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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-08 · Heft 23 (8.6.1894) · p. Seite 267

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 23 (8.6.1894)
Date
1894-06-08
Page
Seite 267 (sequence 3)
Language
German
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S67 gangenen Tages übereinstimmen mit der freudigen Veranlassung, nur dann wird jene Absicht erreicht. Wie aber, wenn ein Gegensatz zwischen dem bestehenden und dem ursprünglichen Anlässe schroff sich aufrichtet? Kinder haben seit vielen Jahren den Geburtstag eines zärtlich geliebten Vaters oder einer? verehrten Mutter freudig begangen. Da kommt der Tod mit unerbittlicher Hand und reißt die Eltern aus der Mitte liebender Kinder. Naht dann für sie der Tag, an dem sie das Geburtsfest der theuren Eltern feierten, erfüllt er sie nur mit noch tieferer Wehmuth. Der Geburtstag der verstorbenen Lieben erinnert sie um so schmerzlicher an den schweren Verlust ihrer Theuren. Das Geburtsfest von Israels Freiheit, wenn es in die jammervollen Zeiten der Bedrückung, der ärgsten Sklaverei fiel, da mußte es wohl in dem jüdischen Herzen unsägliches Wehe wecken. Es rückte dann den traurigen Gegensatz zwischen einer lichten Vergangenheit und einer trüben Gegenwart fühlbar nahe und mahnte um so peinlicher an den herben Verlust. An gar manchem Feste schon, wenn Israel freudig begehen sollte „den Tag, an dem Gott es befreit und erlöst hat von schweren Leiden und Ungemach", da feierte Israel den Geburtstag einer verstorbenen Mutter, der gemordeten Freiheit, der begrabenen Menschenwürde. Wie oft schlich sogar in die duftige Frühlingsblume unserer Freiheitsfeste die giftige Schlange des Verraths, der boshaften Verleumdung und umwandelte dem Juden die Tage froher Erhebung in Tage des Jammers, ihn als blutdürstiges Gespenst vor aller Welt hinstellend. Und an jedem unserer Freiheitsfeste, besonders am Peßach, würde noch immer das Blutgespeust umgehen, wenn es nach dem Willen jener hirnverbrannten Partei ginge, welche pharaonischer als Pharao alle Juden dem Tode überantworten möchte, einer Partei, welcher man als Wappenbild empfehlen könnte einen Wegeweiser mit zwei Armen; auf einem die Aufschrift: „Weg ins Tollhaus" — und auf dem andern: „Weg ins Zuchthaus". — Mit . doppelt frohen Gefühlen kann der Jude jetzt seine Freiheitsfeste feiern, jetzt, >vo jedes Jahr eine Fessel um die andere bricht, welche die Juden umklammert hält; jetzt, wo wir trotz aller Rückfälle und rückläufigen Bewegungen des Zeitgeistes dennoch die Befreiung aus altem Joche durch Errungenschaften der Gegenwart feiern können. Die äußere Freiheit soll uns aber nun an die innere Freiheit gemahnen und vor verkehrter Auffassung und Benutzung der gesellschaftlichen Freiheit warnen; denn wie ein' weiser Staatsmann meint, „das sicherste Mittel, sich die Freiheit zu wahren, ist, sie nicht mißbrauchen". Jede Mißachtung, jeder Mißgriff in Bezug auf die Freiheit legt dem Menschen leicht die drückendste Art der Sklaverei auf. Es giebt verschiedene Arten der Knechtschaft. Und wer zählt all die Bande, durch die unser freier Wille eingeschnürt wird, von dem unsichtbaren Faden bis zur schweren wuchtigen Kette. Manches haarscharfe Band ist stärker, unzerreißbarer und einschneidender als schwere klirrende Fesseln. An solchen Banden zügelt und gängelt die verzehrende Begierde ihre Sklaven, spannt die Ehr- und Herrsch¬ und Genußsucht die Diener vor ihren Triumphwagen. An anderen dünnen Fäden halten die verschiedensten Rücksichten den Aengstlichen wie in einem Netze gefangen. Giebt es ein größeres Abhäugigkeitsverhältniß, als Verwöhntheit, Behaglichkeit, Bequemlichkeit, überfeinerte Lebensgenüsse, die von tausenderlei Umständen und bedienenden Händen abhängig mache», jede Selbstständigkeit aufheben? Giebt's ärgere Despoten, als Bedürfnisse? Je geringer die Bedürfnisse, desto größer die Unabhängigkeit, und frei sind eigentlich nur die Bedürfnißlosen. Wollen wir unterscheiden den Sklaven von den Freien, so dürfen wir uns vom Schein, von Stand lind Rang nicht blenden lassen. Ost ist der Machthaber der Knecht und der Diener der Herr. Nicht immer ist der Geknechtete auch der Knecht, „der Sklave zuweilen freier als der Herr". Beide Feste der Freiheit richten unfern Blick nach dem Lande der Knechtschaft und zeigen uns den Freien und den Sklaven in ihren Wechselbeziehungen. Mizrajim, die Herren, im Besitze aller Gewalt, welche eine überreiche Natur, wohlorganisirte stattliche Mittel, Anlagen und Geisteskräfte verleihen, gleichwohl das Herz beengt von selbstsüchtiger Berechnung, jedes edle Gefühl darin erstickt von Eigenliebe, den Geist bethört von Haß, Selbstüberhebung und Verachtung Anderer, jeden Schritt geleitet, jede Handlung bestimmt von Eigennutz und ängstlicher Wahrung des Vortheils, für beit sie zu jeder Unthat bereit und zu dessen Mehrung sie die Nebenmenscheir gewissenlos ausbeuten. Das sind die Herren, die Aegypter, und die Sklaven Israel? Kinder, die trotz des unmenschlichen Druckes, trotz aller Ausgeburten des Haffes und der Furcht doch ihre» Geist klar, ihr Herz voll Zuversicht, ihren Muth ungebeugt erhalte». Wer war da der Herr und wer der Knecht? Der Gebieter, der von Wahn und Vorurtheil umstrickt, in steter Augst vor dem Unterdrückten schwebend, keiner menschenwürdigen Handlung fähig sich zeigt, oder der Sklave, der frei und unbeugsam selbst in der Entwürdigung bleibt? Wer ist der Herr und wer ist der Knecht? Wie oft wurde diese Frage auch in den späteren Jahrtausenden durch entmenschte Verfolgung angeregt! Wenn die Völker, unter denen Israel zerstreut lebte, aus Eifersucht auf den jüdischen Geist und ans geheimer Angst vor dessen Fähigkeiten, oder aus bloßer Engherzigkeit und Abneigung den Inden in wilder Jagd verfolgten, ihm nicht Ruh' und Rast gönnend, ihn seine Glaubenstreue mit Folterqualen büßen ließen und den Genuß der einfachsten Rechte der Natur und des thierischen Lebens ihm versagten, und wenn der Jude trotzdem ungebrochenen Geistes festhielt an Gott, an seinem Glauben und seinem Volke, mit Hellem Blick in die verheißene Zukunft schauend, mit ungeschwächtem Fittig zur sonnigen Höhe lichtverbreitender Ideen sich emporschwang — wer war da der Herr und wer war da der Knecht? Die Völker, die in Haß und Wahn befangen, alle ihre Zwangsmaßregeln an der Hartnäckigkeit der Juden scheitern sahen, oder der verhöhnte Jude, dessen freier Wille alle Schranken und Fesseln durchbrechend, das anstrebte und vollzog, was ihm seine Weltaufgabe gebot, und an dem lockenden Eden des freien Lebensgenusses, der ungeschmälerten Berechtigung und Würdigung, an dem Eden, dessen Pforten sich ihm auf das gedankenlose Nachsagen einer bloßen Glaubensformel hin gerne öffneten, an diesem Eden täglich, stolz verschmähend, vorüberging — wer war da der Herr und wer der Knecht? Wenn wir jetzt in den freundlicheren Tagen, die dem Recht und der Freiheit Israels immer mehr zum Durchbruch verhelfen, wenn wir gegenwärtig trotz des greifbaren Unterschiedes, der noch immer zwischen der Freiheit auf dem Papier und der Freiheit in der Wirklichkeit, zwischen der gedruckten und der gedrückten Freiheit bestehen mag, in unser» eigenen Kreisen gegenüberstellen den Einen, der mit den abgeschüttelten Banden gesellschaftlicher und bürgerlicher Beschränkung auch die Bande des Gottesgesetzes zerreißt und abwirft. der jedes leichtfertige Sichhinwegsetzen über Glaubensdinge und sittliche Grundsätze für geistige Freiheit und die Zügellosigkeit für Unabhängigkeit nimmt und ausgiebt, — den Andern hingegen, der in stiller Freude dem Herrn dankt für die glücklicheren Zeiten, die es dem Juden endlich gönnen, auch unter dem Schutze der Gesetze und nicht blos unter dem Drucke der Gesetze als Jude zu leben, treu seinem Gotte und seiner Lehre, der bescheiden und besonnen genießt, lvas ihm geboten wird, nnd in Selbstbeherrschung, in MMM

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