Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1894)
- Date
- 1894-06-01
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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U Frankenberg, 29. Mai. Antisemitische Blätter veröffentlichen den folgenden geheimen Erlaß des hiesigen Landraths: „Frankenberg, den 1. Dezember 1893. Die antisemitische Bewegung, wie sie in unserem Kreise zu Tage getreten ist, unterscheidet sich in ihrer Wirkung nur dem Namen nach von der sozialdemokratischen Agitation. Wird ihr nicht mit allen gesetzlichen Mitteln entgegen gearbeitet, so findet in absehbarer Zeit die Sozialdemokratie Eingang in unseren Kreis. Es ist daher Pflicht aller ordnungsliebenden Parteien und Kreiseingesessenen, diesen Antisemitismus zu bekämpfen. Zweifellos haben die Antisemiten die Weisung von ihrem Führer erhalten, sich zur Ausdehnung ihres Einflusses an allen Gemeinde- und Kreistagswahlen lebhaft zu betheiligen. Gelingt es ihnen, sich in den wichtigsten Gemeinde-Aemtern festzusetzen, so haben sie bei künftigen politischen Wahlen leichtes Spiel. Es unteliegt keinem Zweifel, daß in denjenigen Gemeinden der Antisemitismus zur Herrschaft gelangen wird, wo zum Bürgermeister ein Antisemit gewählt worden ist In welcher Weise die Antisemiten im Gemeinderathe und Gemeindeausschusse bei jeder Gelegenheit prinzipielle Opposition machen würden, davon werden einige Bürgermeister sich bereits überzeugt haben Zur Vermeidung dieses Eindringens antisemitischer Elemente in die Gemeindeämter muß vor jeder Wahl mit den Gutgesinnten der wahlberechtigten Gemeindebürger in Verbindung getreten werden, um energisch für die Wahl der zeitig aufzustellenden Kandidaten agitiren zu können. Ohne Furcht muß eine solche Agitation kräftig in die Hand genommen werden, und gleichgiltig ist es, ob die schmutzige antisemitische Presse ihrer Entrüstung Ausdruck verleiht oder nicht, sie ist nicht zu beachten. Zweckmäßig wird es sein, wenn schon jetzt in allen Gemeinden Wahlausschüsse aus allen Theilen der Bevölkerung gebildet werden, die zur Eindämmung des Antisemitismus kräftig Mitwirken. Dieses Cirkular ist geheim zu halten. Der Königliche Landrath. Riesch." r. Schwedt a. O., 27. Mai. Am 22. d. Mts. fand hier die erste Generalversammlung behufs Gründung eines Frauenvereins statt. Der Verein hat den Zweck, weibliche Unbemittelte zu unterstützen, für Pflege in Krankheits- und für Erfüllung der ceremoniellen Obliegenheiten in Sterbefällen Sorge zu tragen. Es sind dem Vereine fast sämmtliche weibliche Mitglieder der Gemeinde beigetreten. — Am 24. d. Mts. feierte das Marcus Seelig'sche Ehepaar das Fest der goldenen Hochzeit. Aus Gesundheitsrücksichten mußte die geplante größere Trauungsfeierlichkeit unterbleiben. Um 12 Uhr erschien an der Spitze d.er Gemeindedeputation der Rabbiner Dr. Sandler, um in deren Namen die Glückwünsche der Gemeinde zum Ausdruck zu bringen, deren Verwaltung der Jubilar eine lange Reihe von Jahren Vorstand. Am Schlüsse überreichte der Redner die vom Kaiser gesandte, von einem Glückwunschschreiben begleitete goldene Ehejubiläumsmedaille. o. Aus der Pfalz, 28. Mai. Am letzten Sabbath, dem 26. d. Mts., beehrte der Prinz Ludwig von Bayern, Sohn des Prinzregenten von Bayern, auf seiner Reise durch die Pfalz auch die Stadt Kaisers- :I; lautern mit seinem Besuche. Obgleich ein offizieller Empfang nicht f stattfand, so ließ er sich doch nach seinem Eintreffen aus dem Bahnhofe j die zu seiner Begrüßung gewünschten und erschienenen Herren — die | Mitglieder der Behörden und der Geistlichkeit — unter Anderen auch den s. Bezirks-Rabbiner Herrn Dr. Landsberg, vorstellen, an welchen er freundliche Worte richtete und dem er auch versprach, die neue Synagoge zu besichtigen. Nach einer Stunde etwa erschien der hohe Herr mit Gefolge . . an der Pforte der Synagoge und wurde von dem Herrn Rabbiner und der Gemeindevertretung feierlichst empfangen. Herr Dr. Landsberg hielt eine herzliche, tief empfundene Ansprache, die der Prinz unbedeckten Hauptes, sichtlich erfreut, anhörte, und schloß mit dem Priestersegen. Unter Führung des Rabbiners betrat der Prinz die Synagoge, ließ sich genau Alles erklären, was sich auf den Gottesdienst rc. bezieht, und sprach seine hohe Befriedigung aus über die ganze Einrichtung und den Bau der Synagoge. Mit herzlichen Worten des Dankes und der Anerkennung verabschiedete sich der hohe Herr von dem Rabbiner, der in äußerst würdiger und taktvoller Weise die Gemeinde vertrat. Alle aber, die Zeuge waren dieser kurzen, aber wirkungsvollen Feier, erhielten den Eindruck, daß es zu wünschen wäre, wenn gekrönte Häupter, oder solche, die diesen nahe stehen, öfter das zu hören bekämen, was Herr Dr. Landsberg in seiner Ansprache dem Prinzen Ludwig von Bayern gesagt: „Hier in diesem Gottesh^use wird die Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen gelehrt, aber auch die Liebe zum Vaterlande und dem angestammten Fürstenhause, auf daß diese Lehren von Allen, die sie vernehmen, auch im Leben bewahrt und beherzigt werden." — Ueber den bevorstehenden Besuch des Prinzregenten, der gleichfalls zu wiederholten Malen die Kaiserslauterner Synagoge besuchen will, hoffen wir demnächst berichten zu können. Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 27. Mai. Es ist wahrlich ein Glück, daß die Sommerferien des Abgeordnetenhauses herannahen — denn die Szenen, die in der letzten Zeit da aufgeführt werden, müssen jeden vernünftig Denkenden mit Entrüstung erfüllen. Was beispielsweise in der gestrigen Sitzung skandalirt wurde, spottet jeder Beschreibung. Abgeordneter Popper sprach von den Chikanen, welche die Juden in Rumänien erleiden. An diese Rede knüpfte sich ein Skandal, welcher von antisemitischer Seite provozirt wurde. Der Abgeordnete Popper widerlegte den Angriff, den Archimandrit Zurkan in der Budget-Debatte gegen eine jüdische Dorfschullehrerin gerichtet hatte. Die Dorfschullehrerin war beschuldigt, den Kindern Käse und Kukuruz zu verkaufen. Herr Popper hielt dem geistlichen Herrn vor, daß er selbst Wucherzinsen nehme und in unbarmherziger Weise die Schulden'eintreibe. Herr Popper erörterte auch die Haltung der früheren Regierung gegen den Antisemitismus und die Konivenz, welche die antisemitische Bewegung überall findet. Er schloß mit den Worten: Der Abgeordnete Dr. Lueger findet es nach seinem Rechtsgesühle begründet, den Pfarrer Deckert mit irgend einem anderen Priester zu vergleichen, und er sagte: Wir schimpfen nicht über die Rabbiner. Wenn wir solche Rabbiner haben werden, welche von der Kanzel Hetzpredigten halten, dann schimpfen Sie über sie. Wir lassen aber nicht einen Rabbiner mit einem Deckert vergleichen. (Lebhafter Beifall links.) Abgeordneter Lueger erwiederte Herrn Popper mit einer aufreizenden, beschimpfenden Rede, in welche der antisemitische Chor in der wildesten Weise eingriff. Es war ein Skandal, ein Lärm, ein Schreien, ein Drohen, ein Schimpfen, wie es selbst in diesem Hause noch selten wahrgenommen wurde. Abgeordneter Lueger erklärte, der Antisemitismus werde erst aufhören, wenn der letzte Jude zu Grunde gegangen sein wird. Die äußerste Linke und die Galerie applaudirte, die Linke zeigte ihre Entrüstung über diese Rohheit. Man durfte gespannt sein, was Abgeordneter Zurkan auf die Beschuldigung antworten werde, daß er trotz seines geistlichen Gewandes Wuchergeschäfte betreibe und sehr hohe Zinsen nehme. In der That sprach Abgeordneter Zurkan und er leugnete nicht, daß er seine Kapitalien gegen hohe Zinsen verleihe, aber nicht für sich, sondern für seine Angehörigen. Man ließ ihn nicht ausreden und die weitere Rechtfertigung des Herrn Zurkan ging in dem Lärm unter. Der Abgeordnete Dr. Bloch gerieth mit zwei antisemitischen Abgeordneten in einen lauten Wortwechsel, es entstand ein großer Lärm, der Präsident versuchte längere Zeit vergebens, die Ruhe herzustellen und drohte, die Galerie räumen zu lassen, von wo Aeußerungen des Beifalls laut wurden. — Einige Tage vorher hielt im Abgeordnetenhause Dr. Menger seine Generalrede zum Justiz-Budget, in der er gleichfalls auf die Interpellationen über die Affaire des Pfarrer Deckert zurückkam, und erklärte es für unzulässig und gefährlich zu sagen, daß die Juden vogelfrei seien. Lueger erklärte, das Deckertsche Vaterunser enthalte nichts Gehässiges gegen die Juden. Lueger erging sodann sich unter demonstrativem Beifall der Antisemiten und der Galerie in Angriffen gegen die Juden, deren trauriger Machteinfluß sich auch in Ungarn zeige. Der Präsident drohte mit der Räumung der Galerie. Menger verlas Stellen aus den Schriften Deckerts und erklärte einen derartigen Mißbrauch der christlichen Religion zu Gehässigkeiten für eine Schmach. Lueger erklärte, das Deckertsche Vaterunser stehe mit der christlichen Religion nicht im Widerspruche, alle Christen müßten dieses Vaterunser gegen die Juden nachbeten. (Beifall bei den Antisemiten) Darauf erwiederte Dr. Menger schlagfertig: „Das wären saubere Christen!" -- Gestern fand im Ronacher-Saale die IV. Generalversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus statt, welche einen ungemein interessanten und glänzenden Verlauf nahm. Baron Suttner eröffnete die Versammlung mit einer kurzen Ansprache, in der er auch die Affaire Deckert besprach. Noch stehe die Antwort auf die Interpellation Noske's aus und sie möge voll befriedigend ausfallen, denn eine wirkliche Sühne der schwerbeleidigten Gerechtigkeit läge nur darin, wenn es hieße: Dieser Mannn ist seines Amtes für alle Zeiten entsetzt worden! £