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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-01 · Heft 22 (1.6.1894) · p. Seite 262

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 22 (1.6.1894)
Date
1894-06-01
Page
Seite 262 (sequence 10)
Language
German
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Auch Herr Professor Steinthal theilt eine Aenderung mit, die er in dem schönen b’HMH, welches ursprünglich ür den Ausgang des Sabbath, aus den der Versöhnungstag fällt, verfaßt ist, vorgenommen hat. indem er für 1ZLV21 13T1T setzt Dvmai 1V33. Wahrscheinlich wurde Professor Steinthal hierbei von der Annahme geleitet, daß die erste Lesart als die ursprüngliche aus zwei Wörtern bestand, für die er zwei andere Wörter substituirt. Dem ist aber nicht so; in der Primärquelle, im Machsor Vitry, lautet die Lesart nur iVvHl begründet auf Genesis 22, 17. Erst unsere Altvordern, auf die nach dem beglückenden Sabbath, das Elend und die Arinuth immer von Neuem wie die finstere Nacht hereinbrachen, seufzten im Gebete auch nach dem Gelde, mit dem sie sich nicht allein ihre materielle, sondern auch ihre wirkliche Existenz auf der Erdscholle, die sie bewohnten, sichern konnten. Sie beteten: Unsere Kinder wie unser Geld mehre wie Sand am Meer. Der Einwand, daß es grammatisch unrichtig sei, mit das Verbum rQH zu konstruiren, wurde natürlich abgewiesen. Aber der Wilnaer Gaon tadelte diese Fassung mit Rücksicht auf den biblischen Ausspruch in Hoschea 2, 10 „und daß ich (ihnen) Silber gehäuft und Gold, das sie an Baal verwenden", und änderte daher in WIHI. Rührend ist es, wie Herr Prof. Steinthal erzählt: „Auch ein jüdisches Wiegenlied ^'H2k2H habe ich meinem Kinde, zumal wenn es krank darnieder lag, vorgesungen und es damit eingeschläfert." Aber werthvoller bleibt doch, was im Jeruschalmi Tractat Jebamoth Kap. I erzählt wird, daß nämlich die Mutter des Rabbi Josua b. Chananja, dessen Lob sein Lehrer Rabbi Jochanan b. Sakkai mit den Worten „Heil der Mutter, die ihn geboren" bezeichnet, die Wiege mit dem darin ruhenden Säugling, in das Lehrhaus getragen, damit sich rechtzeitig sein Ohr an jene Stimmen vom Jordan und Euphrat gewöhne, damit sie ihm Heimathsklänge werden, die ihn später nicht einschläfern, vielmehr wach erhalten sollten im Kampfe mit dem Leben und seinen Forderungen. Erhebend ist's, wie Herr Prof. Steinthal mit dem Geständniß schließt: „In trüber Einsamkeit sang ich solche Lieder für mich; beginnend mit den traurigsten und zu immer heitere» Melodien übergehend, erhob ich mich aus tiefer Melancholie zu ruhiger Heiterkeit. Ich verdanke denselben nicht wenig zur Beruhigung meiner Stimmung und Befestigung meines Charakters." Werthvoller aber bleibt doch das Bekenntniß des Psalmisten: 7TD5 "ppn 'b VH rvmsi „Gesänge waren mir deine Satzungen im Hause meines irdischen Weilens." Möge mau über jene Melodien nicht dieser Gesänge vergefie»; denn sie erst geben jenen den wahren, vollen Inhalt. Ohne diese» müssen alle Nigunim aus der alten Zeit doch nur wie Noten ohne Lieder erscheinen! Möge es uns vergönnt sein, von dem Verfasser der jüdischen Melodien in ihrem Werthe für das Gesühlslebc» auch eben solche geistreiche Worte über die jüdischen Gesänge im Sinne des angeführten Psalmspruches zu lese», von ihrer hohen Bedeutung, ihrer veredelnden Kraft und ihrem versittlichenden Einflüsse auf alle Lagen und Verhältnisie des menschlichen Lebens — dann soll „unser Mund des Dankes und unsere Zunge des Lobes voll" sein. Meine Randbemerkungen sollen dann ganz und ungetheilt den Mann preisen, der cs verstanden hat, nicht allein sein Fühlen, sondern auch sein Denken in den Dienst unseres höchsten Heiligthums zu stellen. FEUILLETON «-li-II Me Jüdin. Erzählung von John Paulsen. (Schluß.) fic Kammerherrin sank auf einen Stuhl und bedeckte die Augen mit dein Taschentuch. Wie Posaunen des jüngsten Gerichts klang die Stimme ihres Sohnes in ihren Ohren. Leider hatte er auch die Macht, seine Worte auszuführen. Das Gut war ein Fideikommiß und Holger deffen rechtmäßiger Besitzer. Wie ein Dienstbote sollte sie aus Rosengaard gejagt werden, wo sie bisher wie eine Königin geherrscht hatte, wo sie auf allen Gebieten in Gesellschaftstoiletten- und Geschmacksfragen den Ton für die adeligen Damen der Umgegend angegeben hatte. Jetzt war sie gezwungen, bei ihrer Schwester auf Fühnen Zuflucht zu suchen, welche zwar reich, aber die Herrschsucht selbst war, oder eine Miethswohnung mit niedrigen Zimmern in Kopenhagen zu beziehen, wo sie keinen Park, keine Dienerschaft und keine Equipage hatte und ihrem Sohn fern sein mußte, der sie so grausam behandelte, aber den sie dennoch über alle Maßen liebte. Sie konnte sich das Leben nicht ohne seine Nähe vorstellen, ohne seinen täglichen Morgen- und Gute-Nacht-Kuß. Sie hatte nicht viel Gefühl, sie wußte es selbst, aber was sie an Empfindung besaß, gehörte ihm. Sie liebte ihn über Alles. Er war ja ihr Sohn, ihr einziges Kind! Holger stand wie betäubt diesem Kummer gegenüber, dessen Tiefe er ahnte. Er hatte seine Mutter noch nie weinen sehen, selbst nicht beim Tode seines Vaters, und er wurde dadurch so tief gerührt, wie durch den Anblick eines hilflosen Kindes. Cr kannte seine Mutter nur lächelnd, geputzt und als glänzende Salondame stets von vornehmer Selbstbeherrschung. Sein ganzer Zorn war geschwunden. Er war wieder der alte gute Holger. — Demüthig, mit kindlicher Ehrerbietung beugte er sich über seine Mutter und suchte ihre widerstrebende Hand zu fassen. „Höre doch auf, liebe Mutter! — Ich kann es nicht ertragen, Dich weinen zu sehen, Dich, welche noch niemals eine Thräne vergossen. — Und jetzt trage ich, Dein Sohn, der Dich so lieb hat, die Schuld daran. — Meine Worte waren ja nicht so schlimm gemeint, wie Du glaubst. Wenn lvir in Zukunft auch nicht zusammen wohnen, werde ich Dich doch ebenso lieb haben, wie immer, Mutter, — das weißt Du doch. Du kannst ja nach Kopenhagen ziehen, wo Du so viele Jugendfreundinnen hast. — Du hast ja immer für die Hauptstadt geschwärmt, dort hast Du die Oper, die königlicheir Theater, den Hof und die feinen diplomatischen Kreise. — Ich werde Dich oft besuchen, das verspreche ich Dir, und Du koinmst jeden Sonimer nach Rosengaard und besuchst uns. — Noth wirst Du ja nie leiden." Sie stand plötzlich auf, stieß stumm, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, seine Hand zurück und ging weinend und tief gebeugt aris dem Zimmer. Zum ersten Mal siel es Holger auf, daß seine Mutter eine alte Frau war. „Mutter!" rief er ihr nach. „Mutter!" Aber sie war unversöhnlich. Die Thür zwischen ihnen blieb geschlossen.

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