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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-01 · Heft 22 (1.6.1894) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 22 (1.6.1894)
Date
1894-06-01
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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Berlin, 1. Juni 1894. 58. Jahrgang. Nr. 22. CUtfttttf Vertage zur „Attgemernen JerLung öes ZuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. LXD Berlin, 29 Mai. In den letzten Tagen ist die Frage der Eingemeindung der Nächstliegenden Vororte an die Stadtgemeinde Berlin wiederum viel besprochen worden. Wie es heißt, wünscht die Regierung eine Vereinigung derjenigen Vororte, welche an oder innerhalb des Stadtbahnringes liegen, also Weißensee, Friedrichsberg, Stralau-Rummelsburg, Rixdorf, Treptow, Tempelhof, Schöneberg, Wilmersdorf, Schmargendorf und Charlottenburg. .Natürlich würde die Eingemeindung dieser Vororte auch für die jüdische Gemeinde von Bedeutung sein Man geht wohl nicht fehl, wenn man die Zahl der jüdischen Einwohner der genannten Vororte auf etwa viertausend schätzt. In keinem dieser Vororte, mit Ausnahme von Charlottenburg, besteht irgend eine gottesdienstliche oder Religionsschul-ELnrichtung. Es herrschen da zum Theil sehr traurige Zustände und es würde aus dem neuen Zuwachs der hiesigen jüdischen Gemeinde ein großer Pflichtenkreis entstehen. Soviel wir wissen, ist unter unseren Glaubensgenossen, die in den Vororten leben, der Wunsch nach einer Aenderung und Besserung dieser Zustände ein lebhafter, ja zum Theil sogar dringender. tz. Berlin, '25. Mai. Die Gesellschaft zur Beförderung des Christenthums unter den Juden hielt gestern Nachmittag in der Dreifaltigkeilskirche ihre Jahresversammlung ab. Misfionsprediger Bieling erstattete den Bericht über das verflossene Jahr. Er konnte sich nicht enthalten, zu bemerken, daß die Judenmission zu den Arbeiten gehöre, die von den Feinden am meisten geschmäht, von den Freunden aber oft verkannt werden. Im verflossenen Jahre haben sich 28 Juden zur Taufe gemeldet, bei den meisten waren die Gründe äußerlicher Natur. Eine ganze Reihe mußte auch daher von vornherein abgewiesen werden, da ihre Beweggründe zum Uebertritt gar zu durchsichtig waren: so wollten zwei Männer gegen Entgelt Christen werden. Andere suchten mit dem „neuen Glauben" eine gesicherte Existenz. Von diesen traten jedoch freiwillig wieder eine Reihe zurück, die den Bruch mit den Verwandten fürchteten. Im Unterrichte jedoch sind dennoch 14 Ueberläufer geblieben, zu welchen 5 aus dem Vorjahre gezählt werden müssen. Neun Männer und fünf Frauen haben die Taufe empfangen. Das Alter der Täuflinge schwankt zwischen 15 und 50 Jahren. Auch der Antisemitismus hat zu den Beweggründen der Taufe sein Kontingent gestellt. So hob Pastor Bieling hervor,. daß oft „ein achtlos hingeworfenes Wort eines Lehrers oder eines Mitschülers hierzu Veranlassung gegeben habe". Der Seelenfang wurde im Osten Europas, zumeist in Galizien und der Moldau, durch die Missionsgehilfen Gottlieb (Jassy) und Löwen (Lemberg) betrieben. Frg. Berlin, 29. Mai. Das von Herrn Justizrath Makower begründete Mädchenheim in Pankow bei Berlin zur Heranbildung jüdischer Dienstmädchen wird am 1. Juli mit 11 Mädchen eröffnet werden. Wir hatten Gelegenheit das freundliche Haus mit Garten in der Mühlenstraße zu besichtigen. In dem Vordergebäude befinden sich die Zimmer der Vorsteherin und die Räume für die Mädchen, im unteren Geschoß die geräumige Küche mit moderner Einrichtung, in der der Kochunterricht ertheilt wird, und der Speiseraum. Auf dem Hof sind zweckentsprechende Räume zum Waschen, Rollen und Plätten, so daß hier erwerbsfähigen Mädchen eine Gelegenheit geboten werden wird, sich jene häuslichen Fertigkeiten insgesammt zu eigen zu machen, welche auch mittellosen Mädchen die Möglichkeit gewähren, sich aus eigener Kraft zu erhalten. Die moralisch-intellektuelle Ausbildung wird durch eine praktisch geschulte Vorsteherin thunlichst gefördert werden. ▲ Tilsit, 16. Mai Vorige Woche fand die diesjährige Hauptversammlung des Verbandes der Ostpreußischen Synagogen- Gemeinden statt. Die Versammlung war zahlreich besucht. Bemerkenswerth war der Bericht des Vorsitzenden der Schulinspektion, des Herrn Rabbiner Dr. Bamberger-Königsberg. Derselbe theilte u. a mit, daß es ihm gelungen wäre, eine Statistik über den Religionsunterricht aller Verbandsgemeinden fertig zu stellen, welche demnächst im Druck erscheinen wird. Ferner beschloß die Generalversammlung, einen Betrag in den Etat pro 1894/95 einzustellen, welcher dazu dienen soll, schulpflichtigen Kindern auf dem Lande und in kleinen Orten, welche ohne Religionsunterricht aufwachsen, letztern zu verschaffen Das Vermögen des Verbandes beträgt etwa 8000 Mark. Die Zahl der Verbandsgemeinden beläuft sich auf 46; die Zahl der persönlichen Mitglieder auf etwa 270. A Aus Westpreußen, 28. Mai. Wie über den Antisemitismus in unserer Gegend im Allgemeinen, trotz aller antisemitischen Agitationen, gedacht wird, zeigt wohl am besten eine Notiz des „Bromberg. Unparteiischen" aus Tuchel, welche besagt, daß dort sowohl ein jüdischer Beigeordneter und auch ein jüdischer Stadtverordneter amtiren, die sich nicht nur die volle Anerkennung in ihren Wirkungskreisen erworben haben, sondern auch sonst sehr beliebt sind. Dieselben Verhältnisse herrschen in den meisten Städten unserer Gegend, und es freut uns, konstatiren zu können, daß selbst die unausgesetzten Agitationen nicht das friedliche Einvernehmen unter den einzelnen Konfessionen zu stören vermochten. Zwar haben die Agitationen in einzelnen Orten zur Bildung von antisemitischen Vereinen aller Parteischattirungen geführt, indessen ist diese Erscheinung eben nur auf die Bestrebungen einzelner Elemente zurückzuführen. Außerdem ist die Mitgliederzahl der Vereine eine keineswegs bedeutende und im Verhältniß zu den Werbungen nur verschwindend zu nennen. 0a. Aus Schlesien, 28. Mai. An Stelle des Lehrers Katz, der, wie bekannt, als Leiter des israelitischen Waisenhauses nach Rybnik übergestedelt ist, hat die israelitische Gemeinde in Ratibor den Lehrer Axt aus Memel zum Religionslehrer gewählt. Herr Axt hat bereits im Beisein des Kreisschulinspektors Pelz und der Gemeindeschulkommission die Lehrprobe abgelegt. — Am 14. d. Mts. starb in Antonienhütte nach kurzem Leiden eines plötzlichen Todes Frau Sara Schlesinger, eine wegen ihrer hervorragenden Charaktereigenschaften und Geistesgaben auf das Ehrenvollste bekannte Dame, im Alter von 50 Jahren. Die früh Verstorbene war Mitbegründerin des „israelitischen Frauenvereins für Antonienhütte und Umgegend" und in den letzteren Jahren Vorsteherin desselben, dem sie einen großen Theil ihrer freien Zeit mit großem Eifer widmete. Am 17. d. Mts. fand in Königshütte die Beerdigung unter großer Betheiligung statt. — Der Vorstand der Synagogen-Gemeinde in Kosel beabsichtigt, ein neues Beamtenwohnhaus auf dem Platze an der Synagoge zu errichten; das jetzige Beamtenhaus soll verkauft werden. — Nachrichten aus Liegnitz zufolge ist der dortige Kreiswundarzt Dr. Lustig zum Kreisphysikus ernannt worden. — Nach dem jüngsten Berichte über das „israelitische Mädchenheim" in Breslau über die Zeit vom 1. Oktober 1892 bis 31. Dezember 1893 haben seit der Gründung der Anstalt 28 Pfleglinge Aufnahme gefunden. Zur Zeit befinden sich 11 Mädchen in der Anstalt und zwar 6 hiesige und 5 auswärtige. Im laufenden Jahre haben 6 Mädchen das Heim verlassen. Der Verein zählt gegenwärtig 540 Mitglieder. Der Kassenbericht schließt in Einnahme und Ausgabe mit 11,730 M. ab. Dem Zwecke des Heims ist neuerdings das Grundstück Gräbschenerstraße 51 zur Verfügung gestellt worden. — Ein neues Gemeindehaus wird die Syuagogen-Gemeinde in Beuthen (Oberschlesien) noch in diesem Sommer an der Synagoge errichten. Die Pläne fertigt der Kgl. Baurath Jakisch an Mit Genehmigung der Regierung sind vorläufig 75,000 M. zur Ausführung des Baues ausgeworfen, der an Stelle des jetzigen Gemeindehauses im Zugänge vom Friedrich-Wilhelms-Platz nach der Klukowitzerstraße zu stehen kommt. Der Zugang wird dadurch um ein Bedeutendes erweitert, so daß der ganze Stadttheil ein etwas verändertes Aussehen bekommt. Das neue Gemeindehaus wird einen großen Saal, ein Sitzungszimmer für die Gemeindekörperschaften, eine Badeanstalt, Wohnungen für die Gemeindebeamten re. enthalten.

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