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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-01 · Heft 22 (1.6.1894) · p. Seite 261

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 22 (1.6.1894)
Date
1894-06-01
Page
Seite 261 (sequence 9)
Language
German
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261 sein dürfen, ohne dafür leiden zu müssen, er sollte sein Leben in Deutschland verbringen. Das war aber auch Alles. Ein Jude sollte auch der Sohn bleiben. Und nicht blos, weil dies seinen eigenen Anschauungen entsprach, sondern auch als Mittel zu diesem Zweck impfte mein Großvater meinem Vater von Kindheit auf eine freiheitliche Aufassung des Glaubens ein. Denn unerschütterlich war seine Ueberzeugung, daß so allein dem Abfall gesteuert werden könnte, lind das Beispiel seines Neffen in Rußland, der aus einem fanatischen Orthodoxen im Handumdrehen Christ geworden, bestärkte ihn darin. Aber gleich eifrig pflanzte er ihm die Treue für seine Brüder ein, die allgemeine Empfindung für's Judenthum. Im Uebrigen kam mein Vater in seiner Knabenzeit mit seinen Glaubensgenossen kaum in Berührung; er wurde zu Hause unterrichtet, und kam dann auf ein Gymnasium, das wenige jüdische Schüler zählte. Gewiß geschah dies auch zu dem Zwecke, damit er vor der Sprechweise und beit Manieren des Ghetto bewahrt bleibe, er sollte sie nicht in seine neue, die westliche Heimath hinübernehmen. Hat je eine Erziehung die gewünschten Früchte getragen, so war dies bei meinem Vater der Fall. Er wurde mit Leib (und Seele ein Deutscher, ein warmer Anhänger der Aufklärungs-Ideen, aber dabei zugleich voll starker Empfindung für das Judenthum. Nur in Einem gestaltete sich sein Leben anders, als der Vater es gewollt auch er verbrachte sein Leben im Osten. (Fortsetzung folgt.) Randbemerkungen?u dem Uortrage über „Vre jüdischen Melodien". Von Dr. A. Berliner. IV. er Verzicht auf den kunstgerechten Gesang zu Gunsten der Deutlichkeit in der Aussprache des Textes sollte etwas erweitert werden, nämlich auch zu Gunsten der laritrichtigen Betonung eines jeden Wortes. Wie oft nach diesen beiden Richtungen hin in unseren Synagogen, zuerst natürlich in unseren Lehranstalten, gesündigt wird, davon kann man sich fast überall überzeugen. Hier in Rom konnte ein dreißigjähriger Krieg in der Gemeinde darüber herrschen, ob Wß mit Schwa oder mit Chataf unterm Re sch oder tt-Q zu lesen sei. Erst durch die Entscheidung eines Rabbiners aus Jerusalem im Jahre 1845 wurde der gestörte Frieden wieder hergestellt*). Gestern hat ein junger Chasan mit mir ganz ernst darüber diskutirt, ob '2^2 im 92. Psalm den Ton ultima oder penultima'habe, und hierbei einen Eifer entwickelt, als ob es sich um Erlaubtes und Unerlaubtes handle, ohne zu wissen, daß bereits Delitzsch in seinem Kommentar zum Buche Hiob an irgend einer Stelle dieser Frage eine gründliche Untersuchung widmet. In der That verräth der Chasan eine fürchterliche Ignoranz, der im Gebete am Sabbathausgange “|b fni mit Patach statt *]b s2'1 mit Schwa ausruft oder mit Schwa und iSbrtö mit zere in der Haphtara am Fasttage nicht unterscheidet oder zu unterscheiden versteht. Auch der herrlichste Gesang wird, wie die Musik durch falsche Noten, verunstaltet, wenn in demselben jj1? (übernachten) und uS (für uns) oder "DE? (sie kehrten zurück) und 12V (sie nahmen gefangen) oder 2K2 (sie kam) und,1K2 (sie kommt) *) Das hierüber aufgenommene Protokoll habe ich im hebräischen Theil des Magazin 1890 veröffentlicht. der Ton unrichtig auf die erste oder die zweite Silbe gelegt wird. Man beachte nur z. B., wie selten das Wort ,1112 richtig den Ton auf der letzten Silbe erhält! Hierin kann nur durch besondere Sorgfalt für ein korrektes Lesen in der Kinderschule allmählich Wandel geschaffen werden. Die Bemerkung des Herrn Prof. Steinthal, daß er von dem kurzen Stücke KJ drei sehr von einander abweichende Varianten (in der Saugesweise) gehört habe, giebt mir Veranlassung, darauf hinzuweisen, daß dies mit einer liturgischen Eigenthümlichkeit zusammenhängt, wie sie kaum zum zweiten Male Vorkommen dürfte. Dieses kurze Stück, welches überall im deutschen Ritus erscheint, wo eine vollständige Keroba vorhanden, ist ursprünglich der Keroba 'angefügt, welche entweder dem ersten Pessachtage oder dem Sabbath, der am 14. Nissan, angehört*). Ihr Verfasser ist Jann ai, der noch älter als Kalir ist, und der seinen Namen in der dritten Nummer gezeichnet hat. In der fünften Nummer reicht das Alphabet nur bis zum Buchstaben Jod; der Dichter setzt von da ab in abweichender Weise — vielleicht aus Verlegenheit — das Alphabet fort, indem er in dem zweimal folgenden bj das 22), im Beginne des KJ *?K mehrere Male das b, in dem weiteren mit “|Sö beginnenden Satze mehrere Male das 2 und dann mit 121K21J 22J zweimal das J, mit 1222 IN'V zweimal das D, und dann regelmäßig die folgenden Buchstaben folgen läßt, bis N2V1 21TD zweimal das V und 122K22 21^22 P]pl2 dreimal das 2 das Ganze schließen. So erscheint dieses Stück wie ein Anhängsel an die älteste Keroba, und hat dann im Laufe der Zeit bei jeder Keroba an bestimmter Stelle Aufnahme gefunden. Da nun die Kerobas an verschiedenen Sabbathen und Festen auch in der Sangesweise variirten, so wurde auch dieses Stück verschieden gesungen. Von anderen Beispielen, wie liturgische Aenderungen sich geltend machten, sei bei dieser Gelegenheit auf die in diesen Blättern vor einiger Zeit mehrfach ventilirte Frage über die Zugehörigkeit des r|p2 2J2J1 zu anderen Ritualen, außer dem deutschen, hingewiesen. Ursprünglich nur dem deutschen Ritual angehörig, fand dieses, in erhabenen, großartigen Zügen dargestellte Gemälde des göttlichen Gerichts später auch Aufnahme in jüngere Handschriften und einige Druckausgaben des italienischen und dann auch des spanischen Rituals. Aber bezeichnend ist die Aenderung, welche hier vorgenommen wurde. Da in diesen Riten dem Tage des 222 KJDE12 eine noch größere Bedeutung verliehen wird, als er in der Mischnah hat, so wurde derselben Rechnung getragen und jener prägnante Satz so geändert: KJVV1221 ]12221’ “1123 212 21'21 ]12:r 2JV2 VK22 ♦]lDiHT 222 Hat hier der kabbalistische Einfluß sich geltend gemacht, so ist an einer anderen Stelle die geänderte Gewohnheit die Veranlassung zU einer Aenderung in der ursprünglichen Fassung gewesen. In dem Pismon NN1J2 'K2122 am ersten Tage der Selicha-Woche haben die Handschriften noch die eigentliche Leseart b'b 212112 2sl!N3, denn in der alten Zeit wurden diese Selichot-Gebete um Mitternacht vorgetragen. Später begann man damit in der Nacht vor Tagesanbruch; daher haben die Druckausgaben die Lesart b'b 11JO- Jetzt wo diese Andachtsübung erst mit dem Ausgange der Nacht beginnt, sollten die Ausgaben die bereits an vielen Orten rezipirte Lesart b'b 2K223) enthalten. , *) S. Zunz, Littexaturgeschichte S. 28. -) Etwas abweichend bei Zunz a. a. O. und bei Rappoport im Hamaggid 1863, S. 23, ist die von mir gegebene Zeichnung der einzelnen Buchstaben. 3) Ebenso gegen den Schluß 21^2,232 2121)2 statt 21^2.

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