Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1894)
- Date
- 1894-06-01
- Page
- Seite 259 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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259 die Art der Judenfeinde ist ungestümer und gefährlicher geworden, ihre Zahl ist gewachsen, ihre Angriffswaffen sind vergiftet worden, allein das Judenthum nimmt ruhig seinen Gang weiter durch die Weltgeschichte; denn, wie Rabbi Akiba sagt: „Es ist Alles schon einmal da gewesen!" Gin Vorwort. Von Karl Emil Franzos. (Nachdruck verboten.) ilde, Künstler, rede nicht!" Jedes Dichterwerk soll sich selbst erläutern. Bedarf es erst einer Erklärung, so taugt es nichts. Zudem nützt alles Erklären nichts. Ist das Werk lebensfähig, so lebt es durch die eigene Kraft; ist es als Krüppel zur Welt gekommen, so nützt ihm das Mäntelchen eines Vorworts nichts. Im Gegentheil, das Mäntelchen schadet nur. Ungeduldig zerrt der Leser an dem Gewände: „Laß mich doch selbst sehen, wie das Kipd gewachsen ist." So habe ich es bisher gehalten und gedenke, es ferner zu thun. Dies Vorwort soll meinen Roman weder erläutern, noch vertheidigen. Es soll nur einige äußere Umstände ansühren und daneben Einiges sagen, was ich schon lange auf dem Herzen habe und am Besten bei dieser Gelegenheit Vorbringen kann. Es betrifft meine russischen Glaubensgenossen und was ich für sie wünsche und hoffe. Zunächst die äußeren Umstände. Der vorliegende Roman erscheint vor Allem in russischer Sprache. Dieser russischen Ausgabe soll zunächst in Amerika eine englische folgen. Die deutsche Original-Ausgabe wird erst später erscheinen. Das hat zuerst einen äußeren Grund. Der Grund ist der, daß wir Schriftsteller höchst merkwürdiger Weise, obwohl uns doch unsere Träume genügend sättigen könnten, dennoch auch Speise und Trank brauchen. Und sogar eine Wohnung, obwohl sich doch die Laube unserer Ideale schattend über uns wölbt. Mit anderen Worten: nachdem alle meine Bücher in russischen Zeitungen und zum größten Theil auch in russischen Buch-Ausgaben erschienen, ohne daß ich dafür jemals eine» Heller Honorar erhalten hätte, war ich der Meinung daß mir dies schon der Abwechslung wegen sehr erfreulich und wohlthuend sein würde. Die einzige Möglichkeit hierzu ist aber der Verkauf des Manuskripts an einen russischen Verleger, denn ist das deutsche Original erschienen, so kann es Jedermann übersetzen, weil zwischen Deutschland und Rußland keine Litteratur-Konvention besteht. Aber dieser Grund allein war mir nicht ausschlaggebend. Auch aus einem inneren Grunde war es mein Herzenswunsch, daß die r) In der russischen Revue „Moschod" (Petersburg, Verlag von A. I. Landau) erscheint seit dem Januar die Uebersetzung des ersten, großen Ghetto-Romans von Franzos, aus dem in Deutschland bisher nur durch Vorlesungen des Dichters einige Bruchstücke bekannt geworden sind. Ueber die Gründe, die ihn dazu bewogen haben, das Merk zunächst in Uebersetzungen und dann erst im Original erscheinen zu lassen, — der russischen Uebersetzung wird zunächst eine englische, dann eine dänische, schwedische und holländische Ausgabe folgen, während die deutsche erst für den Herbst 1895 ins Auge gefaßt ist - spricht sich der Autor in einem, der russischen Uebersetzung Vorgesetzten Essay aus, der daneben auch so viele interessante Mittheilungen über Leben und Schaffen des Dichters, sowie seine Anschauungen über das östliche Judenthum enthält, daß eine Wiedergabe des Aufsatzes an dieser Stelle unseren Lesern sicherlich willkommen sein wird. Der geschätzte Autor giebt ihn hier nach dem deutschen Original; in der russischen Uebersetzung mußten einige Stellen mit Rücksicht auf dieCensur gemildert oder weggelassen werden. D. Red. Uebersetzung dieses Werkes in jenem Lande, wo derzeit die Mehrheit meiner Glaubensgenossen seßhaft ist, in Rußland, unter meinem Zulhun, nach meinem Manuskript geschehe. Denn wohl habe ich natürlich bei jedem meiner Bücher den Wunsch gehegt, daß es voll und in jenem Sinne, den ich anstrebte, auf meine Leser wirke, aber nie so heiß, wie bei diesem Werke. Und nur darum habe ich mich der Mühe unterzogen, dieser Ausgabe für die russische Sprache eine besondere Gestaltung zu geben, die sich von dem Original nicht unwesentlich unterscheidet. Das ist etwas Ungewöhnliches. Die Form, die ein Poet seinem Werke giebt, ist ja nichts Zufälliges. Diese Form entspricht eben seinem künstlerischen Wesen, wie der Eigenart des Stoffs, den er behandelt. Wie sollte er, nachdem er diese Form in der Sprache, in der er dichtet, gefunden, sie für eine andere Sprache ändern wollen und können?! So prinzipiell liegt aber die Frage in diesem Falle nicht. Ich habe diesen Roman nicht eigens für meine russischen Leser umgedichtet. Ich habe nur für sie Einiges weggethan und Einiges hinzngegeben. Und diese Weglassungen und Zusätze rühren an den dichterischen Kern nicht, sondern sie betreffen die Atmosphäre, in der sich die Dichtung abspielt, den kulturhistorischen Untergrund. Bei meinen anderen Werken aus dem jüdischen Volksleben war mir ja eine Einflußnahme auf ihre Gestaltung in anderen Sprachen überhaupt nicht möglich, sie wäre mir aber auch nicht nothwendig erschienen. Anders hier, hier schien mir eine solche Bearbeitung nöthig. Schon daraus geht hervor, daß sich nach meiner eigenen Empfindung dies Werk von meinen früheren Arbeiten aus demselben Stoffkreise unterscheidet. Worin dieser Unterschied liegt, wäre freilich nur dann in wenigen Worten zu sagen, wenn ich bei jedem meiner Leser die Kenntniß meiner früheren Arbeiten und meines Entwickelungsganges voraussetzen könnte. So schmeichelhaft aber kann ich über meine Stellung zum Leser nicht denken. Darum muß ich ausführlicher sein. Ich bin Jude, auf russischem Boden geboren, aber zwischen jenen Einflüffen, unter denen sonst ein in Rußland geborener Jude aufzuwachsen pflegt, und denen, die auf mich wirkten, liegt eine ungeheure Kluft. Es war bei mir so ziemlich Alles, was den Menschen bestimmt. anders. Meine Familie ist ihrer Abstammung und ihrem Ritus nach ursprünglich eine sephardische (portugiesische) gewesen. Einer mündlich fortgepflanzten Tradition zufolge war sie einst im spanischen 'Flecken Leverda seßhaft gewesen und von der Inquisition ausgerottet worden, bis auf einen Knaben, der zufällig dem Verderben entronnen und mit anderen Flüchtlingen nach Amsterdam gelangt sei?) ■ ’) Aus mich, der ich meinen Großvater väterlicherseits nicht gekannt, meinen Vater bereits im zehnten Lebensjahre verloren habe, ist diese .Tradition durch eine Aufzeichnung gekommen, die mein ältester Bruder Maximilian Franzos, geb. 1837 und 1888 als cand. med. verstorben, im Jahre 1882 niedergeschrieben hat. Natürlich kann der Bericht eines phantasievollen, fünfzehnjährigen Knaben nicht als historische Quelle dienen, und dies um so weniger, als ihn zur Niederschrift nicht die Absicht, eine Familiengeschichte zu bieten, als vielmehr ein dichterischer Trieb, der auch ihn erfüllte, bewog. Es ist möglich, daß ihm einige Details, die er mittheilt, von: Vater überliefert wurden, andere hat er sicherlich selbst erfunden oder den ausgezeichneten Ueberlieferungen anderer Familien, die er in Geschichtswerken fand, entlehnt. Darum habe ich? sein er Darstellung nur die Thatsachen entnommen, die mir historisch scheinen; ein Jrrthum nach beiden Richtungen ist auch hier, wie in allen ähnlichen Fällen, nicht ausgeschlossen; es ist nicht undenkbar, daß ich Einiges ausgeschieden habe, was geschichtliche Wahrheit oder doch treu gewahrte