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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-08 · Heft 23 (8.6.1894) · p. Seite 266

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 23 (8.6.1894)
Date
1894-06-08
Page
Seite 266 (sequence 2)
Language
German
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266 Nie Moche. Berlin, 5. Juni. MLn Breslau ist am 2. d. Mts. im 89. Lebensjahre der weit be- Jj? kannte Philologe Dr. Wilhelm Freund gestorben. Sein Leben stand im Dienste der Wissenschaft, er war aber auch, ein treuer Anhänger des Judenthnins und hat in den EmanzipatioNsnnd Reformkämpfcn der vierziger Jahre eine ansehnliche Rolle gespielt. Wilhelm Freund wurde am 27. Januar 1806 in Kempen im Posenschen geboren, widmete sich seit 1824 zu Berlin, Breslau und Halle philologischen Studien, wirkte 1828 —29 als Lehrer am Elisabethrmd Friedrichs - Gymnasium in Breslau, betrieb in den folgenden Jahren umfastende Studien für eine auf historisch-genetischen Prinzipien beruhende lateinische Lexikographie und vertrat 1818—51 die Stelle eines Rektors am Gymnasium zu Hirschberg i. Schl. Da er sein Bekenntniß nicht aufgeben wollte, erhielt er in den Jahren der Reaktion keine definitive Anstellung. Er ging daher 1855 als Direktor einer höheren israelitischen und späteren Simultanschule nach Glciwitz. 1870 zog er sich in den Ruhestand nach Breslau zurück. Seine philologischen Arbeiten sind in der ganzen Welt bekannt, vor Allem seine großen lateinischen Wörterbücher, seine „Präparationen zu de» griechische» und römischen Klassikern" und die „Wanderungen auf klassischem Boden" n. v. a. Sie gehören auch nicht hierher, obwohl die Betrachtung seines Lebens, auch nach dieser Richtung hin, von Bedeutung ist. Wilhelm Freund hätte unzweifelhaft zu den höchsten akademischen Ehrenstellen gelangen können, tvenn er sein Judenthum hätte opfern wollen. Er hat dies trotz aller Verlockungen nicht gethan und so ist sein Leben ein wohl zu beachtendes Spiegelbild für die junge» Streber unserer Zeit, die oft schon auf der ersten Stufe zu den akademischen Wurden, als Privatdozenten, vor Allem ihr Jndenthum abschüttel». Aber Freund ist nicht blos Jude geblieben, sondern er hat auch warmen Antheil au der Entwickelung des Judenthums und an der Verbesserung der Lage des Judenthunis genommen. Schon im Jahre 1812 verfaßte er eine Schrift: „Die gegenwärtig beabsichtigte Umgestaltung der bürgerlichen Verhältnisse der Juden in Preußen" (Breslau 1842). Im selben Jahre erschien von ihm die Schrift: „Entwurf zu einer zeitgemäße» Verfassung der Juden in Preußen." Und ein Jahr darauf die Monatsschrift „Zur Judenfrage in Deutschland" (Berlin 1843). Arich in der Folgezeit kämpfte er für die Rechtsverhältniste seiner jüdischen Mitbürger mit allem Eifer. Mit den Reformverhältnissen der Breslauer Gemeinde ist sein Name unauflöslich verbunden. Er war in den vierziger Jahren der geistige Führer des fortschrittliche» Theils dieser Gemeinde, welcher eine Verbesserung der religiösen Anstände anstrebte. Freund war es, der die Aufmerksamkeit auf Abraham Geiger lenkte, als es sich darum handelte, einen gebildete» Rabbiner nach Breslau zu rufen. Die Idee zur Bildung einer Reformgemeinde in Breslau nach dem Muster der Berliner im Jahre 1845 bekämpfte er in seinen „Fünf Sendschreiben der großen Mehrzahl der Mitglieder der Breslauer Israeliten-Gemeinde an Herrn Rabbiner Dr Geiger und an sich selbst." (Breslau 1846.) Auch in späteren Jahren nahm Freund warmen Antheil an der Entwickelung des Reformgedankens innerhalb des Judenthums, das seinen Namen wie seinem Wirken immer ein treues Andenken bewahren wird. * Ueber die traurige Lage der Jude» in Rumänien wird von dort berichtet: " Man wüßte nicht zu sagen, ob die Juden in Rußland oder in Rumänien am unglücklichsten sind. Zur Zeit setzen alle Behörden und Angestellten jeglicher Art — ohne jede Verschleierung ihrer Abfichten — die Politik von Jean Bratiano fort, bei dem die Verfolgung der Juden einen fundamentalen Artikel bildete. Dem Beispiel Rußlands folgend, führen die rumänischen Verwaltungen die Ausweisung der Juden aus den Dörfern mit wahrem Feuereifer durch. Der 1. bis 8 April war festgesetzt worden zur Ausweisung aller Juden aus den Dörftrn der Provinz Bacau; man kann sich leicht die Aufregung vorstellen, die unter den Opfern jener Maßnahme herrscht, die sie dem Elend und der Verzweiflung Preis giebt An, 27. März bis 8. April richteten sie eine Eingabe an S. M. dm König von Rumänien, um seine wohlwollende Aufmerksanckeit für die Verfolgungen, denen sie ausgesetzt sind, zu erbitten. Es muß daran erinnert werden, haß Rumänien, welches sich weigert, sich den ausdrücklichen Vorschriften des Berliner Kongresses zu fügen, ausdauernd die Juden als Fremde behandelt, und in der politischen Phraseologie Rumäniens bedeutet Fremder: Jude * Ein interessanter Vorfall wird — zunächst noch telegraphisch — ans Amerika gemeldet: Dr. Josef Krauskopf, Rabbiner der Gemeinde Knesseth Israel in Philadelphia, ist in seinem Projekte, die Lage der russischen Juden zu verbesiern und zu diesem Zweck die Reise nach Petersburg zu unternehmen, um bei dem Zaren eine Audienz zu erlangen, auf die ersten Hinderniffe gestoßen, indem die russische Gesandtschaft in Washington ihm die Visirung seines Passes verweigerte. Das kam an« 29. Mai im Repräsentantenhause zur Sprache, und es wurde dort der Beschluß gefaßt: Rußland möge seinen Verpflichtungen Nachkommen, sonst müßten alle vertraglichen Verpflichtungen anfhören. Der Beschluß fordert zugleich den Präsidenteil der Vereinigten Staaten auf, von Rußland zu verlangen, daß amerikanische Bürger dieselben Rechte haben, in Rußland zu reisen und sich dort aufzuhalten, wie es Rüsten in den Vereinigten Staaten haben. Senator Turpie beantragte : Es sei nicht länger im Jntereffe der Vereinigten Staaten, den Vertrag mit Rußland fortdauern zu lasten. Dem Zaren solle der Vertrag sofort gekündigt werden. In Rußland wird das natürlich nicht viel nütze», aber inter- , essant ist es doch und wichtig auch. Nie Feste der Freiheit. Von Dr. B. Placzek, mähr. Landesrabbiner in Brünn. (E^eunundvierzig Tage schreitet Israel zählend fort vom Peßach bis zum Schowuoth, vom Feste der volksthümlichen Freiheit 3r-2 bis zum Feste der Geistesfreiheit, und 49 mal enthält die Schrift den Hinweis auf die Befreiung aus Mizrajims Knechtschaft. Bei Festbestimmungen und bei den wichtigsten Geboten und Satzungen überall dieselbe nachdrückliche Mahnung an den Ausgangspunkt der Freiheit und an das Ende der Sklaverei; nach dem agadistischen Wortspiele (cliaruth und cheruth) bedeutet die Gottesschrift auch den Bundestafeln „Freiheit"; denn mit dem ersten der zehn Worte hat sich der Herr als Gott der Freiheit angekündigt und eingeführt. Der gottentstammten, vernünftigen, gesetzmäßigen Freiheit zu dienen, ist darum für Israel eine Art Gottesdienst geworden. Mancherlei Feste und Gedenktage feiert unsere dankbare Erinnerung, zumeist, um sich Errungenschaften gegenwärtig zu halten; doch nur, wenn die Stimmung und die Verhältniffe des festlich be-

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