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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-01 · Heft 22 (1.6.1894) · p. Seite 258

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 22 (1.6.1894)
Date
1894-06-01
Page
Seite 258 (sequence 6)
Language
German
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258 nein! Ein Advokat? nein! Ei, was ist er denn? O, er ist ein Judenfeind! Da hat er plötzlich einen Charakter. Der gute Herr L. kann Alles ertragen, bedeutende Grobheiten, zarte Händel, er sucht sogar selbst gerne allerlei Hader und Streit an, allen Orten, bei allen Gelegenheiten, kurz, das Allergemeinste ist seiner zarten Seele angenehm, blos gegen Juden sind seine Nerven reizbar. All sein Witz, all sein Muth, all seine Einfälle, all seine Beredtsamkeit, all sein sanftseliges Lächeln dreht sich um die Juden, und wenn ihnt einmal die Juden den verdammten Streich spielen wollten, ganz auszusterben, er wäre das geschlagenste, erbärmlichste, miserabelste Geschöpf aller fünf Welttheile, er hörte auf, etwas zu sein, er müßte stumm herumwandeln. Ist der gute Mann auf einem Platze, wo keine Juden sind, so dreht er sich rings herum und bemerkt: „Es ist Gottlob kein Jnde da!" Dabei lächelt er selig, denn nun weiß er, was er sprechen soll; die Damen, die so unglücklich sind, ihn anhören zu müssen, wissen nun, daß sein Mund von Juden überfließt. Ist er an einem Orte, wo Juden sind, o, da ist er erst recht glücklich! Nun kann er nämlich gleich zu sprechen anfangeu, ohne erst Leibweh zu haben, denn in seiner endlosen Fadheit nicht einmal geschickt genug vom Wetter oder von der Cholera zu sprechen, sind es nun di« armen Juden, oder vielmehr die reichen Juden, die herhalten müsse«: Er sagt erst: „Ach, es wäre hier schön, wenn nur nicht so viele Juden da wären!" Nach dieser Geistesanstrengung ruht er auf seinen Rednerlorbeeren aus, dann wendet er sich in seiner überschwenglichen Liebenswürdigkeit zu einer anderen Dame und sendet ihr postfrei die Bemerkung zu: „Ueberall sind Juden!" Hierauf knickt er, erschöpft von diesem Aufwand von Witz und positivem Wissen, wie ein Taschenmesser zusammen, erholt sich nach einigen Augenblicken und frankirt an eine dritte unglückliche. Dame die Worte: „Daß doch die Juden überall sind!" Nachdem er sich nun selbst über die Fülle seiner Genialität angestaunt, wendet er sich zu dem vierten bedauernswerthen Gegenstände seiner interessanten Aufmerksamkeit mit dem brillanten Einfall: „Müssen denn überall Juden sein?" — Unser Judenfeind ist das drolligste und lächerlichste Exemplar dieser Rasse auf Erden, und sollten wir im Verlaufe der Zeit entdecken, daß er sich in dieser Wissenschaft vervollkommne, so werden wir Buffons Naturgeschichte mit einer lithographirten Abbildung dieses Prachtexemplares von Judenfeinde gelegentlich vermehren." Nult, der Judenfeind hat sich in seinen charakteristischen Eigenschaften inzwischen in der That vervollkommt! Wenn aber jenes Exemplar zu den im Grunde harmlosen, gutartigen und unschädlichen Narren gezählt werden kann, wie sie Saphir's erbarmungsloser Witz zu Hunderten getroffen hat, so sind seitdem im Laufe der Jahre in der Entwickelungsgeschichte des „Judenfeindes" Spielarten oder Abarten aufgetaucht, deren Gutartigkeit und Harmlosigkeit denn doch nicht so über jeden Zweifel erhaben ist. Sie sind nicht „fade und hirnlos und ignorant und arrogant", denn wer möchte sich erdreisteii, einem ehemaligen Hofprediger oder einem Profeffor der Nationalökonomie oder einem Modephilosophen derartige ehrenrührige Beiwörter zu geben? Sie sind auch nicht „unbedeutende Nullen", denn ihr Einfluß ist groß, lind die letzte Reichstagswahl hat bewiesen, daß ihr Anhang und ihre Gefolgschaft auf viele Hunderttausende angewachsen ist. Sie beschränken sich alich nicht mehr darauf, ihrer Freude über die Abwesenheit von Juden in einer Gesellschaft Ausdruck zu geben oder ihrem Aerger über deren Gegenwart Luft zu machen; nein, ihr Streben und Trachten und Wühlen geht jetzt schon darauf hinaus, die Existenzberechtigung der Juden überhaupt in Frage zu stellen oder sie wenigstens aus dem Lande hinaus zu befördern, und zwar — ohne Rückfahrtkarte mit dem Orientzuge. — Und die Mittel, deren sie sich dazu bedienen, sind auch nicht gerade „drollig und lächerlich", sie sind vielmehr oft derartig, daß sie einen gewisserihaften Charakter mit Schauder erfüllen müssen. Da scheut man zu Nutz und Frommen der „guten Sache" vor keiner Lüge und keiner Fälschung zurück, da sucht man mittelalterliche Ungeheuerlichkeiten hervor, um sie den Juden nochmals anzudichten, da zieht man Subjekte an sich heran zur Judenhetze, die mit Gefängniß lind Zuchthaus bereits mehrmalige intime Bekanntschaft gemacht haben, ja, da sieht man selbst Meineid und Unterschlagung nicht als Dinge an, die zur Unehre und Schande gereichen können. Und wenn wir nun gar erst die Motive ins Alige fassen, die dahin führten, daß so Mancher, der sich jetzt als Führer der antisemitischen Schaaren repräsentict, sich selbst als Judenfeind „entdeckte". Da gab es z. B. einen Offizier in der Armee, dem die Schulden über de.i Kopf zusammenzuschlagen drohten, und der sich vor den bösen Manichäern keinen Rath mehr wußte. Und siehe da! Eines schönen Morgens erwachte er, uttb es kam ihm zum klaren Bewußtsein, daß dies die beste der Welten sein würde, wenn Gott nicht in ihr die Juden erschaffen hätte, und er fand plötzlich, daß er einen vortrefflichen Antisemiten abgeben könnte, und daß auf diesem Gebiete ihm noch Ruhm und Erfolg blühen würden. Und heute — glänzt er als erster Stern am Himmel des Antisemitismus. Oder da gab es einen Andern, dem sein pädagogisches Amt und die Sorge um das Wachsen und Blühen seiner „Passiva" noch Zeit ließen zu allerhand Makulaturstudien, pardon! Aktenstudien, (daher seine meist „sitzende" Lebensweise.) Eine der ersten „Enthüllungen" und Entdeckungen, die er dabei machte, war die von ihm tiefgefühlte Ueberzeugung, daß der Uebel größtes die Schulden und die — Juden seien. Und er beschloß in sein „Wechsel" volles Geschick dadurch eine Aendernng zu bringen, daß er seine Schulden und zugleich die Juden zu — tilgen suchte. Für das Elftere hat sich nämlich die Judenhetze als durchaus probates Mittel erwiesen. Sie bringt etwas ein, ist ein gutes „Geschäft" geworden, und man kann durch Eröffnung einer Broschttrenfabrik und durch fleißiges Erheben von Entreegeldern in antisemitischen Volksversammlungen sich ein „anständiges" Auskommen sichern. Mit der Wahrheit braucht man es in seinen Schriften »nd Reden nicht so genau zu nehmen, wenn man nur dreist und gottesfürchtig die altbewährte Regel befolgt: calumniare audacter, semper aliquid haeret! Nur wacker verleumden, etwas bleibt immer schon hängen! So könnten wir übrigens noch manch anderes Beispiel anführen, „wie man Judenfeind wird", und wie allmählich aus einer unscheinbaren, ja häßlichen Raupe, die bis dahin in tiefster Verborgenheit gelebt hatte, sich der schönste antisemitische Schmetterling enttvickelt, der Aller Blicke auf sich lenkt. Wenn Herostratus einst den Tempel der ephestschen Diana in Brand steckte, damit die Geschichte seinen Namen als „Berühmtheit" bis in die spätesten Zeiten tragen sollte, so war dies eben lediglich eine Ruchlosigkeit, ohne daß darin irgend ein Verdienst um die Menschheit enthalten war. Wenn dagegen unsere antisemitischen Heroen, die bis vor wenigen Jahren in weitesten Kreisen unbekannt waren, nunmehr hoffen dürfen, daß ihre Namen als „Judenfeinde ersten Ranges" in den Annalen der Geschichte weiterleben werden, wer möchte wagen, darin etwas Herostratisches zu finden, wo doch das Verdienst uni die „vergewaltigte Christenheit" und inssondere um das „unterdrückte Deutschthum" so offenbar ist und ein unsterbliches Andenken beanspruchen darf! — Und in dieser ehrenwerthen Gesellschaft von Schiffbrüchigen, denen der Antisemitismus wieder zum Glücke verhelfen soll, fehlt denn auch „nach berühmten Mustern" der Renegat nicht, der die angeblichen Verruchtheiten seiner früheren Glaubensbrüder aufdeckt. Fürwahr, wenn es nicht die schlechteste Frucht ist, an der die Wespen nagen, so kann das Judenthum auf seine Feinde stolz sein

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