Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1894)
- Date
- 1894-06-01
- Page
- Seite 264 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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264 Kannst Du diesen Brief lesen? — Ich sehe, daß meine Thränen^ an vielen Stellen die Schrift ausgelöscht haben. Schopenhauer behauptet, die Juden verstanden nicht zu trauern. Ach, könnte er mich in diesem Augenblicke sehen! Lebe wohl, Holger. Ich sehe Dein liebes Gesicht so deutlich vor mir, während ich diese Worte schreibe, ich sehe jeden Zug, jede Linie, und ich fühle eine unendliche Sehnsucht, mich an Deine Brust zu lehnen, Dich mit meinen armen Worten zu trösten und Dich zum allerletztenmal zu küssen. Du warst immer von einer rührenden Giite gegen mich. Jetzt, da wir von einander scheiden Und Abrechnung halten, fühle ich tief, daß ich Deine Schuldnerin bleibe. Es war so" wenig, was ich Dir geben konnte. Sei gesegnet dafür, daß Du, der Du so viele ausgezeichnete Frauen in Deinem eigenen Kreise kanntest, Dein Auge auf ein Weib meiner Kaste fallen ließest, sei gesegnet für jede frohe, glückliche Stunde in Rosengaard, für jedes liebevolle Wort. — sei gesegnet dafür, daß Du in meinem armen, verwundeten Herzen aufs Neue den unvergeßlichen Traum von Glück und Liebe ins Leben riefest — sei gesegnet für den Schmerz, der in diesem Augenblick meine Seele erfüllt — auch er ist schön und würdig, weil Du seine Ursache bist. Sei gesegnet für Alles, Holger — für Alles! Spvechfcrckl. Sehr geehrter Herr Redakteur! s dürfte wohl allgemein bekannt sein, daß christliche Theologen, deren Spezialfächer etwa neutestamentliche Theologie, Dogmatik, Kirchengeschichte 2c. smd, das nachbiblische Judenthum, mit Ausnahme vielleicht des hellenistischen, soweit griechische Quellen dafür vorhanden smd, wenig oder gar nicht kennen. Daß aber auch Theologen, deren Hauptfach die alttestamentliche Theologie ist, vom nachbiblischen Judenthum nur geringe oder gar keine Kenntnisse haben, was sie aber keineswegs abhält, gelegentlich mit einer, dem Laien wahrhaft imponirenden Sicherheit über dasselbe zu ertheilen, dafür hier nur ein Beispiel für viele: In dem sonst ganz trefflichen, vor Kurzem erschienenen Buche von Smend: Lehrbuch der alttestamentlichen Religionsgeschichte, Freiburg und Leipzig, 1893 heißt es Seite 33 l wörtlich: „Mehrfach sind auch sonst abgöttische Gebräuche, weil sie nicht auszurotten waren, zu gesetzlichen umgemünzt. Die Gebetsriemen sind ursprünglich gewiß Zaubermittel und mit ihrem Gebetsmantel steht es schwerlich anders (Gz. 13, 16 ff.)" So gewiß ist das, meine ich, doch nicht. Dann heißt es aber: „Noch in viel späterer Zeit ist das Purimfest, das ursprünglich ein heidnisches Fest war, zu einem der heiligsten jüdischen Feste gemacht, weil es eben in der Diaspora einmal aufgekommen war." Der Verfasser des genannten Lehrbuchs ist Professor der alttestamentlichen Wissenschaft in Göttingen und liest nach den dortigen Vorlesungsverzeichnissen: alttestamentliche Theologie, Exegese biblischer Bücher und Geschichte Israels u. s. w.; nun, wenn er sich nicht etwa erst beim Rabbiner, sondern beim Synagogendiener, dem Schames, in Göttingen wegen Purim — den Schulchan Aruch: Orach Chaim, der auf der Göttinger Bibliothek zweifellos vorhanden ist, könnte er ja doch nicht verstehen — erkundigt hätte, würde dieser ihm sicher mit einem bekannten jüdisch-deutschen Sprichwort geantwortet haben: „Purim ist kein Jontof (— Jomtob: Feiertag) und Ketoches (— Kadachath: Fieber) ist kein Kränk (Krankheit). Ich meine aber, daß, wer sich viele Jahre seines Lebens mit der Wissenschaft des Judenthums beschäftigt und an einer der ersten Hochschulen Deutschlands ihr offizieller Vertreter ist, der doch wenigstens wissen muß, welche jüdische Feste heilig sind und welche nicht. Was aber Purim betrifft, so ist es, was ich Juden allerdings nicht zu sagen brauche, noch viel weniger Feiertag als die sogenannten Mittelfeiertage — Chol-ha-moed — des Laubhütten- und Passahfestes Wie wenig ersteres selbst bei den orthodoxesten Juden heiliger Feiertag ist, geht schon daraus hervor, daß während am Chol-ha-moed die Frömmsten unter den heutigen Juden, die Chasfidinl in Polen, keine „Tefillin legen", wie der Ausdruck heißt, weil sie den Chol-ha-moM als ' Halbfeiertage halten. Smend verweist noch (a. a. O. Anmerk. 1), auf die bekannte Abhandlung über Purim vom verstorbenen Lagarde in den Abhandlungen der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaft, Bd. 34, 1887. Da findet stch zum Schluß jener (S. 54 ff.) zuerst eine Schilderung des jüdischen Purims in lateinischer Sprache vom Jahre 1634 von Schickard, dann eine solche von 1748 von Bodenschatz in deutscher, und Lagarde fährt daraus so fort: „Aus der neuesten Zeit liegt mir nichts vor, als ein bei H. Skutsch in Breslau 1862 erschienenes „humoristisch-satirisches Purimspiel mit Gesang in fünf Akten von Jakob Korew", „Hamann, der große Judenfresser", offenbar bestimmt, bei der Feier des Purimfestes aufgeführt zu werden Ich überlasse der Wißbegier des Lesers, sich dieses „Spiel" zu verschaffen: es ist belehrend. Wunderbar, was sich alles Religion nennt." Man traut seinen Augen nicht, wenn man das liest. Das Purimspiel soll zur jüdischen Religion gehören. Ist das Ignoranz oder Gehässigkeit? Ich glaube wohl letzteres. Die Purimspiele, wie das „Ahasverusspiel" und „die Berkaufung Josephs", gehören nie und nimmer zur jüdischen Religion, sie find aber sprachlich und nych mehr kulturhistorisch höchst interessant, wie man ans Alexander v. Weilen: „Der ägyptische Joseph im Drama des XVI. Jahrhunderts. Wien, 1887," S. 202-225 und 226-327, und aus Richard Maria Werner in der Besprechung des Buches von Weilen im Anzeiger für deutsches Alterthum und deutsche Litteratur, herausgegeben von Steinmeyer, XV. Band., Berlin 1889, S. 56 ff., ersehen kann. Wie mir kürzlich Herr R. M. Werner, der Professor der Germanistik in Lemberg ist, schrieb, ist er mit der Herausgabe der jüdisch-deutschen Spiele jetzt beschäftigt. Ihr ganz ergebener Dr. Babad. * Sehr geehrter Herr Redakteur! Alm Gegensätze zu Stade wird es wohl nützlich sein, auf die Worte des maßgebendsten und bedeutendsten Gelehrten unter den modernen Bibelerklärern, Professor Dillmann, hinzuweisen. Sein kurzer, gedrungener Ausspruch zu Levit. Kap. 19, Vers 18 lautet: „Das königliche Gebot (Jac. 2, 8. Matth. 22, 39), Vers 34 auch auf die Fremdlinge ausgedehnt". Hochachtend Karlsbad. Dr. I. Ziegler. * Geehrter Herr Redakteur! uf die Aufforderung hin in Nr. 18 der Allgem. Zeitung des Judenth. vom 4. Mai d. I. betreffend „Jüdische Soldaten", erlaube wir. Ihnen nachstehende Mittheilungen zu machen. Ich bin Jude; am 23. Juli 1870 wurde ich zur 4. Kompagnie des 3. Bataillons (Rawitsch) 1. komb. Landwehr-Regiments Nr 59 (später Division Kummer) als Unteroffizier eingezogen und Ende desselben Monats sind mir die Geschäfte des vom 59. Jnf.-Reg. unserer Kompagnie zugetheilten dienstthuenden Feldwebels übertragen worden. Noch bevor wir die französische Grenze bei Saarlouis überschritten, wurde ich laut Regimentsbefehl zum etatsmäßigen Feldwebel ernannt und habe sämmtliche Schlachten resp. Gefechte des Bataillons als Schützenzugführer mitgemacht. Da ein Offizier in der Kompagnie manquirte, habe ich die Stelle eines solchen pflichtgemäß vertreten,'was wohl daraus hervorgeht, daß ich auf Bescheinigung meines Kompagnieführers Hauptmann Cochius und des Bataillons-Kommandeurs Major Gellert — die Beide leider todt sind — sämmtliche Offizier-Zulagen im Feldzuge durch das Bezirks-Kommando Rawitsch nach Beendigung des Feldzuges ausgezahlt erhielt. In dem Gefecht bei Longwy vom 13. Januar 1871, wo der stellvertretende Kompagnieführer, Herr Premier-Lieutenants Cretius, als ältester Offizier das Detachement von Dorf Villers la Chevre leiten mußte und zur Zeit kein Offizier zur Stelle war — Hauptmann Cochius lag, soweit mir noch erinnerlich, in Cassel krank, Seconde-Lieutenant Buddee, unser Kompagnie-Offizier, war abkommandirt — müßte^ich die Kompagnie allein anführen. Hochachtungsvoll Louis Dienemann Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.