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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-01 · Heft 22 (1.6.1894) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 22 (1.6.1894)
Date
1894-06-01
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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seinen Ehrentag begeht, kann er es in dem Gefühl thun, daß nicht nur dieser engere Familienkreis und seine Gemeindemitglieder, sondern auch unsere ganze Stadt an seinem Freudenfeste theilnimmt." Einfach und anspruchslos, wie die alten Rabbinen, liebt er keine Festlichkeiten. Für , diese sind die Wissenschaft und die Studien die rechte Feier gewesen. Deshalb haben auch zwei seiner Söhne, Emil Wolff, der Rechtsanwalt und Justitiar, und Dr. Ludwig Wolff, der Arzt, zu Ehren des Tages zwei gelehrte Abhandlungen aus der alten Geschichte unseres Landes herausgegeben, die sie dem Vater gewidmet haben. Daß der Jubilar noch viele Jahre den Seinigen zur Freude und uns Allen zum Vorbild erhalten bleiben möge, wird sicherlich von unserer ganzen Stadt gewünscht« Amerika. n. Netv-Uork, 10. Mai. Hier ist jüngst ein vorläufiges Komitee gegründet worden, bestehend aus verschiedenen Geistlichen, Rabbinern und Lehrern der ethischen Kultur, um die Ideen des Religionskongresses von Chicago praktisch durchzuführen. Dem Aufruf des Komitees, dieser Vereinigung beizutreten, sind bereits über 100 christliche Geistliche gefolgt, und an die 20 jüdische Prediger (unter Anderen die Rev. Dr. Köhler, Dr. Silvermann von hier, Dr. Schlesinger-Albany, Dr. Krauskopf und Dr. Berkowitz - Philadelphia) haben sich bereits der Vereinigung angeschlossen. Auch die Vertreter freigesinnter Monatsschriften haben ihren Beitritt zu dem Verein erklärt, so auch M. Ellinger, Red. der „Menorah". Am 22. bis 25. d. M. soll in Philadelphia ein Konvent der Vertreter der verschiedensten Richtungen abgehalten werden. Der dazu einladende Anfruf lautet wie folgt: „In dem festen Glauben an das große Gesetz und an ein Leben der Liebe, nur von dem Wunsche beseelt, eine hilfreichere Brüderlichkeit in der sozialen, erziehlichen, industriellen, moralischen und religiösen Gedankenrichtung der Welt herbeizuführen, berufen nun die verschiedenen Vertreter den erwähnten Konvent." — Ein weiteres Zeichen der Zeit und des Fortschrittes, welcher fich in der wahren Religiosität kenntlich macht, ist die Theilnahme sämmtlicher auf dem Religionskongreß in San Franzisko anwesenden Kirchenvertreter an dem am vergangenen Freitag Abend im Tempel „Emanu-El" stattgehabten Abend-Gottesdienste zur Feier des beginnenden Paffahfestes. Dies steht wohl beispiellos in der Geschichte der Menschheit da, daß Vertreter christlicher Kirchen in ihrem offiziellen Charakter einer jüdischen Osterfeierlichkeit in einem jüdischen Tempel beiwohnen. Von Nah und Fern. — Dr. med. Karl Posner, Privatdozent an der Universität Berlin, ist zum Professor ernannt worden. — Dem durch seine langjährige, erfolgreiche Thätigkeit als Direktor des Vereins junger Kaufleute bekannten Herrn Oskar Goldschmidt, von der Firma N. Israel, ist der Kronen-Orden IV. Klaffe verliehen worden. Herr Goldschmidt gehört dem Verein junger Kaufleute seit dem Jahre 1862 als Mitglied an, ist seit dem Jahre 1869 in der Verwaltung thätig und bekleidet das Amt eines Direktors seit 1879. — Herr Hirsch Rothe, ein altes bewährtes Mitglied der hiesigen Gemeinde, feierte am 25. Mai seinen achtzigsten Geburtstag im Kreise seiner Kinder und Kindeskinder in voller Rüstigkeit. — Wegen Beleidigung der jüdischen Gemeinde zu Mayen hatte sich der Verleger des „Koblenzer Volksfreundes", Anton Simonis, zu verantworten. Im Verlage von Anton Simonis war vor einiger Zeit eine Schrift erschienen, betitelt „das auserwählte Volk in Mayen". Durch diese fühlte sich die Synagogengemeinde in Mayen beleidigt und 14 Mitglieder derselben stellten Strafantrag. Das Urtheil lautete auf 150 Mk. Geldstrafe. — Mit Bezug auf den Prozeß gegen Jsaac Bonn in C le v e hat die Redaktion des „Israelitischen Gemeindeblattes" in Köln gegen den Geschäftsantisemiten Johannes Wilberg eine Erklärung erlassen, in der es heißt: „Wir verpflichten uns, einem Jeden 500 M. zu zahlen, der im Stande ist, zu beweisen, daß das jüdische Religionsgesetz die Beschmutzung von Nahrungsmitteln gestattet. Wir sind zu jeder Zeit bereit, diese 500 M. bei einem Notar oder einem Gericht zu deponiren. Den Johannes Wilberg aber fordern wir hiermit auf, uns Beweise für seine ungeheuerliche Behauptung zu liefern." — Gegen den antisemitischen Verlagsbuchhändler Glöß in Dresden ist eine Klage wegen groben Unfugs eingeleitet worden, dessen er sich durch Herausgabe des antisemitischen Bilderbogens „Deutscher Todtentanz" schuldig gemacht haben soll. Glöß ist in dieser Angelegenheit gerichtlich vernommen worden und war dabei angeblich in der Lage, auf „hohe Anerkennungen" Bezug zu nehmen, die ihm in Folge der Herausgabe des Bilderbogens zu Theil geworden sind. Aus denselben gehe hervor, daß vielen angesehenen Personen durch Herausgabe jenes Bilderbogens ein „hoher geistiger Genuß" (!) bereitet worden sei. — Nach einer Mittheilung der antisemitischen „D. Ostwacht" soll der zu Pfingsten in Ko bürg tagende Kongreß der Landsmannschaften auf deutschen Universitäten (Coburger L. C.) beschlossen haben, daß Juden nicht ausgenommen werden dürfen. Ferner ist dieser Bestimmung rückwirkende Kraft beigelegt, so daß aktive Mitglieder jüdischen Glaubens sofort entlassen werden müssen. Bekanntlich nehmen auch die Burschenschaften und die Korps seit einiger Zeit Juden nicht mehr auf.— Der Redakteur Gottesleben in Arnstadt, ein bekannter antisemitischer Agitator in Thüringen, ist durch Beschluß des Parreiausschusses aus der Reformpartei ausgeschlossen worden. Nach dem „Reichsherold" (Nr. 703) waren die Gründe für den Ausschluß „so schwerwiegende, daß der Ausschluß erfolgen mußte". Das läßt tief blicken. — Den ersten Preis der Kunstakademie in München erhielt der Bildhauer Henrik Glückenstein aus Turek für eine Marmorstatue. Dieser junge Mann soll auch ein tüchtiger Talmudist sein. — Zum Distriktsrabbiner in Ansbach ist Rabbiner Dr. P. Cohn in Mannheim gewählt worden.— In Wien fand am 28. d. M. die Generalversammlung des österr.-ungar. Kantoren-Vereines statt und nach Erledigung der Vereinsangelegenheiten schloß sich an dieselbe der „allgemeine Kantorentag" an. Von den Gegenständen, womit sich der Kantorentag beschäftigen wird, heben wir hervor die Vereinigung sämmtlicher Kantoren Oesterreichs-Ungarns in einem einzigen großen Vereinsverbande. — Die durch ihre große Wohlthätigkeit bekannte Frau Betty Lasch geb. Teller in Prag wurde mitten in eifriger Thätigkeit für die Armen vom Tode ereilt. Im Sitzungssaals der Landesjudenschaftsrepräsentanz war das Komitee für „Israelitische Ferienkolonien", dessen thätiges Mitglied die Heimgegangene war, in eifriger Berathung versammelt Frau Lasch hatte das Wort zur Begründung eines Antrages ergriffen. In wohlgeordneter Rede begründete sie ihre Ansicht, als sie plötzlich bei den Worten „die armen Kinder" abbrach, einige Worte der Entschuldigung stammelte und in die Arme einer neben ihr sitzenden Frau sank. Ein Herzschlag hatte ihr das Leben geraubt, das sie nicht wieder erlangte. — Sämmtliche israelitische Kultusgemeinden beider Nationalitäten in Böhmen hielten am 24. d. M. unter dem Vorsitze des Prager Gemeinde-Vorstandes Dr. Rosenbacher in Prag eine Versammlung ab. Rosenbacher schlug einen feierlichen Huldigungsakt anläßlich des 50jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers vor. Es wurde hierauf ein Komitee eingesetzt, welches die Vorbereitungen für den Huldigungsakt zu treffen hat. — Die israelitische Religionsgemeinde in Budapest hat für das Jahr 1894 ein Budget von 347,000 fl. ö. W vorgesehen, die sich zu je einem Drittheil auf Unterrichts-, Wohlthätigkeits-und Kultuszwecke vertheilen. — Jenseits der Donau scheint es eine organistrte Einbrecherbande auf die Synagogen der größeren Städte Transdanubiens abgesehen zu haben. Kürzlich hatten die Synagogen inV eßprim und Zala-Egerßeg sich des Besuchs seitens der Diebsbande zu erfreuen, jetzt wird aus Keßthely gemeldet, daß unbekannte Diebe in die dortige Synagoge drangen und die Sammelbüchsen ihres Inhalts beraubten. — Mit dem Ministerium Casimir Perier hat natürlich auch der jüdische Minister des Innern David Reynal seine Demission gegeben. Seine Amtsdauer erstreckte sich auf ein halbes Jahr. Kurz vor seinem Abgang wurde er noch uud zwar von Clemenceau in der „Juftice" gerade als Jude angegriffen. — Die französische Akademie hat den Montyon-Preis von 1000 Francs Herrn Leon Cahun für sein Werk: Hassan 1e 43.vi8sg.Lre (1516) ertheilt. — Der radikale Gemeinderath von Paris hatte die Wohnungsentschädigungen für den israelitischen und protestantischen Kultus, die er gesetzlich zu zahlen verpflichtet ist, auf dem Verwaltungswege verweigert. Die in ihren Rechten sich geschädigt geglaubten Konsistorien forderten den Gemeinderath vor die zuständige Behörde des Staatsrathes, welcher die Stadt Paris auf Grund der Gesetzgebung zur Zahlung der Wohnungsentschädigung an die Kultusdiener beider Kulte und zwar mit rückwirkender Kraft von 1877 an verurtheilte. Druck und Verlaa von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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