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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-01 · Heft 22 (1.6.1894) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 22 (1.6.1894)
Date
1894-06-01
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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MPch^r^^dsM^- 3 Mit einer einfachen Versetzung wäre nicht gedient. Baron S. schloß mit den Worten: Der Antisemitismus gehöre zum bon ton der ungebildeten Menge. Diese Elemente würden sich erst ducken, wenn alle anständigen Leute ohne Rücksicht und Angst rufen werden: „In unseren Augen ist jeder Antisemit ein verächtliches Individuum!" Den Worten folgte lebhafter Beifall. Bei den Wahlen wurden in den Vorstand des Vereins gewählt, beziehungsweise wiedergewählt: Als Präsident Baron Suttner; als Vizepräsidenten die Herren Freiherr von Kißling und Generalmajor Mingazzi di Modiglina; als Kassirer Herr Beiling; als Schriftführer die Herren Zenker und Groller; als Ausschußmitglieder die Herren Djörup, die Abgeordneten Kronawetter, Professor Sueß und Wrabetz und Gemeinderath Zimmermann; in das Schiedsgericht: Vinzenz Chiavaeci, Hofer, Professor Exner und die Gemeinderäthe Seiler und Frauenberger. Damit war der offizielle Theil erledigt und es folgte nun der gesellige Abend. — Der Abgeordnete Heinrich Wagner, Vertreter der Stadt Czernowitz, ist im 59. Lebensjahre am 19. Mai hier gestorben. Diese Nachricht kam den Mitgliedern des Abgeordnetenhauses und den Freunden des Abgeordneten Wagner nicht überraschend; man wußte es seit Langem, daß Herr Wagner dem Tode verfallen sei. Ein Krebsleiden hatte den bis dahin so gesunden und stattlichen Mann befallen. Wagner war seit 1878 Mitglied der Volksvertretung. Er trat im Abgeordnetenhause nur wenig hervor. Heinrich Wagner gehörte dem Kaufmannsstande an, er war Chef des Bankhauses Zucker in Czernowitz. Er war amj 21. Dezember 1835 zu Küttig in Galizien geboren, war Mitglied des Czernowitzer Gemeinderathes und nahm großen Einfluß auf alle lokalen Angelegenheiten der Landeshauptstadt der Bukowina. Im Abgeordnetenhause hielt der Präsident ihm folgenden Nachruf: „Mit dem Tode des Abgeordneten Wagner hat das Haus einen schmerzlichen Verlust erlitten. Er war ein treues Mitglied seiner Partei und eifriger Anhänger des Fortschrittes. Wir werden ihm ein ehrenvolles Andenken bewahren. Die Herren haben sich zum Zeichen der Trauer von den Sitzen erhoben und Sie werden auch gestatten, daß die Trauerkundgebung protokollirt werde." Die Leiche wurde nach Czernowitz überführt und daselbst Mittwoch den 23. d. Mts. zur Erde bestattet. Ueber das Leichenbegängniß wird uns aus Czernowitz berichtet: Unter seltener Theilnahme hat heute die Bestattung Heinrich Wagners stattgefunden. Die Spitzen der Behörden, Vertreter der Geistlichkeit aller Riten,derGemeinderath in corpore, alleHandelskammerräthe, Deputationen zahlloser Vereine und Körperschaften und eine vieltausendköpfige Menge gaben Wagner das letzte Geleite. Der mit unzähligen Kränzen geschmückte Sarg, darunter von der Vereinigten deutschen Linken („Dem treuen Genossen"), den Abgeordneten aus der Bukowina („Dem unvergeßlichen Kollegen") u. v. A. wurde vor dem Altäre des Tempels aufgebahrt, wo der Oberrabbiner Dr. Rosenfeldt den Tobten in ergreifender Weise feierte. Am offenen Grabe sprachen Universitätsprofessor Dr. Handl für die liberale Partei, indem er die Gesinnungstreue, die Opferwilligkeit und den biederen Charakter Wagner's hervorhob. Es sprachen noch Kultuspräses Tittinger Namens der Kultusgemeinde, Dr. Reiß und Dr. Straucher. Die Trauer in der Stadt ist eine allgemeine. 81. Budapest, 25 Mai. Die Feier des mehr als 50jährigen Bestandes des Ungarischen israelitischen Ackerbau- und Handwerkervereines wurde am 20. d. feierlichst begangen. Dieses freudige Fest des segensreich wirkenden Vereines, der nach einem halben Jahrhundert edlen Strebens in seine eigene Stätte einzog, war mit der Eröffnung und Einweihung des Lehrlingsasyles verbunden. Die Schaar vornehmer Gäste, in deren Reihen wir den Handelsminister Lukacs, die Staatssekretäre Reiszig und Berzewiczy u. A. m. sahen, legte Zeugniß ab von der Werthschätzung, deren sich dieser Verein in allen Kreisen erfreute. Nach dem programmmäßigen Verlauf der Feier wurde eine 1000Kronen-Stiftung von den mit Unterstützung des Vereins herangebildeten Meistern und eine 500Kronen-Stiftung auf den Namen des verdienstvollen Präsidenten Abgeordneten Dr. Armin Neumann angemeldet. Der verlesene Jubelbericht giebt das erfreuliche Bild dessen, wie das Bestreben, die israelitische Jugend dem Handwerk und dem Ackerbau zuzuführen, mit eben so viel Umsicht und Ausdauer durchgeführt wurde. Die bisherigen Präsidenten überboten einander an Eifer und rastloser Thätigkeit, so daß bisher 2074 Lehrlinge mit dem Kostenaufwande von 608,608 Kronen dem Handwerk zugeführt werden konnten. — Hinsichtlich des Planes, eine ungarischeBibelübersetzung herauszugeben, gehen die Vorbereitungen von Seite der israelitischen Litteraturgesellschaft Schritt vor Schritt vor sich. Die bedeutende Aufgabe, die größtmöglichste Zahl der gediegensten Kräfte zur Mitarbeitung zu vereinigen und die Arbeit planmäßig und umfassend zu ertheilen, wurde dadurch erleichtert, daß eine engere Kommission angewiesen wurde, sich mit Dr. Immanuel Löw und seinen Mitarbeitern, die auch eine ungarischeBibelübersetzung herausgeben wollten, ins Einvernehmen zu setzen. Der im Jahre 1863 gegründete, von der israelitischen Religionsgemeinde verwaltete Montefiorefond, der schon 6000 Kronen ausmachen dürfte, wird auch diesem Zwecke zugeführt werden. — Der israelitische Frauenverein verwendete im vergangenen Jahre 52,000 Kronen auf Unterstützungen, 58,000 Kronen für 160 Waisenkinder und speiste 110,000 Personen in seiner Volksküche. — Eine hochverdiente Persönlichkeit des ungarischen Finanzlebens, der Generaldirektor Max Beck, wurde in Anerkennung seiner Verdienste auf dem Gebiete der Volks- und Staatswirthschaft, sowie der öffentlichen Angelegenheiten durch die Verleihung des Ordens der eisernen Krone 3. Klasse ausgezeichnet. Der König hat dem Journalisten Josef Veszi die Annahme und das Tragen des Komthurkreuzes des k. serbischen St. Sanaordens, oem Berliner Theaterdirektor S. Lauten bürg die Annahme der Auszeichnung eines „0 Meier de 1’ Instruction publique“ gestattet. Der FirmaM. Löwenstein wurde der Hoflieferanten-Titel verliehen. Nußland. g. Petersburg, 24. (12.) Mai. Das Ministerium des Innern hat auf Grund einer Eingabe des dortigen Ortsbürgermeisters — nach Mittheilungen des „Woschod" — den Juden den Aufenthalt in dem Kurorte Szabo für die ganze Dauer der Badesaison gestattet. (Sehr gütig.) In Tar apez, einem kleineren Orte, der außerhalb des Anstedelungsrayons der Juden gelegen ist, handelte ein Jude, Kaufmann erster Gilde vom Jahre 1871 bis zum Jahre 1879, ohne dazu berechtigt gewesen zu sein. Ende vorigen Jahres wurde gegen ihn und seinen Kompagnon Namens Weil Anklage erhoben. Dieser Tage fand vor dem hiesigen Schwurgericht die Verhandlung statt. Die Angeklagten wurden verurtheilt, in den Ansiedelungsrapon ausgewiesen zu werden, ihre bei ihnen Vorgefundenen Waren, welche einen Werth von mehreren tausend Rubeln repräsentiren, wurden konfiszirt und der Ertrag dem Staatsschätze einverleibt. Natürlich! k. Warschau, 21. (9.) Mai. Der Polizeipräsident der Stadt Warschau hat eine Verordnung erlassen, nach welcher diejenigen Geschäftsfirmenschilder, auf denen jüdische Inhaber russisch oder deutsch klingende Vornamen tragen, am 25. (13.) er. endgiltig beseitigt werden sollen. Die Namen sollen in ursprünglich jüdische zurückverwandelt werden. So zwingt der russische Staat die dort wohnenden Juden — einerseits zwar eine ungerechtfertigte Forderung, andererseits jedoch ein nicht zu unterschätzendes Verdienst - ihre jüdischen Namen nicht zu verleugnen und sich ihrer jüdischen Herkunft nicht zu schämen. — Aus Odessa wird über die Abfahrt des Italienischen Schiffes „Bosporus" berichtet, welches am (1.) 13. Mai in See stach nach Argentinien und dahin 130 jüdische Familien nach den dortigen Hirsch'schen Kolonien mitnimmt. Unter den Auswanderern befanden sich 3 Schächter, eine jüdische Aerztin, die in der Schweiz ihr Doktoratsexamen ablegte, zwei Hebeammen und einige Handwerker, die meisten wollen sich den Kolonien widmen. Die Emigranten haben, kurz bevor sie in See stachen, eine Dank-Adresse an ihren Wohlthäter, den Baron Hirsch, gerichtet. Zu erwähnen ist noch, daß die Emigranten u. A. auch 7 „Gesetzesrollen" in einer „heiligen Bundeslade" sowie „Gebetmäntel" und „Schaufäden" mitgenommen haben. Schweben. ■gg Gothenburg, 26. Mai. Unser Rabbiner Dr. M. Wolf feierte gestern seinen 70. Geburtstag. Der hochgeschätzte Mann, frisch an Geist und Körper wie ein Jüngling, kann wahrlich auf ein ehrenvolles und von Pflichten erfülltes Leben zurückblicken. Mit größter Hingabe an seine Wirksamkeit, hat er neben dieser große und erfolgreiche Studien auf dem Gebiete der jüdischen Religionsphilosophie betrieben, welche weit über die Grenzen unseres Landes Aufmerksamkeit erregt haben Eine hiesige politische Zeitung schreibt heute: „In dem glücklichsten Familienleben hat er nach seinen Anstrengungen ausruhen können, was dem Siebzigjährigen die wunderbare Harmonie verliehen hat, die wir Alle an ihm verehren, und da nun der alte Ehrenmamr

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