Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1894)
- Date
- 1894-06-01
- Page
- Seite 263 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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263 —— XXIV. Er saß allein im Zimmer in bittere, wehmüthige Gedanken versunken. Er gedachte dessen, was diese Frau, welche ihn eben so feindselig verlassen, ihm viele Jahre lang gewesen. — Er, das vaterlose Kind auf dem großen Gute, hatte sich so innig, mit der ganzen Hingebung seines einsamen Kinderherzens an sie geschlossen. ... Sie war ihm eine gute Mutter gewesen, hatte ihn verzogen und alle seine kleinen Wünsche erfüllt. Als er älter wurde und sein Blick sich schärfte, wurde er stolz auf seine Mutter, weil er sah, daß sie von Allen bewundert wurde. Sie war so schön, elegant und gewandt, daß keine Dame der Nachbarschaft sich mit ihr messen konnte. — Trat sie in eine Gesellschaft, so bildete sich gleich ein Kreis um sie. — Ueberall war sie die Erste. Er blickte nach der Thür. Ob sie wohl nicht zurück kam? War es vielleicht ihre Absicht, Rosengaard gleich zu verkästen? Ihr Stolz als Mutter und Weib war tief verletzt — er mußte auf Alles gefaßt sein. Lange saß er so grübelnd allein. Jetzt öffnete sich die Thür. Der Diener brachte ihm auf silbernem Teller einen Brief. — Er spang auf. — Ach, seine Mutter schrieb ihm — vielleicht war sie versöhnlicher, als er glaubte — obgleich er so hart gegen sie gewesen war. — Dieser große frankirte Brief kam aber nicht von seiner Mutter. Er erkannte sofort die Handschrift; er war aus Nizza. Der Diener hatte sich kaum entfernt, als Holger das Siegel brach. Als er das Schreiben zu Ende gelesen, zitterte jede Muskel im Gesichte des starken Mannes. . . . Mit thränenvollen Augen, ohne Hoffnung, blickte er vor sich hin, wie auf ein frischgeschloffenes Grab. Jetzt, da er Rachels wegen mit seiner Mutter gebrochen, brach auch sie mit ihm. — Er hatte auf einmal seine Mutter und seine Braut verloren.... Die beide» Frauen, welche er allein auf der Welt liebte, verließen ihn. Er las den Brief wieder und wieder — er konnte nicht fassen, was da mit grausamer Deutlichkeit geschrieben stand. „Als wir uns auf dem Bahnhofe in Kopenhagen trennten, nahm ich für ewig Abschied von Dir, ohne daß Du es ahntest. — In jenem Augenblick litt ich so viel, daß ich beinahe nicht mehr leiden kann. Damals schon fühlte ich den ganzen Schmerz der Trennung, als ich Dir in meiner Seele das bittere, ewige Lebewohl sagte, welches nicht über meine Lippen wollte: Ja, wir müffen uns trennen, Holger — das Schicksal will es so. — Obgleich wir uns Beide über Alles lieben, müffen wir uns trennen. Es ist nicht Deine Mutter, die feindlich zwischen uns steht, nicht Deine Familie — uns trennt ein anderer, tiefer liegender Grund. Es ist der Religionshaß. Du schüttelst den Kopf wie über die Einbildung eines Kindes — aber dennoch habe ich Recht. .Ich fühle es, ohne meine Auffassung durch schlagende Gründe beweisen können. Deine Mutter sagte einmal zur Baronin Svale in einem Gespräch, besten unfreiwillige Zeugin ich war: „Holger und Rachel paffen nicht zusammen — sie repräsentiren zwei verschiedene Welten — sie werden nie glücklich mit einander werden." — Deine Mutter sprach die Wahrheit. — Man sagt, die Liebe ist so stark, daß sie Alles auf ihren breiten Schultern trägt, daß sie die Ungleichheit der Naturen ebnet und jeden Streit schlichtet. ... Die arme Liebe! Als ob sie nicht auch des Kampfes mit den Disharmonien müde würde, die sich ans einer Verbindung wie der unseligen naturgemäß entwickeln würden. . . . Du weißt, daß ich in früheren Tagen schon eine traurige Erfahrung gemacht, die ich Dir ja gebeichtet habe. Ich hätte es Dir nie vergeben können, wenn ich entdeckt hätte, daß Du im Stillen auf mich herabsähest oder wenn Du kränkende Bemerkungen über meine Abstanimung gemacht hättest. Schon in Rosengaard fühlte ich mit dunkler Angst, wie das Ende sein würde — besonders als Du mich auffordertest, zum Christenthum überzutreten, und später, als Du mich und mein Volk dem Grafen Waldemar gegenüber Verleugnetest. Einige Male sprachst Du zu mir wie in einer fremden Zunge — ich verstand Dich nicht.... Ein verborgenes, feindliches Element trug jedenfalls die Schuld. Glaube nicht, daß ich diesen Entschluß ohne die tiefste, schmerzlichste Ueberlegung gefaßt habe! Ich habe Tag und Nacht gegrübelt und gedacht, ich habe über mich und über Dich f:weiut, Holger, aber schließlich sagte mir eine Stimme im Innern mit unabweisbarer Deutlichkeit: „Es muß geschehen! — Seinetwegen, meinetwegen, der Zukunft wegen." Du wirst mir noch einmal meine Handlungsweise danken, welche Du jetzt nicht verstehst und nicht billigst. Komm nicht hierher und versuche mich zu überreden, — ich flehe Dich darum an. Du würdest mir nur, indem Dn mich vor eine Wahl stelltest, neue Qualen bereiten, ohne Etwas zu erreichen. Mein Entschluß ist unerschütterlich. Lieber eitt augenblicklicher scharfer Schmerz, als ein ganzes verlorenes Lebe», — denn das würde das »reinige bei Dir mtb in Deiner intoleranten Familie sein. Ich muß vollständig Aufrichtig sein, obgleich es Dich, der Du so weich bist und noch gar keine Prüfungen erlitten hast, tief betrüben wird. Wisse denn, daß ich nicht an die Ewigkeit unserer Gefühle glaube. Sie wollen, wie das Feuer, Nahrung haben, sonst erlöschen sie auch wie dies. Zeit und Trennung tragen dazri bei, die Liebe zu tödten. ... In einigen Jahren, wenn ich Dich nie wieder sehe, wird dieser, mein Kummer, wenn auch nicht vergessen, so doch geheilt sein, wie jene Wunde, die mir in Rom geschlagen wurde. . . . Ich gebe den Glauben an Glück nicht auf, wie fern es mir and) sein möge — ich bin noch zu jung, um vollständig zu resigniren... Bielleicht treffe ich noch einmal auf meinem Lebenswege einen Mann meines eigenen Stanimes, der versteht, meine Zuneigung zu gewinne», und dann will ich ihm ein treues Weib sein; dann wollen wir für immer hier im Süden leben, fern von dem kleinen Dänemark, meiner strengen, schönen Stiefmutter, welche ich zugleich liebe und hasse. Jüdin bin ich und bleibe ich — der Glaube meines Volkes beherrscht mich, Judith geht es, Gott sei Dank, besser. Der Husten hat sich gelegt und ihre Kräfte nehmen zu. Das hiesige milde Klima übt wohl einen wohlthuenden Einfluß auf ihren Körper aus, aber es hat leider keine Arznei für ihre Seele, denn diese ist der Sitz ihres Leidens. Sie hat mir anvertraut, daß sie diesen Sommer in Norwegen die Bekanntschaft eines liebenswürdigen, jungen Mannes gemacht habe, der einer der ältesten Familien des Landes angehörte. Er zeichnete sie auffallend aus und gewann ihr junges Herz, aber er ließ sie abreisen, ohne sich formell zu erklären, und seitdem hat sie kein Wort von ihmjgehört. —Jetzt wird sie von stillem Gram verzehrt. Es scheint, als ob ein Fluch auf uns armen Jüdinnen ruht, wenn wir wagen, unser Herz einem blonden, blauäugigen Mann Deiner Rasse zu schenken. Es zieht uns magnetisch nach dem verbotenen Lande; wir wollen hinein, aber unsichtbare Grenzen halten uns zurück. So leb denn wohl, Holger, lieber Holger! — Einst warst Du mein. Du kannst mich nicht aus Deinem Leben auslöschen, wie hell und reich auch Deine Zukunft an der Seite eines anderen Weibes werden möge. Ich habe Dich voll und zuerst beseffen. Diese reiche Erinnerung kann mir Niemand nehmen.