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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-08 · Heft 23 (8.6.1894) · p. Seite 268

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 23 (8.6.1894)
Date
1894-06-08
Page
Seite 268 (sequence 4)
Language
German
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- 268 - Einfachheit und Nüchternheit Herr bleibt seiner selbst, Herr feines Herzens, Herr seines sittlichen Willens — wer von Beiden ist der -Freie und wer der Sklave? Unsere Weisen gaben uns die rechte Antwort darauf: „Wer sich selbst znm Diener macht der Gotteslehre, das ist der wahrhaft Freie; wer aber in Uebermuth die Grenzen der Pflicht überschreitetet, das ist der Sklave." Wenn sich unsere Zeit ans den Satz „Wißen macht frei" viel zu Gute thuu will, so finden wir ihn schon in dem Ausspruch unserer Attest: „Die Schriftgelehrten sind die wahrhaft Freien", sie, die in der am Sinai offenbarten Lehre forschen, mit deren erstem Worte sich Gott angekündigt hat als „Gott der Freiheit", der dem Unterdrückten Recht schafft und die Fesseln bricht jeglicher Knechtschaft. Jum Priorrtntsstreit über das Gebot der Nächstenliebe. Von Prof. Dr. Hermann Cohen in Marburg. in unerfreliliches Beispiel des fortdauernden Mangels an litterarischer Nächstenliebe ist neuerlich wieder in diesen Blättern (Nr. 20) vorgeführt wordeil. Wir sind zu der Resignation genöthigt, daß es nicht das letzte Beispiel sein wird. So mögen denn an das ewige Kapitel einige Betrachtungen hier wieder geknüpft werden, wenn auch nur zum Tröste Derer, die sie nicht nöthig haben. Die Nächstenliebe ist nicht blos das größte Problem der Ethik, sondern die schwerste Aufgabe aller Religion. Denn die Religion, als solche, will den Begriff des Menschen durch die Religion definiren. Nur der voll ihr erfüllte, durch sie erzogene, ihr gemäße Mensch ist der wahre Mensch. Es widerspricht eigentlich ihrem Begriffe, desi wahren Menschen da anzuerkenuen, wo derselbe von ihr nicht geläutert, nicht geheiligt ist. Diesem Widerspruch im Wesen der Religion entspringt und entspricht der Konflikt zwischen Religion und Sittlichkeit. Die Sittlichkeit kennt den Menschen nur als das Naturwesen >m Verhältniß zu anderen Naturwesen. Die Religion dagegen muß ihn zugleich denken im Verhältniß zu dem übernatürlichen Gotte. Ueber den aber ist nicht blos praktisch, wie über den Menschen, sondern nicht niinder theoretisch Streit und Krieg. So läßt es sich verstehen, daß cs den Religionen nicht gelingen konnte, »vahrhaftige Nächstenliebe auf Erden zu pflanzen. Und so rechtfertigt es sich, daß die Ethik bestrebt bleiben muß, unabhängios von aller Religion den Begriff der Nächstenliebe zu bestimmen und dadurch wahre Nächstenliebe zu begründen. Aber es ist eine unhistorische Ansicht, daß die Ethik in ihrer Geschichte von der Religion unabhängig wäre. Die Wissenschaft der Ethik muß unabhängig sein von der Religion. Diese Unabhängigkeit ist bedingt durch ihre Methode und ihr Problem, die sie von der Religion gänzlich unterscheiden. Aber ihr Material entnimmt die Ethik ebenso von der Religion, wie von der Mythologie oder der Kunst oder der Politik und der Wirthschafts- und Kriegsgeschichte. Und so dankt die Ethik den großen Grundsatz der Nächstenliebe der sogenannten mosaischen Lehre. Es ist freilich auffällig, daß in so früher Zeit ein solcher Gedanke, der den Schlußstein aller Ethik bildet, erdacht worden sein soll. Und man kann begierig sein, zu erforschen, mit welche» tiefsinnigen Einsichten im Zusammenhang seine Formulirung erfolgt sein mag. Es läßt sich verstehen, daß die historische Schablone nach einer Vorbereitung für denselben sucht, damit er nicht in volle» Rüstung aus dem Haupte Jehovas entsprungen sei. Aber die Worische Kritik ist an gewiffenhafte Untersuchung der Quellen gebunden. Das Vorurtheil, daß eine Urkunde eine Vorstufe sei, mag einer theologischen Vorstellung von einem göttlichen Erziehnngsplane dienen; in einer historisch"» Untersuchung ist es vom Uebel. Auch möchte eine allgemeine Betrachtung nicht ungeeignet 'sein, diese historische Skrupulosität zu beschwichtigen. Wir sagten, daß die Nächstenliebe eigentlich ein Widerspruch gegm die Religion ist, die den Jdealmenschen doch nur als Gläubigen anerkennen darf. Es giebt aber ein gewaltiges Mittel, diesen Widerspruch zu beseitigen. Und es ist der hauptsächlichste Vorzug des Judenthums, daß es über dieses Mittel verfügt. Der Begriff des Menschen wird in ihm an keine andere Bedingung geknüpft als an die des Einen Gottes. Der Eine Gott hat es zu verantworten, daß es so viele und so vielerlei Menschen auf Erden giebt. Die Menschen haben höchstens die eine Aufgabe, Gott zu erkennen. Das ist die Gefahr, tvelche auch im Judenthum für das Problem der Nächstenliebe besteht. Aber der durchschlagende Gedanke ist doch, daß die Menschen Menschen bleiben, auch wenn sie Gott nicht erkennen. Gott ist ihr Vater, wenn sie auch nicht seine Kinder sein wollen. Die Einheit Gottes hat zur innerlich nothwendigen Folge den Gedanken von der Kindschaft und Bruderschaft der Menschen. So suchen wir das historische Wunder zu verstehen, daß in so früher Zeit menschlicher Entwicklung der Begriff des Menschen vollzogen werden konnte. Nur aus einem überspannenden Enthusiasmus heraus konnte er geboren werden. Es ist eine gänzlich unpsychologische Ansicht, daß der Begriff der Nächstenliebe auf dem Wege einer politischen Toleranz entstehen konnte. Persönliche Berührungen mit anderen Stämmen und Andersgläubigen mußten freilich stattgefunden haben, wenn überhaupt das Problem der Nächstenliebe entstehen konnte. Aber durch ein schulmeisterliches Markten, wie viel Verschiedenheit man allenfalls dulden, tvelches Minimum von Einheitlichkeit dagegen man schlechterdings zu fordern habe, in einer so äußerlichen Mechanik konnte ein Gedanke nicht entstehen, der vor allen Gedanken des menschlichen Geistes das Gepräge einer einheitlichen Idee hat. In westen Gehirn der Gedanke aufstieg, daß ich einen andern Menschen lieben soll wie mich selbst, der konnte dabei nicht an den besonderen Stammesmenschen denke». Der Patriotismus erzeugt nicht jenen Universalisnius, sondern wird erst in ihm gegliedert und bestimmt. Wer den Andern als den Mitmenschen denkt, denkt ihn nicht als das Mitglied irgend einer Art von staatlicher Gemeinschaft, die doch schon in den. primitivsten Formen ihre Grenzen und Konflikte hat. Wer den Menschen als Menschen denkt — in einer Zeit, in der es noch keine Philosophen und noch keine Ethik gab, — der denkt ihn als das Glied einer übernatürlichen Ordnung, für die er in keiner Stammesgeschichte ein Vorbild hat, — die er nur ahnen kann. Dieses Ahnen ist Religion. Diese übernatürliche Ordnung nennt der Urmensch Gott, der daher nicht seinen Stammvater Abraham erschaffen hat, sondern Adam, den Stammvater aller Menschen. Und es ist ein tiefsinniger Midrasch, daß darum die Thora mit Adam beginnt, und nicht etwa mit dem Berg Sinai. Aber nachdem der Universalbegriff des Nächsten einmal geschaffen war, konnte und inußte er die sozialpolitische Ansicht vom Menschen läutern. So läßt es sich verstehen, daß im talniudischen Judenthum ein Begriff entstehen konnte, der für das moderne Problem des Verhältnisses von Staat und Kirche als Leitbegriff bezeichnet werden darf. Ich meine den Begriff des Noachiden, und verweise für die Bedeutung dieses Begriffs auf mein Gutachten über die Nächstenliebe im Talmud. Ueber die Geschichte dieses Begriffs könnte getrost eine Preisaufgabe gestellt werden.

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