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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-01 · Heft 22 (1.6.1894) · p. Seite 260

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 22 (1.6.1894)
Date
1894-06-01
Page
Seite 260 (sequence 8)
Language
German
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260 Gewiß ist. daß meine Vorfahren seit dem XVII. Jahrhundert zu Nancy in Lothringen saßen, sich als Lichtzieher ernährten und mit dem Familiennamen „Ledert" nannten. Mein Urgroßvater Michael Ledert, dem große Thatkraft und künstlerischer Sinn nachgesagt wird, erhob sich vom Handwerker zum Fabrikanten: er betrieb die Erzeugung von Wachskerzen im Großen und bildete daneben nach der Mode und dem Geschmack jener Zeit allerlei Kunstwerke und Nippes in Wachs nach. Persönliche Verbindungen ließen ihn den Versuch wagen, derartige Fabriken auch auf polnischen! Boden zu errichten. Der älteste Sohn übernahm die Leitung der Fabrik in der Heimath, seine Abkömmlinge leben noch heute, führen noch jetzt den Namen Ledert, sind ihrer Nationalität nach eifrige Franzosen und halten auch am sephardischen Ritus fest. Für den zweiten Sohn errichtete Michael eine solche Fabrik in der Nähe von Warschau. Dieser zweite Sohn schrieb sich in der neuen Heimath „Ljewär"; von ihm weiß ich wenig, von seinem Sohne nur, daß er als Jüngling ein starrer Orthodoxer war, deshalb mit meinem Großvater, seinem Oheim, der eine freiere Richtung verfolgte, in Händel gerieth, dann aber als Mann — ich weiß nicht aus welchen Gründen — plötzlich zur griechisch-orthodoxen Kirche übertrat; was aus seinen Nachkommen geworden ist, weiß ich nicht. Anders wieder gestalteten sich die Schicksale des dritten Zweigs der Familie, dem ich entstamme. Auch für seinen Jüngsten, meinen Großvater, hatte Michael eine Wachskerzen-Fabrik errichtet, bei Tarnopol in Galizien. Er also war österreichischer Unterthan und erhielt obwohl er ja bereits einen Familiennamen „Levert" hatte, bei der zwangsweisen Namensgebung, welche die Oesterreicher durchführten, den Namen „Franzos" oktroirt, weil er in Frankreich geboren war. Mein Großvater hatte es in seiner neuen Heiniath nicht leicht und hat ein arbeitsvolles, kampfreiches Leben geführt. Von seinen jüdischen Glaubensgenoffen trennte ihn schon sein sephardischer Ritus; zudem hatte er sich auch seine Frau aus der alten Heimath geholt, Noch größer wurde die Kluft durch seine geschäftlichen Anschauungen, er war stolz darauf, Fabrikant zu sein und hatte von dem Handel, wie ihn die Anderen trieben, keine günstige Meinung. Nun kam aber noch Zweierlei hinzu. In seinem künstlerischen Sinn, wie in seinem Bildungsstreben seines Vaters Sohn, erwarb er sich ein für seine Zeit ungewöhnliches Wissen und besuchte sogar, als verheiratheter Mann, unter schweren materiellen Opfern — die Fabrik mußte einstweilen von fremden Händen geleitet werden — zu diesen! Zwecke die damals deutsche Universität Lemberg. Seine religiösen Anschauungen waren sehr freiheitliche. Im Allgemeinen in den Mendelssohn'schen Ideen wurzelnd, scheint er allmählich über sie hinausgegriffen zu haben; gewiß ist, daß er in vielen Ceremonial-Gesetzen historische Ueberlieferungen sah, die für unsere Zeit nicht mehr bindend seien. Hierzu kam, daß er, der in Frankreich Geborene, aber fast noch als Knabe in eine deutsche Kultur-Atmosphäre gekommen, sich allmählich immer enger dem deutschen Wesen anschloß und in der Pflege deutscher Kultur, zunächst für sich und sein Haus, von Jahr zu Jahr eifriger wurde. Zunächst für sich sich und sein Haus, sage ich, aber nicht für diese allein. Er versuchte in jenem Sinne, der ihm richtig schien, auch auf seine Glaubensgenossen zu wirken. Daß dies ein schwer Stück Arbeit war, läßt sich leicht begreifen. Er war ein Fremder, Ueberlieferung war, und ebenso ist es nicht unmöglich, daß ich in die Geschichte meiner Vorfahren, auch noch den Großvater eingeschlossen, auch Einiges, was dichterische Ausschmückung meines Bruders war, habe einfließen lassen. Um Wesentliches aber kann es sich dabei nicht handeln. Anm. d. Vers. mit Niemand verwandt. Er trug eine andere Tracht, die deutsche, die „christliche" — lange Jahre als der Einzige in seiner Gegend. Er sprach eine andere Sprache, mit seiner Frau spaniolisch, mit den Anderen hochdeutsch; das sogenannte „Jüdisch-Deutsch", damals das einzige Verständigungsmittel seiner Glaubensgenoffen, war ihm nicht geläufig, er hat es noch als Greis kaum verstanden, gewiß aber nie gesprochen. Er betrieb ein iw seiner Art einziges Geschäft; erst in seinem reifen Mannesalter sah er auch andere Juden als Fabrikanten sich etabliren. Vor Allem aber: seine Lebensführung, seine religiösen Anschauungen! Schon der Sepharde hätte sich mit den „Aschkenasim" nicht ganz gut verständen, nun war er aber zudem ein Mann der entschiedensten Aufklärungs-Ideen, sprach sie offen aus, handelte nach ihnen! Und um das Maß voll zu machen: die Anderen waren auch ihrem Volksbewußtsein nach Juden, während er sie zu Deutschen erziehen wollte! Wo war da noch ein Gemeinsames? Nach den Anschauungen seiner Glaubensgenossen nicht das Geringste mehr. Denn in ihren Augen war er kein Jude mehr, sondern eben ein Abtrünniger; er hatte sich nur noch nicht taufen lassen.*) Anders aber lagen die Dinge für ihn. Er fühlte sich als Anhänger deflelben Glaubens, als Glied desselben Stammes. Das verpflichtete ihn zur Liebe, zur Arbeit für seine Brüder.« Wie es ihm dabei im Einzelnen erging, soll hier nicht erzählt sein. Genug, daß er sehr viel litt, sehr viel kämpfte, nicht viel erreichte. Nicht viel, aber Einiges doch. Er hat für die Gründung deutschjüdischer Schulen, die Verbreitung deutscher Bücher gethan, was dem Einzelnen, der nicht vermögend ist, möglich ist. Auch .verbitterte sich sein Herz nicht, so viel er litt. Nur zu einem Entschluß bestimmten ihn seine persönlichen Schicksale: sein einziger Sohn sollte es besie* haben, als er. Dieser Sohn sollte ein aufgeklärter Jude, ein Deutscher *) Ganz dieselben Anschauungen kehrten sich auch gegen meinen Vater. Da er nicht blos deutsche Tracht trug, sondern auch die Speise- Gesetze nicht einhielt, so wandte sich ein großer Theil der „Chassidim" seines Wohnorts, obwohl seine Tüchtigkeit als Arzt außer Frage stand, doch lieber an einen christlichen Regimentsarzt, der einige Jahre im selben Städtchen in Garnison war So that auch ein Wunderrabbi der Nachbarschaft; als aber die Gefahr wuchs, ließ er doch meinen Vater Holm, der ihn dann auch wieder herstellte. Bei seinem letzten Besuch sagte ihm der Genesene: „Herr Doktor, darf ich Jhnm zum Dank einen Rath geben?! Schieben Sie Ihre Taufe nicht länger auf! Thun werden Sie es ja doch, denn wer die Speise-Gesetze nicht einhält, ist kein Jude mehr, also thun Sie's jetzt, und es ist beiden Theilen geholfen." Als mein Vater sein Befremden über diesen Standpunkt aussprach und meinte, daß er als freisinniger Jude sich denn doch seinen Glaubensgenossen näher fühlen dürfe, denn als Christ, erwiederte der Rabbi: „Es kommt ja auf unser Gefühl an! Aber Sie sind ein verständiger Mann, ich will offen mit Ihnen sprechen. Das Gefühl wäre vielleicht gleich bitter, aber die Gefahr ist geringer. Unsere Jugend soll nicht sehen, daß man als Jude Braten und Mehlspeise bei einer Mahlzeit essen kann; das thut sie Ihnen vielleicht nach, aber die Taufe doch nicht!" Daß mir volle vierzig Jahre später öffentlich, sogar in einem deutsch geschriebenen jüdischen Blatte, ähnliche Rathschläge ertheilt wurden, werde ich später erzählen. Auch ich bin ihnen nicht gefolgt, aber wäre mir ein Sohn beschieden gewesen, so würde sicherlich nach abermals vierzig Jahren dieselbe freundliche Mahnung an ihn gerichtet werden! Denn Alles auf Erden wandelt sich, nur nicht die Verblendung unserer Orthodoxie, die bleibt sich ebenso gleich, wie jeder religiöse Fanatismus. Wer fällt ab? Wer im Zwiespalt zwischen historischer Ueberlieferung und modernem Empfinden indifferent geworden, oder wer die Ketten einer starren Ueberlieferung getragen, und dann, ein Sklave, der die Ketten bricht, mit den Ketten alles Andere abthut. Giebt es ein Mittel, dem Abfall zu steuern, so ist es die Pflege liberaler Idem innerhalb des Judenlhums — das bleibt eine Wahrheit, wie immer heutzutage Biele darüber denkm möge». Anm. d. Vers.

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