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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-05-25 · Heft 21 (25.5.1894) · p. Seite 249

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 21 (25.5.1894)
Date
1894-05-25
Page
Seite 249 (sequence 9)
Language
German
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249 r_ miUMlBUMJ ■ mmwmr -:---Jü.- MWWWMMMMInMWWmiMMMIlMMMWWlMinltlWMMWWllMllK!: § NMMlMM uiHnumroiira 1 * ggaiimiimi vtu ZSWmsütfür FEUILLETON | AMMKWM!!MW!!«WWM! <- I- 1 ..- —— —j, Die Jüdin. Erzählung von John Paulsen. (Fortsetzung.) XXII. uch den ungewöhnlich heißen Sommer, der gleichsam die Kraft des ganzen Jahres verschlungen hatte, folgte früh ein ungewöhnlich rauher Herbst. Die Schwestern mußten ihre Reise deshalb früher antreten, als Anfangs beabsichtigt war. An einem unfreundlichen tristen Semptembertage mit Regen und Sturm und mit zertretenen gelben Blättern auf dem schmutzigen, nassen Bürgersteig der Boulevards, reisten Rachel und Judith ab. Judith war in einen dicken Pelz gehüllt, als ginge die Reise nach Sibirien, statt nach Italien. Sie klagte immer über Kälte. Auf dem großen Perron des Bahnhofes hatten sich außer dem Etatsrath und Holger eine Menge Freunde und Bekannte eingefunden, um den Schwestern Lebewohl zu sage». Der einfachere, weniger repräsentable Zweig der Familie Joachim, alle armen Vettern und Cousinen Rachels, welche der Etatsrath absichtlich seinem Salon fern hielt, waren erschienen. Die starke jüdische Familienliebe regte sich in ihnen. Sie vergaßen die Hochmuth des Onkels und die gesellschaftliche Zurücksetzung, welche sie von ihm erfuhren, über der innigen Theilnahme für Judith's Schicksal. Wie krank sie aussah! — Wenn sie ihnen nur nicht dort unten in Italien starb! Fast alle Damen und einige der Herren brachten Sträuße mit. Tante Rebekka war untröstlich. . . . Sie putzte unaufhörlich ihre lange Nase, um ihre Thränen zu verbergen. — Wie sollten die armen Mädchen nur ohne sie fertig werden? Sie hätte mit wüsten! — Es war unverantwortlich, sie allein reisen zu lasten. Sie waren ja Beide im höchsten Grade unpraktisch. Ihre heimliche Hoffnung war, daß Beide bei der Ankunft in Nizza die Unentbehrlichkeit der Tante einsehen und sie bitten würden, zu kommen. . . . Aber schrieben sie auch nicht, — sie reiste doch — das konnte ihr Niemand verbieten. Sie war Gott sei Dank ihr eigener Herr und Geld hatte sie genug. Der Etatsrath sah so vergrämt aus, daß Alle Mitleid mit ihm hatten. Er war in den letzte» Wochen alt geworden. Während die Gesellschaft sich um Judith versammelte, die Abschiedsgrüße, guten Rathschläge und Freundschaftsversicherungen wiederholend, welche oft so peinlich auf den Abreisenden wirken, der im Stillen auf die Signalpfeife wartet, welche dieser sentimentalen Szene ein Ende macht, standen Holger und Rachel allein einige Schritte von der übrigen Gesellschaft entfernt. „Ich kann es nicht fasten, daß ich Dich so lange entbehren soll," flüsterte er, während seine ehrlichen blauen Augen sich mit Thränen füllten. „Schreibe mir oft, Rachel — versprich es mir, mein Liebling — wenigstens einige Male wöchentlich." Sie begegnete scheu seinem liebevollen, ehrlichen Blick. „Ich werde oft an Dich denken," sagte sie sanft und ausweichend. Er sah, daß sie mit Thränen kämpfte. „Faste Muth, Geliebte. — Auch dieserWinter wird vorübergehen, so lang er uns, auch jetzt scheint, und dann kommt der Frühling — unser Frühling! — Dann lasse ich Dich nie wieder, Rachel — dann darfst Du nicht mehr von mir gehen — dann bist Du mein für alle Zeiten — mein theures, geliebtes Weib!" Sie drückte stumm seine Hand und blickte melancholisch zum Himmel empor. Er war grau und so trübe, wie es in ihrem eigenen Herzen aussah. „Weißt Du, was ich mir vorgenommen habe, Rachel? — Ich will Euch zu Weihnachten in Nizza besuchen — dann wirst Du die Hcimath natürlich am meisten vermissen. — Ist meine Idee nicht ausgezeichnet?" Er wurde bitter enttäuscht durch die geringe Freude, tvelche sie zeigte: „Sie fürchtet, daß Mutter mitkommt," dachte er und fügte schnell hinzu: „Natürlich komme ich allein. Daß ist ja lange nicht so umständlich, nicht wahr?" Sie nickte stumm — zog das Taschentuch hervor und trocknete ihre Augen. . . . Sie schien ihm etwas sagen zu wollen — das Wort schwebte ihr auf den Lippen, aber sie hielt es mit Anstrengung zurück. Sie war heute wirklich ganz sonderbar — gar nicht sie selbst, dachte Holger. Wahrscheinlich lag ihr außer dem bitteren Trennungsschmerz auch die Angst um die kranke Schwester auf dem Herzen, — Judiths Brust war angegriffener, als der Arzt zugestand. Die Signalpfeife ertönte zum ersten Mal. Die Schwestern mußten ihre Plätze in dem für sie reservirten Wagen einnehmen. Noch eine letzte rührende Umarmung. Judith, die beide Hände voll Blumen hielt, schluchzte ganz laut... Flüsterte ihr vielleicht eine Ahnung zu, daß sie aus dem Süden nicht wieder zu ihren Lieben zurückkehren, daß diesem Abschied kein Wiedersehen folgen würde? — Rachel und Holger standen Hand in Hand. „Lebewohl, Rachel — liebe, liebe Rachel." — „Lebewohl!" Sie sah ihn an mit einem fremden, angstvollen Ausdruck in den dunklen, räthselhaften Augen, den er noch nie bei ihr gesehen und den er nicht verstand. — Die Hoheit der Entsagung und tödtlicher Schmerz lagen in diesem Blick — und ohne sich um die vielen Menschen auf dem Perron zu kümmern, schlang sie plötzlich beide Arme um sein liebes, blondes Haupt und bedeckte sein Gesicht mit Küssen und Thränen. „Lebewohl, Holger — zürne mir nicht — Dank für Alles!" — Es klang, als müßte» sie sich für's ganze Leben trennen. Der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Ihr zürnen — der Theuren! — Holger lief wie betäubt dem Zuge einige Schritte nach und klammerte sich an das offene Wagenfenster, um noch einen Blick und ein Wort der Geliebten zu bekommen. . . „Auf Wiedersehen, Rachel, auf Wiedersehen!" Aber kein „Auf Wiedersehen" kam über ihre blassen Lippen. Stumm winkte sie ihm mit dem Taschentnche ein letztes Lebewohl zu. XXIII. Rosengaard erschien Holger nach Rachels Abreise öde und verlassen. Er hatte eine solche Sehnsucht »ach ihr, daß er nirgends Ruhe fand. — Es wurde ihm jetzt erst völlig klar, tute tiefe Wurzeln die Liebe zu ihr in ihm geschlagen hatte. Er fing an. launenhaft zu werden. — Der Verwalter wunderte sich oft und mit Recht über die Befehle und Gegenbefehle, welche der Hofjägermeister in diesen Tagen gab, und selbst die Kammer- Herrin, welche mit wenig Sympathie seine Klagen über Rachels Abreise anhörte, hatte unter seiner schlechten Laune zu leiden. Manchmal ärgerte sie ihn auch dadurch, daß sie Bemerkungen über Rachel machte, die zwar nicht tadelnd waren, aber doch von wenig Liebe für die künftige Schwiegertochter sprachen. i jf i'i

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