Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-05-25 · Heft 21 (25.5.1894) · p. Seite 245

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 21 (25.5.1894)
Date
1894-05-25
Page
Seite 245 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228062--50837-3273667
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

245 Bkorbilität" (1882), entsprechen die Sterblichkeitsverhältnisse der Juden im Allgemeinen denen ans dem Lande, wo die Ernte des Schnitters Tod, Dank der staubfreien, an Sauerstoff und Ozon reicheren Luft, beinahe um ein Drittel weniger beträgt als in den Städten. Am auffallendsten zeigt sich der Unterschied zwischen beiden Konfessionen bei Betrachtung der Kindersterblichkeit. Nach Wolfs (Untersuchungen über Kindersterblichkeit, 1874) erreichten in Erfurt von eintausend ehelich geboren Kindern bei der christlichen Bevölkerung 591, bei der jüdischen 802 das vierzehnte Lebensjahr. Unter den Christen waren also 409, unter den Juden 198 Kinder oder kaum die Hälfte gestorben. In Magdeburg starben nach Bergmann (Die Sterblichkeitsverhältnisse der Stadt Magdeburg, 1858) innerhalb der Jahre 1827—1856 unter einhundert Knaben unter einem Jahre bei den Juden 14, bei den Christen 24. Bei den Mädchen war das Verhältniß wie 13 und 21. In Breslau traten nach einer Berechnung von Westergaard nur 81 Todesfälle bei Kindern unter einen« Jahre in der jüdischen Gemeinde unter Umständen ein, wo man eine Zahl von 138 solchen Todesfällen hätte erwarten sollen. Fircks weist auf Grund der Mittheilungen des kgl. preußischen statistischen Büreaus aus den Jahren 1875—1883 nach, daß während dieser Zeit in Preußen von je eintausend ehelich geborenen Kindern bei den Christen 223—229, bei den Juden nur 172 vor Ablauf des ersten Lebensjahres starben. Dagegen ist die Sterblichkeit der unehelichen Kinder bei den Juden größer als bei den Christen. Aehnliche Untersuchungen sind in anderen Theilen Deutschlands mit deinselben Erfolge angestellt worden. Die Ursache dieser auffallenden Erscheinung, für welche noch viele statistische Nachweise beigebracht werden könnten, kann nicht, wie dies vielfach geschieht, in dem verhältnißmäßig größeren Wohlstände gesucht werden; giebt es doch einzelne Gegenden oder Länder, in welchen die armen Juden sprichwörtlich geworden sind, ohne darum ihr makrobiotisches Uebergewicht einzllbüßen. Die längere Lebensdauer der Juden findet vielmehr ihre Begründung in der von ihnen im Allgemeinen überaus sorgfältig wie ein Schatz gehüteten Heiligkeit des Familienlebens und der in dieser wurzelnden größeren Mäßigkeit, Enthaltsamkeit, Ansdauer, Nüchternheit und Sparsamkeit. Diese Tugenden, welche wesentlich dazu beigetragen haben, in den traurigen Zeiten des finstern Mittelalters die mit der ausgesuchtesten Raffinirtheit gequälten und gepeinigten Juden vor den« Untergange zu bewahren, sind auch jetzt noch nicht von dihnen gewichen und bringen es mit sich, daß sie noch heute eine größere Widerstandsfähigkeit besitzen. Die blonden Germanen z. B. sind sehr empfindlich gegen klimatische Schädlichkeiten und gedeihen nur innerhalb ven hältnißinäßig enger Grenzen. Schon in Süditalien bringen die Deutschen cs unvermischt nicht über die dritte Generation hinaus, woraus sich die Thatsache erklärt, daß die germanischen Völkermaffen aus den Zeiten der großen Wanderungen dort spurlos verschwunden sind, während die semitische Einwanderung, obgleich viel älter, noch deutlich nachweisbar ist. Der Jude gedeiht und vermehrt sich in allen Zonen, und zwar unter Lebensbedingungen, welche manchem anderen Volksstainin, der für Luft, Nahrung u. s. w. ein weitergehendes Bedürfniß hat, nicht genügen. Aus der Bibel ersehen wir, wie den Juden von den Männern, «velche ihre intellektuelle und moralische Leitung in Händen hatten, der Theisinus, der lebendige Gottesglaube, eindringlich in das Herz gepflanzt wurde. Derselbe hat die überwältigendsten und erhebendsten Wirkungen hervorgebracht. Es ist ganz erstaunlich, wie das kleine Volk in seinen großen Nöthen, welche kaum einer Steigerung fähig sind, kauin von der grausamsten Phantasie übertroffen werden können, iinmer neue Hoffnung und neuen Trost in seinem Gotte fand. Es überwand die schweren Drangsale, denen es stets ausgesetzt war, in Folge seiner Religion, welche, wie Gibbon treffend bemerkt hat, wunderbar geeignet ist zur Abwehr, aber niemals zur Eroberung bestimmt ist. Verfolgt und verachtet, hielt es unentivegt an der Religion seiner Väter fest «tnb zeichnete sich durch eine entschiedene Lebensfreudigkeit aus, welche die Entwickelung einer krankhaften Selbstmordneignng ansschloß. Nur ausnahmsweise kamen bei den Juden in Zeiten harter Verfolgung Selbstmorde vor. In ihre» heiligen Büchern, lvelche eine Geschichte von mehreren Jahrtausenden umfaffen, finden sich höchstens zehn Fülle. Die Bekenner des Judenthums haben sich den praktischen Optimismus, welchen es in sich birgt, bis zum heutigen Tage bewahrt, und aus diesem Umstände in« Verein mit den ihre längere Lebensdauer bestimmenden Faktoren erklärt es sich, daß die Neigung zum Selbstmorde bei ihnen i» viel geringerein Maße vorhanden ist als bei den Christen. Das Verhältniß ist wohl in den verschiedenen Ländern verschieden und bleibt niemals unveränderlich; im mittleren Durchschnitt entfallen iudeß für Europa nach der von Legoyt (3ur le suicide dans les divers et als de l’Europe, 1874) angestellten Berechnung auf je eine Million Menschen 102,7 protestantische, 62,3 katholische und 48,4 jüdische Selbstmörder. In Oesterreich koinmen auf eine Million Einwohner 123 protestantische, 100 katholische, 99 griechische und 30 jüdische Selbstmörder. Dagegen liefern die Juden eine vier- bis sechsmal größere Anzahl Geisteskranker als ihre andersgläubigen Mitbürger. Servi (611 Israeli di Europa, 1872) fand im Jahre 1869 in Italien unter 391 Juden einen Wahnsinnigen; das ist fast die vierfache Höhe des Kontingents, welches die Katholiken den Irrenhäusern zuführen. Berga (Arehivio di Statistica, 1880) zählte sogar im Jahre 1879 in Italien einen Irren unter 1775 Katholiken. 1725 Protestanten und 384 Juden. Nach Mayr (Die Gesetzmäßigkeit iin Gesellschastsleben, 1873) kamen im Jahre 1871 in Preußen auf zehntausend Eimvohner 8,7 christliche und 14,1 jüdische Geisteskranke, in Bayern 9,8 christliche und 25,2 jüdische, in ganz Deutschland endlich 8,6 christliche und 16,1 jüdische. Diese seltsam erscheinende Thatsache hat ihren Grund in der außerordentlichen Regsamkeit der Inden, ihrer bewnnderungslvürdigen Hingabe an das Ziel, «velches sie sich gesteckt, ihrer unermüdlichen Verfolgung desselben, ihrem aufregenden Hasten und Jagen nach ihm, ihrein ruhelosen und rastlosen Ringen und Schaffen und der damit Hand in Hand gehenden geistigen Ueberanstrengnng. Es ist eine alte und erprobte Erfahrung, daß allzu scharf schartig «nacht. Wie das zu fest angezogene Seil reißt, der zu straff angespannte Bogen springt, so bemächtigt sich Siiniesverrvirrung des Geistes, «velcher mit seinen Kräften nicht haushälterisch umzugehen versteht, ihnen nicht die nöthige Erholung vergönnt. Es ist gewiß den Antisemiten, «velche die schönen und beherzigensiverthen Worte der Sophokleischen Antigone: „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da," in ihr gerades Gegentheil verkehren, entgangen, wie bitter sich an den Jude«« ihr Uebereiser rächt. Würden jene häßlichen Auswüchse am Organismus der menschlichen Gesellschaft, «velche den Juden ihre materiellen und geistigen Erfolge so Übel nehmen, «vissen, wie theuer dieselben von ihnen erkauft werden, wie die Quelle ihres Ruhmes auch die ihres Unglücks ist, so «vürde ihr blinder, zügelloser Haß, «velcher jedem menschlichen Empfinden Thjir und Thor versperrt, vielleicht doch eine Milderung erfahren.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.