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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-05-25 · Heft 21 (25.5.1894) · p. Seite 250

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 21 (25.5.1894)
Date
1894-05-25
Page
Seite 250 (sequence 10)
Language
German
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250 Als er eines Teiges allein mit ihr im Salon war, erzählte er ihr von seiner Absicht, Rachel zum Weihnachtsfest in Nizza zn besuchen. Sie antwortete ihm darauf kurz: „Mein Sohn, das solltest Du zweimal bedenken." — u „Weshalb?" fragte er herausfordernd. „Weil ich es als einen Wink der Vorsehung betrachte, daß Rachel Dich gerade jetzt verlassen mußte. — Du bekommst dadurch Zeit, allein und durch ihre gefährliche Nähe unbeeinflußt, Dein Herz zu prüfen und Dich selbst zu fragen, ob es auch recht und klug ist, Dich für's ganze Leben zu binden an eine-" „An eine?" rief er beinahe drohend. „Weiter, Mutter!" „An eine Frau von fremder Rafle, von welcher Dich Dein Glaube lind Deine Familienverhälinisie trennen." — Er ging heftig auf und nieder, dann blieb er vor seiner Mutter stehen. Sein hübsches Gesicht glühte vor Zorn. „Und das sagst Du jetzt, Mutter, nachdem wir ein halbes Jahr verlobt gewesen sind, nachdem Du Rachel als Schwiegertochter angenommen hast und sie den ganzen Sommer Dein Gast gewesen ist? Schämst Du Dich dessen gar nicht? — Eins will ich Dir aber jetzt sagen: es nutzt Dir gar nicht, diese Verbindung Hintertreiben zu wollen. Rachel wird mein, das habe ich geschworen, magst Du sie Haffen, soviel Du willst." Die Kammerherrin verzog den Mund zu ihrem schiefen Lächeln. „Du phantastrst, Kind! — Ich sollte sie hassen — die arme Rachel — im Gegentheil. — War ich nicht den ganzen Sommer die Freundlichkeit selbst gegen sie?" „Ja, ich danke für solche Art von Freundlichkeit. In den ersten Tagen nanntest Du Rachel „Sie" wie eine Fremde und behandeltest sie und ihre Tante, als hätten sie sich uns aufgedrängt, statt daß Du sie selbst eingeladen hattest. Du hieltest sie Dir stets drei Schritte vom Leibe, und sic stand Dir den letzten Tag ebenso fremd gegenüber wie den ersten, obgleich sie gegen Dich die Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit selbst war. Wenn wir Besuch hatten, schien es Dir ein besonderes Vergnügen zu machen, ivenn einer der Gäste, zum Beispiel die boshafte Komteffe Amalie oder Waldemar, spöttische Pemerkungen über sie oder ihre Tante machten. Fuhrst Du zn der Gräfin Brede, nahinst Du Rachel nie mit — sie wurde auch den ganzen Sommer nicht ausgebeten, weder zu Bredes noch anderswo hin, und das war Deine Schuld. Zu der Baronesse Svale hast Du in verächtlichem Ton über sie gesprochen und gesagt, Du betrachtetest meine Verlobung als ein Unglück für unser Haus. Dagmar hat es mir wieder erzählt — sie kann ja nicht schweigen. O, Mutter, Mutter, ich fürchte, Du hast ein doppeltes Spiel gespielt!" Die Kammerherrin schlug die Augen nieder. Sie sah sich in ihrer eigenen Schlinge gefangen. „Wie mag wohl Rachel im Stillen gelitten haben, obgleich sie, die so stolz ist, nie über Dich klagte. . . Du hast sie tausendmal gekränkt, oft vielleicht, ohne es zu wollen. — Wenn Du etwas gegen Jemand hast, verstehst Du es, durch Dein Lächeln, Deinen Blick,, ja selbst durch Dein Schweigen zu verletzen, ohne daß Du es vielleicht selbst ahnst." Die Kanimerherrin traute kaum ihren eigenen Ohren. Ihr eigener Sohn empörte sich gegen sie. — Die stereotype Röthe verschwand von ihren Wangen und machte einer grauen Blässe Platz, und um den Mund bildete sich eine Falte, tief und scharf, wie mit einem Meffer geschnitten — eine kleine, unheimliche Falte, welche sie alt machte und wie mit einem Zauberschlag alle Kunst zerstörte, durch welche sie ihr wirkliches Alter verbarg. War das ihr Sohn Holger? fragte sie sich unruhig. Er, der sich ihr immer untergeordnet hatte, der die Liebe und Ehrfurcht selbst war, wagte in solchem Tone zu ihr zu sprechen? — Was war geschehen? Was hatte er erfahren? Hatte diese intrigante Jüdin ihn noch vor ihrer Abreise gegen seine Mutter aufgehetzt? „Ich beklage sehr", sagte sie endlich mit einer Stimme, die vor unterdrückter Gemüthsbewegung zitterte, „daß ich auf meine alten Tage mein Wesen und meinen Charakter nicht mehr ändern kann, um einer — einem Fräulein Joachim zu gefallen." Holger ging auf und nieder, auf und nieder. Sie sah, wie es in ihm kämpfte, seine breiten Schultern zitterten n»d er hielt die Hände geballt auf dem Rücken. Mechanisch blieb er vor dem großen Tische stehen, auf welchem in einem blumengeschmüikten Rahmen ein Bild von Rachel stand — er sah es nachdenklich an und wandelte dann weiter in seinem unheilverkündenden Schweigen. Die Mutter folgte ihm mit ängstlichen Blicken. Wie um sich zu einem kühnen Entschluß Muth zu holen, sah Holger noch einmal auf Rachels Bild, welches ihm unter den Blumen zulächelte, als billigte sie, was jetzt in seiner Seele vorging — dann wandte er sich entschlossen um zu seiner Mutter und sagte mit einer Stimme, die fremd und unnatürlich in ihre Ohren klang: „Nein, dies geht wirklich nicht auf die Dauer! Wir müffen uns trennen, Mutter." Die Kammerherrin fuhr zusammen, als hätte sie einen Peitschenschlag ins Gesicht bekommen. Ihre Lippen zitterten, das Weinen >var ihr nahe. Dann aber sammelte sie alle ihre Kraft und stolz, mit dem Anstande einer Fürstin, fragte sie ihn: „Was meinst Du eigentlich, mein Sohn? — Erkläre Dich." „Ich meine," stammelte Holger, dem ihre Ruhe imponirte, „daß Du Rosengaard verlassen mußt, wenn ich Rachel als mein Weib hierher bringe." Die Kammerherrin stöhnte leise und griff unwillkürlich nach einem Stuhl. Ihr Stolz und Selbstvertrauen hatten einen tödtlichen Stoß bekommen. „Du und Rachel würdet den täglichen Verkehr mit einander nicht ertragen — es würde ein unaufhörlicher stiller Krieg zwischen Euch werden — Ihr würdet Euch einander quälen — und ich Aermster, zwischen Dich und sie — meine Mutter und mein Weib gestellt, — würde in Verzweiflung gerathen, wenn ich fortgesetzt Zeuge eines solchen Zweikampfes sein müßte. Ich würde nie einen Augenblick Frieden tm Hause haben. — Deshalb muß ich, so schmerzlich es mir auch ist, zwischen Euch wählen — und ich habe gewählt, Mutter." (Schluß folgt.) Ner Kalon 1894. Von M. Friedeberg. ic wünschen, lieber Freund, für sich und Ihre Familie eine möglichst kurze Orientirung über die.unter den zweitausend Nummern des Katalogs intereffantesten Stücke, soweit sie Juden und Judenthum angehen, — wenn möglich, jetzt gleich nach Eröffnung der Ausstellung, da Sie Besuch aus der Provinz erwarten und demselben das planlose Herumlaufen in dem diesjährigen Salon am Lehrter Bahnhof ersparen wollen. Bitte, folgen Sie mir, nachdem wir durch das dreifach gegliederte schmiedeeiserne Portal, welches in Chicago den Eingang zur deutschen Abtheilung gebildet hat, den Ausstellungspark betreten haben, zunächst in die Skulpturenhalle. Hier, in Saal 1, steht hinter der Balustrade ein bedeutendes Bildwerk von Max Levi (2008 des Katalogs), ein David mit dem Haupte des Goliath. Der Kopf David's, des tapferen Hirten-

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