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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-08 · Heft 23 (8.6.1894) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 23 (8.6.1894)
Date
1894-06-08
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 58. Jahrgang. Ar. 23 Berlin, 8. Inni 1894. Begründet von Nabbiner Ludwig Philippson-Äonn. Verlags-CrpeLition: iöerlin, Lerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums*. Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements»Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redaeteur: Gustav Karpeles. 3ttt|(tU. Leitartikel; Die Lage in Oesterreich. — Die Woche. — Die Feste der Freiheit. Von Dr. B. Placzek. — Zum Prioritätsstreit über das Gebot der Nächstenliebe. Von Prof. Dr. Hermann Cohen. — Auch ein Jubiläum. Von Prof. Ph. Heiden he im. — Protokoll der 16. Versammlung des Vereins der jüdischen Lehrer in Schlesien und Posen rc. in Breslau. — Ein Vorwort. Von Karl Emil Franzos (Forts.). — Feuivletonr Sabbatb-Entweihung. Von I. Zangwill, deutsch von Felix Herzfeld. — Zum Wochenseste. Von Gustav Jacobsohn. — Sprechsaal. M Der Genreindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Königsberg. Freienwalde, Hamburg. Dresden. Düsseldorf, Frankfurt a. M., Stuttgart. Fürth, Würzburg, Wien. Cork. — Bon Nah nnd Fern. — Miseellen. Geschäftliche Notizen. Me Lage in Oesterreich. , ' Berlin, 5. Juni. J-pin aufrichtiger österreichischer Patriot war es, der sein Vater- O) la»d zuerst „das Land der Unwahrscheinlichkeiteu" genannt hat. Auch die Art, wie sich das gegenwärtige Koalitions- Ministerium zu den Hetzereien des Antisemitismus verhält, gehört in das Reich der Unwahrscheinlichkeiten. Die österreichischen Juden sind treue und loyale Staatsbürger, man kann ihnen nicht einmal den Borwurf machen, daß sie hauptsächlich zu einer Partei schwören. Selbst unter den viele»Parteirichtungen in dem durch Nationalitäten zerklüfteten Kaiserstaate ist kaum eine einzige, zu der nicht die Juden ein ansehnliches Kontingent stellten. Der Kaiser von Oesterreich hat wiederholt und öffentlich seine Mißbilligung über jene häßliche Bewegung und seine volle Anerkennung für den Patriotismus der Juden ausgesprochen. Fast sämmtliche hohe Kirchenfürsten in Oesterreich haben dasselbe gethan. Und dennoch duldet das Ministerium die gröbsten Ausschreitungen der Antisemiten, namentlich in Wien; und dennoch' schweigen die geistlichen Behörden wie die weltlichen Gerichte zu den fanatischen Hetzreden des Pfarrers Deckert nnd verschiedener seiner Genossen. Unter dem Ministerium Taaffe war das begreiflich, da dieses den Nationalitäten-Haß ja förmlich großgezogen und nur durch denselben sich so lange „fortwursteln" konnte. Als das Ministerium Taaffe gestürzt wurde und das neue Koalitions-Ministerim Windischgrätz- Plener ans Ruder kani, durfte man auf eine gründliche Aenderung dieser Zustände hoffen. Denn in dem Programm dieses Ministeriums hieß es ausdrücklich, daß dasselbe „Offenheit und Wahrheit im öffentlichen Leben" walten lassen werde und zu „entschiedener Abwehr aller den Frieden des Staates und die allgemeine Wohlfahrt störenden Elemente" entschlossen sei. Diese Versprechungen klangen sehr schön, aber die Antwort, welche der Ministerpräsident jüngst auf die Interpellation der Abgeordneten Wrabetz nnd Noske bezüglich der Hetzreden des Pfarrers Deckert gegeben hat, stimmt sehr wenig zu den Verheißungen dieses Programms. Aus dieser Antwort spricht nichts als die Verlegenheit, und das einzig Charakteristische an der Sache ist der Versuch, sich um den Kern herumzudriicken. Entkleidet man diese Antwort des üblichen Kurialstils, so wird in derselben einfach Folgendes gesagt: Die Staatsanwaltschaft habe in dem Inhalt der Deckertschen Predigten keinen Anlaß zum Einschreiten gefunden. Das Fürsterzbischöfliche Ordinariat habe ebenfalls keinen Anlaß zum Vorgehen gegen Deckert auf Grund der kirchlichen Gesetze gefunden. Und so sei natürlich auch für die Regierung ein Anlaß zu einer weiteren Verfügung in dieser Angelegenheit nicht gegeben. Das war der erste Theil der Antwort, der augenscheinlich für die Antisemiten berechnet war. Run galt es aber auch, der etwas ungeduldig gewordenen liberalen Partei einen Brocken hinzuwerfen. Und dazu war der zweite Theil der Antwort bestimmt; während aber der erste Theil klar und entschieden sich ausspricht, zeichnet sich dieser zweite Theil durch eine merkwürdig geschickte Verwendung des Konjunktivs aus. Es wird in derselben nicht etwa offen gesagt, die Regierung mißbillige es, daß die Kanzel während des Gottesdienstes zum Tummelplatz fanatischen Religionshaffes gemacht worden sei, sondern es wird in einem sehr geschickt verklausulirteu Satz und in sehr verschnörkelten Redewendungen sehr schüchtern angedeutet, daß die Regierung es lebhaft bedauern müßte, wenn auf der Kanzel Töne leidenschaftlicher Unduldsamkeit angeschlagen worden wären, welche geeignet sein müßte», die in weiteren Kreisen vorhandene Beunruhigung zu steigern. Nun, auch durch diese Antwort wird die in weiten Kreisen thatsächlich vorhandene Beunruhigung wahrhaftig nicht gemindert werden. Die Einzigen, die damit zufrieden sind, sind die Wiener Antisemiten, die die Beantwortung dieser Interpellation jubelnd als einen Sieg ihrer Sache verkündet haben. Die liberale Partei ist natürlich unzufrieden, aber sie hat sich, wie es scheint, nur zu rasch wieder beruhigt. Den Juden Oesterreichs aber und allen denjenigen, welche es wirklich gut mit ihnen meinen, ist es jetzt klar und offenkundig, was der Präsident des Wiener Abwehrvereins, einer der besten Männer Oesterreichs, Baron Leitenberger, in einer Besprechung über die Sachlage mit aller Entschiedenheit ausgesprochen hat: „Wir haben auch von dieser Regierung nichs zu erwarten!" Das ist gewiß recht traurig. Aber es liegt doch ein Trost in der geschichtlichen Erkenntniß, daß die Juden Oesterreichs schon recht viele Ministerien, Koalitions- und Partei-Regierungen kommen und gehen gesehen und auch überdauert haben, weil sie wußten, „daß ihnen Rettung und Hilfe von einem anderen Orte kommen werde".

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