Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1894)
- Date
- 1894-05-25
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 bau zuzuführen und in Hinsicht darauf ihre Bildung zu beschränke^. Solche nicht in der Eigenart der Zöglinge begründete Rücksichten sollten wie überhaupt von jedem Erziehungswerk, so ganz besonders von dem an eltern- oder vaterlosen Kindern geübten fern gehalten werden. Wenn wir deshalb auch, durch Tagesmeinungen unbeirrt, bei dem durch die reichste Erfahrung wohlbewährten Verfahren bleiben, den Bildungsstand der Zöglinge nach Maßgabe ihrer Leistungsfähigkeit zu heben und sie das Handwerk wie jeden andern Beruf nur dann ergreifen lassen, wenn Neigung, Fähigkeit und die sonstigen Bedingungen für denselben vorhanden sind, so haben wir trotzdem hinsichtlich der Berufswahl das den Freunden des Handwerks willkommene Ergebniß zu verzeichnen, daß sich demselben ohne irgend welche einem Zwang ähnliche Beeinflussung die Mehrzahl der im Laufe des letzten Jahres aus dem Knaben-Waisenhause ausgeschiedenen Zöglinge gewidmet hat, während nur zwei zum Kauf- , mannsstande und zwei, diese allerdings mit rühmlicher Auszeichnung und als die beiden Ersten aus ihrer Schule entlassen, zum Studium übergegangen sind." R. Berlin, 19. Mai. Am 18. d. Mts. hielt vor außerordentlich zahlreich versammeltem Publikum in dem Humanitätsverein Gemilus Chassodim Herr Dr. med. Moses einen überaus geistreichen und interessanten Vortrag über Leopold Kompert. Redner knüpfte än die Bewegung an, die sich in letzter Zeit in den meisten jüdischen Gemeinden kund gegeben: Litteraturvereine ins Leben zu rufen, und ging dann zunächst auf die Ghettodichtung im Allgemeinen ein; dann schilderte er in kurzen, klaren Zügen das Leben Leopold Kompert's, um hieran eine Kritik der Schriften des Dichters zu knüpfen. Aus den einzelnen Novellen las Redner die bedeutendsten Stellen vor, so die wundervolle Schilderung des Kaddisch-Gebetes, ferner die Brautschau des Schlemthl, die begeisterten Beifall hervorrief, und viele andere, zum Schlüsse noch zwei Märchen. Reichlicher Beifall lohnte den Redner am Schluffe. — Wir können dem Verein Gemilus Chassodim Glück wünschen zu dem Erfolg dieses Abends. JE Breslau, 20. Mai. Am 22. v. M. veranstaltete die unter Leitung des Herrn Rabbiner Dr. P. Neustadt stehende Hebräische Unterrichtsanstalt eine Schulfeier im Saale der städtischen Realschule am Nicolaistadtgraben, in deren Räumen die Anstalt ihre Schulräume seit 22 Jahren durch die Gunst der städtischen Behörden erhalten hat. Der Feier wohnte ein zahlreiches Publikum bei, das sich aus Vorstehern, den Eltern der Zöglinge, den beitragenden Mitgliedern und Freunden der Anstalt zusammensetzte und den großen Saal in allen seinen Theilen füllte. Mit gespannter Aufmerksamkeit folgten die Anwesenden den freien Vorträgen, welche Schüler und Schülerinnen aus unserem Kultus und Festritual in hebräischer und deutscher Sprache vortrugen. Daran schloß sich die Entlassung einiger Zöglinge; Namens derselben hielt eine Schülerin, Ella Roth, eine Abschiedsrede mit Dankesworten an die Anstalt, deren Lehrer und Lehrerinnen. Herr Rabbiner Dr. P. Neustadt ermahnte in herzlicher Erwiederung die Abgehenden, den Lehren, die sie in der Anstalt genossen, stets treu zu bleiben und sich durch keinerlei Versuchungen von dem Pfade der Frömmigkeit und Tugend abbringen zu lassen. Hierauf folgte die Einführung des neuen, von der Breslauer Königlichen Regierung bestätigten Lehrers Herpn Jakob Ledermann, der seine Ausbildung an den Seminarien von Burgpreppach und Würzburg erhalten und zuletzt in Schonungen bei Schweinsurt gewirkt hatte. Der Leiter der Anstalt forderte ihn auf, nach dem Vorbilde seiner frommen Lehrer seine Thätigkeit an Schule und Synagoge einzurichten, worauf Herr Ledermann in kurzer Ansprache erwiederte, zuletzt sich auch an die Schüler wendend. Die Feier beschloß ein Vortrag des Herrn Dr. Louis Neustadt, der besonderes Interesse erweckte, weil er einen Gegenstand aus unserer Heimathsgeschichte behandelte, den Uebertritt des katholischen Rektors und Stadtkämmerers von Nikolai in Oberschlesien, Joseph Steblitzki, zum Judenthum im Jahre 1785. Der Vortragende stützte sich dabei auf die amtlichen Untersuchungsprotokolle und die Akten des Breslauer und Berliner Geheimen Staatsarchivs, sowie auf Nachrichten von noch lebenden selbst betagten Personen, die den merkwürdigen Mann, der erst 1807 gestorben ist in dem hohen Alter von 82 Jahren, noch persönlich gekannt haben. n. Aus Oberschlesien, im Mai. Am 13. d. M. fand in Gleiwitz die Verbandsversammlung der Rabbiner Oberfchlesiens statt. Der Vorsitzende Dr. Cohn-Kattowitz eröffnete die Versammlung mit einer Begrüßung der anwesenden Kollegen. Nach Erledigung einiger geschäftlicher Angelegenheiten und mehrerer Mittheilungen berichtet derselbe über seine Verhandlungen mit dem Vorsitzenden des allgemeinen deutschen Rabbinerverbandes betreffend die von dem oberschlestschen Verbände zu zahlende Beitragsquote. Es wird beschlossen den jährlichen Berbandsbeitrag auf 10 Mark zu erhöhen. Dr. Löwenthal-Tarnowitz spricht hierauf in einem längeren Vortrage über die Aussprache der hebräischen Vokale unter eingehender Erörterung der aus der Septuaginta, dem Talmud und den Ansichten der jüdischen Grammatiker des Mittelalters sich ergebenden Anhaltspunkte; an den Vortrag schließt sich eine längere Debatte. Die Versammlung votirt Herrn Dr Löwenthal ihren Dank für seine lichtvollen und belehrenden Ausführungen. Der nächste Punkt der Tagesordnung betraf den Bericht der in der letzten Versammlung gewählten Kommission zum Entwürfe eines Lehrplans für den Unterricht in der jüdischen Geschichte und Religionslehre in Sekunda und Prima höherer Lehranstalten. An der Hand des vorliegenden Entwurfes referirt Dr. Goldschmidt-Königshütte über die Vorschläge der Kommission, die einer eingehenden Besprechung unterzogen wurden. Von sämmtlichen Rednern wurde namentlich auch die Nothwendigkeit der Aufnahme des Bibellesens in den Lehrplan betont. In Anbetracht des Wichtigkeit des Gegenstandes wird beschlossen, in der nächsten Versammlung nochmals über den Lehrplan zu verhandeln. Es folgt hierauf der Antrag des Herrn Dr. Münz-Gleiwitz: „Rabbinerverband wolle auf Mittel und Wege sinnen, wie zunächst in allen Rabbinergemeinden Oberschlesiens eine bestimmte, gleiche Ziele setzende Seelsorge in Synagoge, Schule und Haus gepflegt werden könne, damit bei dem regen Verkehr und den zahlreichen Beziehungen der oberschlesischen Gemeinden die seelsorgerische Arbeit in der einen Gemeinde die der anderen fördere und der dadurch geschaffene einheitliche Geist in den Gemeinden anregend und befruchtend wirke". Referent erörtert eingehend Ziel und Zweck seines Antrages. Mit Rücksicht auf die inzwischen vorgeschrittene Zeit beschließt die Versammlung, die weitere Besprechung des Antrages, wie der übrigen noch vorliegenden Punkte der Tagesordnung bis zur nächsten Versammlung zu vertagen. Als Ort der nächsten Versammlung wird Beuthen festgesetzt. F. 8. Groß-Strelitz, 18. Mai. Gestern feierte der Kaufmann Herr David Creutzberger, Vorsteher der hiesigen Synagogen-Gemeinde und Mitglied des Stadtverordneten-Kollegiums, sein 50jähriges Jubiläum als Bürger der hiesigen Stadt. Durch einstimmigen Beschluß der beiden städtischen Kollegien wurde derselbe zum Ehrenbürger unserer. Stadt ernannt. Aus Anlaß dieser festlichen Gelegenheit begab sich eine Deputation der beiden Körperschaften unter Führung des Bürgermeisters in die Wohnung des Jubilars, um ihm das Ehrenbürger-Diplom zu überreichen. Der Bürgermeister beglückwünschte ihn im Namen der Stadt und führte bei dieser Gelegenheit aus, daß es die höchste Auszeichnung sei, welche die Stadt zu vergeben habe, das Ehrenbürgerrecht zu verleihen. Auch der Vorstand, das Repräsentanten-Kollegium und die Beamten der hiesigen Synagogen-Gemeinde, sowie der Vorstand des hiesigen Vorschuß-Vereins, dessen Rendant der Jubilar seit seinem Bestehen ist, überbrachten ihm persönlich ihre Glückwünsche. Möge es dem wackeren Mann vergönnt sein, noch recht viele Jahre als Ehrenbürger in unserer Mitte zu weilen. M. Hamburg, 16. Mai. Durch die Initiative der „Henry Jones Loge" ist es gelungen, in unserer Stadt wiederum ein Wohlthätigkeitsinstitut, welches sich hauptsächlich gegen die Bestrebungen der Mission richtet, ins Leben zu rufen. Durch den Andrang der jungen Leute nach den Großstädten, insbesondere nach der Hafen- und Handelsstadt Hamburg, und die dadurch vermehrte Arbeitslosigkeit, gerathen viele Arbeitsuchende in drückende Noth. Als letzten Hoffnungsanker ergreifen manche unserer Glaubensgenossen die Hilfe bestehender Anstalten, die ihnen Obdach, Lebensunterhalt und Arbeit bieten, durch welche sie jedoch allzu oft zum Abfall von ihrem Glauben gelangen. Andere, von israelitischen Wohlthätigkeitsvereinen zeitweilig durch Darbietung von Obdach und Almosen unterstützt, - gehen in ihrer Erwerbslosigkeit einer trostlosen Zukunft entgegen. Sie werden von Ort zu Ort befördert, man will sie überall „los sein", und so werden sie oft zu Wanderbettlern und irren ruhelos in der Welt umher, ohne ein Ende ihrer Noth selbst in weitester Ferne zu sehen. Um diesem Uebelstand abzuhelfen, ist hier ein Komitee zusammentzeLreten, welches, unterstützt durch die Einrichtungen der „Henry