Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1894)
- Date
- 1894-05-25
- Page
- Seite 251 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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251 knaben, der den Philister überwand, ist vortrefflich, das stolze Eniporheben des Körpers charakteristisch geschaffen. An der Querwand steht eine imponirende Reiterstatue Washington's. An der Längswand, rechts von der Balustrade, sind Werke des jüngst verstorbenen Schöpfers des Moses Mendelssohn-Denkmals in Deffau, Heinz Hoffmeister, zusammengestellt. Im Saal 5 wird Ihnen das in plein air gemalte Bild „Am Potsdamer Platz" auffallen; da Sie den Platz recht oft betreten, werden Sie dem Maler, H. Herrmann, den Vorwurf, daß die Naturtreue dem Bilde mangele, nicht ersparen können. Eine durchgeistigte Komposition bietet uns E. B. Hirschfeld im Saal 8 in „Vor fünfzig Jahren" (Nr. 678): Ein Ehepaar sieht am Tage der Jubelhochzeit seine jugendliche Erscheinung vor fünfzig Jahren als Erinnerung im lichten Nebelschleier auftauchen. Gustav Wertheimer in Paris hat bereits mehrfach in Koloffalgemälden verführerische Fraueugestalten dargestellt, welche als Nixen den Mann ins Verderben locken, seine „Vision" hier (Nr. 1696) behandelt ein ähnliches Motiv. In demselben Saale 8 an der linken Seitenwand hat Sch ad (München) „Eva an der Leiche Abels", eine gereifte ausdrucksvolle Arbeit, dargestellt. Rechts vom Saal 8 hängt im Saal 9 ein vorzügliches Portrait von Georg Meyer Ball (Nr. 1132), den bekannten Chirurgen des jüdischen Krankenhauses Profesior James Israel darstellend. Als Pendant erwähnen wir gleich das Portrait von R. B ereny (recte Weiß), das den Chefarzt des Kaiser Friedrich-Krankenhauses, Professor Baginsky, darstellt (im Saal 31). Beide Portraits sind kräftig charakterisirte Gelehrtenbildniffe, das erstgenannte ist im Kolorit schärfer. Im Saal 11 steht in der Ecke auf einer Staffelei eine kleine Studie des Meisters AdolfMenzel, die einen polnischen Juden darstellt (Nr. 1117). Wer die ganze Gewalt des Menzelschen Genius auf sich wirke» lassen will, auch aus einem kleinen Werke, der betrachte diese Studie nach einem alten Juden. Was hier an Zeichnung und Malerei geleistet ist, muß als ganz phänomenal bezeichnet werden. Welche Tiefe des Ausdrucks, welch' genialer Gedankenflug ist da zu bewundern! Und die Farbe, das Stiefkind der Menzelschen Muse, sie ist von einer Reinheit, Klarheit und Wärme, der Vortrag von einer Weichheit und Breite zugleich, wie man sie nur auf den größten Meisterwerken alter Zeit wiederfinden kann. Und wie ist das Alles zusammengestimmt! Jede Einzelheit genial, und dreimal genial das Ganze, zu dessen überwältigendem Eindruck die Einzelheiten sich vereinen. In demselben Saale hängt die talentvoll ausgeführte Landschaft eines Modernen, Freude mann, „Abendsonne". Im Saal 12 interessiren uns das von Traute Steinthal gemalte Bildniß einer Dame (Nr. 1550) und das Portrait des Hofschauspielers Jaffe von F. Borchardt in Dresden. Wenn wir durch die Skulpturenhalle nach rechts wandern, finden wir in Kabine 50 ein allerliebstes Genrebild von L. Rosenberg, ein schlafendes Kind mit rothen Bäckchen, in Kindesanmuth strahlend, liegt in seinem Bettchen. Der Maler des Bildes stammt aus Kowno in Rußland; ein hochherziger Gönner in Königsberg, der in Kowno geschäftliche Verbindungen hatte, nahm den talentvollen Knaben nach Königsberg auf die dortige Kunstakademie, der junge Glaubensgenosse vollendete dann seine künstlerische Ausbildung in Berlin und Paris. Wir haben von ihm auch gute Skizzen aus dem Leben der russischen Juden gesehen. Durch Saal 7 nach rechts beireten wir die anderen Kabinen und Kojen an dem Umkreise der Ausstellung. Hier interessirt nns in Koje 18 ein sehr schönes Bronze-Postament mit Onyx der renommirten Fabrik von Arndt und Marcus, in Koje 19 eine phantasievoll komponirte Blumendekoration in feurig Roth von Freude mann. Gleichfalls dekorativ wirken in Kabinen 33, 34. 35 die Applikationsmkd anderen Stickereien von EmmaDernburg geb. Seliger, deren sorgsame Ausführung von den Damen gerühmt wird. — Die Assimilationsfähigkeit des jüdischen Stammes auf allen Gebieten der künstlerischen Arbeit erweist auch diese Ausstellung. Unsere eigentliche Domäne verbleibt allerdings im Reiche des Geistes, gehört nicht den technischen Gebieten an. Die seelische Stimmung ist es auch, die uns hauptsächlich, nach geschehener Betrachtung dieser dekorativen Arbeiten, vor dem Landschaftsbilde eines Glaubensgenossen länger verweilen läßt, dessen Vater sich als Dekorationsmaler durch die innere Ausschmückung der neuen Synagoge in Berlin ein bleibendes Andenken geschaffen hat. Wir treten in Saal 38 vor die Landschaft von Julius Boden sie in in Berlin „In den Dünen" (Nr. 136 des Katalogs). Die Stimmung des Meeres, welche Heinrich Heine vor Allem mit so intensivem, dichterischem Gefühl zum Ausdruck gebracht hat, wirkt hier poetisch auf uns ein. Die Landschaft mit einer Schafheerde als Staffage ist mit großem und feinem Naturgefühl behandelt. — In der Mitte desselben Saales befindet sich ein Glasschrank mit kostbaren Buchdeckeln und Einbänden mit Ledermosaikarbeit von dem Hofbuchbinder W. Collin in Berlin. — Bei genügender Durchbildung der Heranwachsenden Generation wird auch das Kunsthandwerk in jüdischen Kreisen noch eine Blüthe feiern, — erwähnt sei noch, daß der selige Bodenstein und der gleichfalls verstorbene Hofbuchbinder Collin, der Lehrer des Prinzen Heinrich, armer Leute Kinder waren und sich zu hochgeachteten Stellungen durch eigene Kraft emporarbeiteten. „Sorget für die Kinder der Armen", denn mit ihnen beginnt nicht nur das Reich der Lehre, sondern auch das der Kunst. Hier wirkt die vererbte und veredelte künstlerische Fähigkeit dann oft Großes das späteren Generationen hoffentlich zu schauen vergönnt sein wird. — Wie viel das Stoffgebiet der Malerei dem Judenthum verdankt, läßt sich auf einer flüchtigen Wanderung durch eine moderne akademische Kunstausstellung nur an einzelnen Beispielen verfolgen, so genüge denn ein Hinweis auf die Radirung des gefeierten Meisters K. Köpping: „Josef, von Potiphar verklagt", nach dem Rembrandt-Bilde. Da ist die Kraft der Bibel, fern von aller Verschwommenheit; das ergreift uns mi unseren sittlichen Fasern, fern von allem Rausch der Sinne. — Die Ironie der Kontraste, die ja das Leben und darum auch sein Spiegelbild, die Klinst, bietet, will es, daß wir unmittelbar darauf vor das Bild von L. Ury: „Im Cafe Bauer", treten. Der in letzter Zeit oft genannte Maler hat dieses Kaffeehaus nicht in der Zeit dargestellt, in der es am Tage der Sammelpunkt vieler litterarischer Elemente ist, sondern zur Zeit des Besuches der Nachtfalter. Und dergleichen interessirt uns hier weniger. Allerdings ist das Judenthum nicht asketisch und weltfeindlich. Jede ernste Strömung der Zeit in Kunst und Wissenschaft findet auch jüdische Mitarbeiter. Auch in andern Sälen erweckt manches Zeitbild unser lebhaftes Interesse, so daß wir, wenn auch diese Skizze einem bestimmten Zweck gewidmet ist, nicht an Allem vorübereilen lvollen. Wenn wir nach einer Erfrischungspause im Park wieder die Skulpturenhalle betreten, wollenwir auch das Modell zumB odenstedt- Denkmal in Wiesbaden von Berwald betrachten. (Nr. 1869.) Eine gewisse Affektirtheit giebt sich in manchen der ausgestellten religiösen Bilder kund. Wir flüchten dann gerne zu patriotischen und Stoffen aus Natur und Leben. Auf der Wandseite des Saals 12 fesselt unsern Blick eine große figurenreiche Komposition „Agrippina". Der Kaiser Nero hat seine Mutter Agrippina bekanntlich ins Meer werfen lassen; während er die Vorhalle seines Palastes trunken nach einem Bacchanal betritt, wird ihm die aus dem Meere Gerettete auf der Marmortreppe des Palastes wieder zugetragen. l i IS