Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1894)
- Date
- 1894-06-01
- Page
- Seite 257 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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257 der jüdischen Schulen betreffend, erstatten sollte, konnte nur mittheilen, daß diese Kommission praktische Erfolge nicht zu erreichen vermochte. Dahingegen referirte derselbe in eingehender Weise über den Nutzen und Vortheil, den die öffentliche jüdische Volksschule nicht allein dem Lehrer, sondern mehr noch der Gemeinde bringt. In dem ebenfalls beifällig aufgenommenen Vortrag, der als Ergänzung des vorhergegangenen erscheint, zeigte der Redner unter anderem den Weg, welcher bei Errichtung einer eigenen jüdischen Volksschule einzuschlagen ist. Derselbe wäre folgender: „Der Vorstand der Syuagogengemeinde beantragt bei der städtischen Behörde Ausschulung der jüdischen Schüler aus den kommunalen Schulanstalten. Die Königliche Regierung nimmt die Erklärungen der verschiedenen Interessenten entgegen und ist bei allseitigem Einverständniß befugt, die gewünschte Einrichtung zu treffen. Im Falle obwaltender Differenzen entscheidet der Minister der geistlichen Angelegenheiten. Die Aufbringung der Kosten für eine auf solche Weise errichtete Privatschule ist Sache der Synagogengemeinde. Folgende Leitsätze fanden mit einem von Herrn Rabb. Dr. Horrowitz-Crefeld vorgeschlagenen Zusatze einstimmige Annahme: 1. Die bestehenden jüdischen Volksschulen sind zu erhalten und da, wo solche nicht bestehen, ist für Errichtung derselben zu wirken. 2. Es ist darauf hinzuwirken, daß diesen jüdischen Volksschulen nach Möglichkeit der Charakter der öffentlichen Schulen verliehen werde. 3. Jeder einzelne jüdische Lehrer hat dahin zu wirken, daß seine Volksschule zu einer öffentlichen erhoben werde. Dieses Ziel kann erreicht werden durch fortgesetzte Belehrungen der Gemeindemitglieder über den Nutzen einer öffentlichen Schule für Erziehung und Unterricht, für Gemeinde und Lehrer. Die Zeit war indessen vorgeschritten, und es konnte an diesem Tage nur noch der nächstjährige Konferenzort bestimmt werden. Als solcher wurde Hamm in Vorschlag gebracht und allseitig aceeptirt. Nur kurze Zeit war den Kollegen vergönnt, nach angestrengter Arbeit frische Luft zu schöpfen, da sie sich bereits um 8 Uhr in das Hotel Kaufmann begaben, wohin das Festkomitee die Konferenzbesucher in liebenswürdiger Weise zu einem Abendbrod eingeladen hatte. Bei einem vortrefflichen Mahle, welches sich nach den Vorschriften des von Herrn Dr. Frank für diesen Zweck besonders verfaßten „Schulchan-Aruch" abwickelte, erfreuten zahlreiche Toaste heiteren und ernsten Inhaltes die Festtheilnehmer. Der erste von Herrn Dr. Frank ausgebrachte Trinkspruch galt dem erhabenen Herrscher, unserem geliebten Kaiser. Nicht unerwähnt bleibe der von Herrn I. de Jonge ausgebrachte Toast auf den von den Geschäften zurücktretenden Leiter des deutsch-israelitischen Gemeinde-Bundes Herrn Dr. Kristeller-Berlin. Die von den Herren Moses und Löwenthal eigens für dieses Fest gespendeten Lieder, sowie ein von Kollegen Frank-Neuß vorgetragenes hebräisches Lied erhöhten die fröhliche Stimmung der Gäste. Am zweiten Konferenztage wurde die Versammlung Morgens 8^ Uhr eröffnet. Bei Besprechung für die nächstjährige Konferenz übernahm Fleischhacker-Siegburg das Referat: „Die Lesebuchfrage für die israelitische Schule", Dr. Lazarus-Köln dasjenige über obligatorischen Religionsunterricht und Seminarlehrer Treu-Münster über Konzentration im Religionsunterrichte. Sodann erhielt Löb-Köln das Wort zu seinem Vortrage „Das Gebetbuch als Religionsbuch". Der -Referent zeigte, welch herrlichen Schatz und was für ein vorzügliches Erziehungsmittel wir in dem Gebetbuche besitzen. Der Redner wies die Entstehung und die Zeit der Einführung einzelner Gebete nach Quellenangabe nach und zeigte, wie die Gebete uns Trost im Leide, Muth in der Gefahr, Mäßigung im Glück und Aufrichtung im Unglück geben Auch gab der Kollege in seinem musterhaft ausgearbeiteten Vortrage manche anregende Vorschläge, wie das Gebetbuch in der Schule pädagogisch zu verwerthen sei. „Wenn das Gebetbuch im Religionsunterricht seine gerechte Würdigung findet, dann kann es nicht ausbleiben, daß es in späteren Jahren in der Hand und im Herzen der Heranwachsenden Jugend seine Heimstätte findet." Wir möchten uns dem allgemein ausgesprochenen Wunsche anschließen, daß auch dieser Vortrag durch den Druck die weiteste Verbreitung fände. Nach..längerem Meinungsaustausch wurde der letzte Punkt der Tagesordnung, die Gründung eines deutsch-israelitischen Lehrerbundes betreffend, durch folgende einstimmig angenommene Resolution erledigt: „Die in Köln tagende Versammlung jüdischer Lehrer Westfalens und Rheinlands steht der Gründung eines allgemeinen Vereins deutscher Lehrer jüdischer Konfession sympathisch gegenüber und entsendet zu diesem Zweck zwei Beauftragte zu der nach Kassel einzuberufenden Delegirtenversammlung." Als solche wurden die Vorstandsmitglieder Steinweg-Rheda und Levy-Neuß bestimmt. Hiermit war die Tagesordnung erledigt. Für die freien Besprechungen war leider keine Zeit mehr übrig. Eine angenehme Zugabe bildete der inhaltreiche gediegene Vortrag des Herrn Dr. med. Auerbach-Köln, welcher über die Bestrebungen zur Förderung des Handwerks unter den Juden einen zu Herzen gehenden Mahnruf an die Lehrer richtete. Darauf hinweisend, daß schon unsere Altvordern sich mit Lust und Liebe der Arbeit Hingaben, betonte er die Nothwendigkeit gerade in heutiger Zeit, die Jugend dem Handwerk zuzuführen zu deren eigenem Besten, wie auch zum Wohl des Gesammtjudenthums. Insbesondere seien die Erzieher dazu berufen, die Vereine zur Förderung des Handwerks unter den Juden dadurch zu unterstützen, daß sie denselben die geeigneten Kinder zuführen, wie auch dadurch, daß sie bei ihren Schülern die Freude und das Interesse zum Handwerk erwecken. Die im Konferenzsaale ausgestellten Arbeiten von Schülern und Lehrern der städtischen israelitischen Schule geben den besten Beweis, welch schöne Erfolge im Handfertigkeitsunterricht bei redlichem Bemühen zu erzielen sind. Die Versammlung spendete dem Vortragenden reichen Beifall und erhebt sich auf Antrag des Vorsitzenden zum Ausdruck des Dankes von ihren Sitzen. Die Schlußrede hielt Herr Rabb. Dr. Frank mit dem Wunsche, daß Gottes Segen auf der Arbeit der Lehrer ruhen möge. Der Vorsitzende dankte dem Redner für die in Köln gefundene überaus freundliche Aufnahme, dem deutsch-israelitischen Gemeindebunde für die bewilligte Reiseunterstützung und den Ehrengästen für ihr zahlreiches Erscheinen. Nachdem nun auch dem Herrn Steinweg für die vortrefflliche unparteiische, mühevolle und umsichtige Leitung der ihm gebührende Dank ausgesprochen worden, schloß der Vorsitzende die Konferenz. Man reichte sich zum Abschied die Freundeshand, und fort ging's mit dem Dampfpferd der Heimath zu mit dem Wunsche im Herzen: Auf frohes Wiedersehen im nächsten Jahre. Die Schriftführer: Weinberg - Wickrath. S e e l i g - Grevenbroich. Wie man Antisemit wird. Bon Dr. med. Simon Scherbel-Lissa. aphir. der mit den scharfen Pfeilen seines Witzes und der ätzenden Lauge seiner Satire den Narrheiten, Verkehrtheiten und Vorurtheilen seiner Zeit unheilbare Wunden schlug, und dem seine Gegner nicht anders beizukommen wußten, als daß sie ihn einen „Juden" nannten — damit glaubten sie ihn genügend abgethan — hat folgende ergötzliche Charakteristik eines Judenfeindes gegeben: „Der gütige Himmel hat jedem Geschöpfe seine Waffen, jedem Pflänzchen seine Eigenschaft und jedem Menschen seine eigenthümliche Seite verliehen, von welcher er sich liebenswürdig und geltend machen kgnn. Bon der Milbe bis zum Mammuth, von dem Isop, der an der Wand kriecht, bis zur herrlichen Ceder, von dem Cretin bis zum Sokrates ist kein Wesen auf der Stufenleiter der Schöpfung ganz reizentblößt, ganz uninteressant, ganz unbemerkenswerth. Sehen wir z. B. jenen Herrn X. an, er ist fade, abgeschmackt, roh, hirnlos, langweilig, ignorant und arrogant. Er ist so unbedeutend, daß der liebe Tod einstens große Mühe haben wird, ihn herauszufinden, und daß er bei der Wiederauferstehung gewiß liegen bleibt, ohne daß es die liebe Vorsehung bemerken wird. Allein auch diesem Menschen, dieser personifizirten Null, hat die gütige Allbarmherzigkeit Gottes eine Seite gegeben, von welcher er sich barmherzig machen kann, er ist nämlich ein — Judenfeind.; Auf eine wohlfeilere Weise kann ein charakterloser Mensch nicht zu einem Charakter kommen. Man fragt sich in Gesellschaft: Wer ist denn dies Schattenspiel von einem Menschen? Ist er ein Gelehrter? nein! Ist er ein Dichter? nein! Ist er ein Künstler? nein! Gin Doktor? %