprach Rabbi Akiba: dies ist ein großer Grundsatz in der Thora"; und zu bem Schlußwort bei der Fremdenliebe, „ich bin der Herr, euer Gott" lautet seine Erklärung: „Dein Gott und sein Gott bin ich." Das Auffälligste an dieser Art unfreier Exegese ist aber doch noch nicht ausgesprochen. Es liegt darin, daß jene modernen Herren christlicher sein wollen als die Evangelien und als Jesus selbst. Marcus Kap. 12, 28 fragt der Schriftgelehrten einer Jesus: welches ist das vornehmste Gebot vor allen. Jesus aber antwortete ihm: das vornehmste Gebot vor allen ist das: Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einiger Gott; und du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüthe und von allen deinen Kräften. Das ist das vornehmste Gebot. Und das andere ist ihn: gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben als Dich selbst. Es ist kein ander größer Gebot denn dieses. Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, Du hast wahrlich recht geredet; denn es ist ein Gott, und ist kein andrer außer ihm; und denselbigen lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüthe, von ganzer Seele und von allen Kräften, und lieben seinen Nächsten als sich selbst, das ist mehr denn Brandopfer und alle Opfer. Da Jesus aber sähe, daß er verniinftiglich antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht ferne voll dem Reich Gottes." Man sieht hier aufs Deutlichste, daß Jesus unter dem Nächsten nicht den Juden verstanden haben kann; anderenfalls würde er nicht ohne berichtigenden Zusatz den mosaischen Vers zitirt haben. Und auch der Schriftgelehrte lobt ihn darob lind ergänzt das Gebot noch durch den echt prophetischen Gedanken: „das ist mehr denn Brandopfer und alle Opfer". Und ebenso wird überall, ohne jeden Schein und jede Absicht einer Kritik das Gebot im neuen Testament zitirt; selbst Luc. Kap. 10, 25 ff., wo der Schriftgelehrte die verfängliche Frage stellt: „wer ist denn mein Nächster?" Jesus antwortet mit dem Gleichniß vom Samariter. Aber auf die Frage Jesu, ob dieser oder der Priester oder der Levite der Nächste sei, antwortet der Schriftgelehrte: „der die Barmherzigkeit an ihm that." Ueberall wird der Nächste als Nichtjude verstanden. Noch eines aber können wir aus dem neuen Testament für diese Frage lernen. Ueberall, wo die Nächstenliebe zitirt wird, wird sie angeknüpft an das „Höre Israel" und das mit ihm zusammenhängende Gebot der Liebe zu Gott. In der That, nur aus dem Begriffe der Einheit Gottes läßt sich die Nächstenliebe begreifen. Und so mag Wessely doch Recht haben mit seiner Uebersetzung unseres Verses. Ob der feine Sprachkenner und neuhebräische Dichter Recht hat mit der sprachlichen Begründung seiner Ansicht, will ich nicht entscheiden; aber der Gedanke ist richtig, aus dem heraus er an der üblichen Uebersetzung Anstoß ninnnt. Nicht wie mich selbst, sagt er, soll ich den Nächsten lieben, sondern er übersetzt: Liebe deinen Nächsten, er ist wie du. Das ist der neue Gedanke: daß die Menschen als Menschen einander gleich sind, nämlich als Kinder und Ebenbilder Gottes. Daraus entspringt die Möglichkeit zur Pflicht der Nächstenliebe. Nicht der Grad der Liebe wird an-