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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-05-25 · Heft 21 (25.5.1894) · p. Seite 243

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 21 (25.5.1894)
Date
1894-05-25
Page
Seite 243 (sequence 3)
Language
German
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243 Die aus einer ganz anderen Kultnrwelt herübergekommenen Arbeiter und Handwerker sehen und fühlen sich bald aller Forderungen an elementarer Bildung bar, die die nothwendigste Voraussetzung gewerblicher und handwerklicher Bethätigung ist. Die Mängel im Verstehen »nd Sprechen der Landessprache, wie die meist vollständige Unkenntniß des Lesens, Schreibens und Rechnens, ja, oft sogar die Zahlzeichen bereiten den Armen unmöglich zu bewältigende Hindernisse in ihrem Fortkommen. Sie würden ohne geistiges Rüstzeug in dem Konkurrenzkämpfe gänzlich zu Boden gestreckt werden und, unfähig zum Wettbewerb, zum gewöhnlichen Proletariat herabsinken. Keine noch so reichliche Unterstützungen könnten die Scharte wett machen. Die Amicitia setzt darum auch beim richtigen Hebel ein, wenn sie den Armen zunächst das Brod des Geistes reicht. Einführung in die Bildungswelt, Erschließung der inneren Sinne und die Zuführung von Wissensstoff ist die Haupttendenz des Vereins. Es ist bei dem Menschenmaterial, mit dem man es hier zu thun hat, begreiflich, daß man meist ganz von vorn anfangen muß. Das weltliche Wissen dieser Leute, die manchmal etwas Talmud kennen, ist oft von einer paradiesischen Unbefangenheit. Es ist für Lehrer und Schüler keine geringe Aufgabe, die hier gestellt wird. Das alte Pergament mit seiner steifen Härte erweist sich der schreibenden Feder oft schwer gangbar, mühsam, und mit Ausdauer kann nur die Schrift der Bildung einigermaßen leserlich gestaltet werden. Von dem Schüler erfordert der Unterricht große Anstrengung und geistige Sammlung. In den Abendstunden, nach des Tages Last und Mühe, da man dem ermüdeten Körper gern die nöthige Ruhe gönnt, die uns so sanft in den nächtlichen Schlummer senkt, muß der geplagte Amicitia-Schüler zu neuer Arbeit bereit sein, er muß sein geistiges Feld bestellen. Aber er weiß es, der Weg zur Höhe ist beschwerlich, und kaum giebt es einen Menschen mit einem so stark ausgeprägten Bildungsstreben wie den polnischen und russischen Juden. Die Geschichte der Amicitia weiß von noch älteren Schülern zu erzählen. Vor noch nicht langer Zeit zierte deren Schulzimmer das Silberhaar eines 70jährigen, der nach dem talmudischen Motto: „Es ist nie zu spät zu lernen", es noch in diesem Greisenalter nicht verschmähte, sich der hehren A-b-c-Wiffenschaft zu widmen. Auch die praktische Seite der unverwüstlichen Arbeit, die Fähigmachung für den Lebenskampf wird nie aus dem Auge gelaffen, wiewohl gerade für diesen Menschenschlag das Lernen um des Vergnügens oder das Lernen um des Lernens willen einen besonderen Reiz hat. Den eigenthümlichen Anforderungen, die hier gestellt werden, können die sonstigen Bildungsanstalten für Erwachsene keineswegs entsprechen. Unsere Fortbildungsschulen weichen in Bezug auf Ziel sehr von dem ab, was hier erstrebt wird, wie auf die Methode, die augewendet werden muß. Die Voraussetzungen für die Fortbildungsschulen sind beträchtliche. denn die Absolvirung einer sechsklassigen Volksschule wird verlangt, während die Amicitiazöglinge meist erst in die Grundelemente des Wiffens eingeführt werden müssen. Sprache, Sitte und Formensinn niuß zu gleicher Zeit in Behandlung genommen werden. Es gilt nicht blos zu pflanzen, sondern noch mehr, Unkraut auszujäten, Beulen und Unebenheiten des inneren Menschen abzutragen, die hervorstehenden Ecken zu glätten und schleifen, Manieren, die als undeutsch auffallen könnten, zu beseitigen und so dem polnischen Juden, da er sich doch nun in Deutschland aufhält und von seiner Hände Fleiß ernährt, das Gepräge westlicher Kultur nach Möglichkeit aufzudrücken. Die Amicitia steht solchergestalt auch im Dienste deutsch-nationaler Jntereffen, indem sie den hier ansässigen Ausländern die Fähigkeit, mit dem nationalen Strom mitzuschwimmen, verleiht. Manches Samenkorn, das die Amicitia ausgestreut, ist herrlich aufgegangen. Eine Anzahl von Männern, die jetzt als Aerzte, Rabbiner u. s. w. segensreich wirken, haben sich die ersten Sporen in diesem Institut geholt. Andere ehemalige Zöglinge haben es verstanden, sich in der kaufmännischen Welt zu ziemlicher Höhe und zu Achtung und Ansehen emporzuschwingen. Das sind Leistungen, auf welche die mit so bescheidenen Mitteln arbeitende Amicitia mit großem Stolze zurückblicken kann, zumal da sie sich keineswegs damit begnügt, ihren Pfleglingen blos die geistige Nahrung zu spenden, sondern auch nach dem Maße ihrer Kräfte nachdrücklich bestrebt ist, sie leiblich zu erbauen und ihnen während der Lehrzeit und bei eventueller Selbstständigmachung hilfreich unter die Arme zu greifen. In unserer von sozialen Kämpfen erfüllten Zeit mag es auch nicht überflüssig sein, auf die gesellschaftliche Annäherung hinzuweisen, die durch Veranstaltung von Purim- und anderen Festabenden bewirkt wird, an denen die Herren vom Vorstande, die durchweg in den angesehensten Kreisen zu suchen sind, theilnehmen. Das benimmt den Handwerkern das Gefühl der Bitterkeit und der herablaffende» Begönnerung, das in diesen Leuten sonst als tiefsitzender Stachel zurückbleibt. Der Unterricht wurde früher von den Gründern, gebildeten Kaufleuten, selber ertheilt. Gegenwärtig liegt die Leitung desselben in der Hand des Direktors Dr. Adler, der mit der an ihm bekannten Wärme und Hilfsfreudigkeit sein thätiges Interesse dem Vereine unausgesetzt zuwendet. Wie überall, wo es die Förderung gemeinnütziger Unternehmungen gilt, ist auch hier der Maler I. Bodenstein mit seiner stets offenen Hand unter den ersten Wohlthätern des Vereins zu finden. Der Verein ruht aber nur auf einigen wenigen Stützen, seine Einnahmen stehen zu der Größe seiner Ausgaben in einem schlechten Verhältniß. Die bescheidene, stille Art seines Wirkens hat seinen Namen selten in die Oeffentlichkeit dringen lassen; so nur erklärt es sich daß er die allgemeinere Aufmerksamkeit bisher nicht auf sich gelenkt hat. Die Tendenz, die er verfolgt, ist eine so anerkennenswerthe, so mit dem modernen Leben übereinstimmende, daß seine Bestrebungen mehr Würdigung und Unterstützung verdienen. So wie die Verhältnisse jetzt liegen, ist es nur der finanzpolitischen Geschicklichkeit seines ersten Vorsitzenden, des Herrn Rabbiners Dr. Ungerleider, zn danken, wenn das Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben nicht zu Ungunsten der erstereu eine bedenkliche Störung erleidet. Die Amicitia ist im Jahre 1870 zur geistigen und materiellen Hebung besonders ausländischer Juden von menschenfreundlichen Männern ins Leben gerufen worden und sieht somit bald auf eine 25 jährige Wirksamkeit zurück. Ihr Wirkungskreis ist langsam aber stetig gestiegen, die Zahl der Zöglinge ist gewachsen und damit auch der Umfang und die Intensität ihrer Pflichten. Dabei wird die materielle Last, die der Verein zu tragen hat, durch keinerlei Fonds erleichtert, sondern ruht lediglich auf den Schultern einiger hochherziger Männer und Frauen. Die sehr gesteigerten Anforderungen werden indessen die Amicitia veranlaffen müffen, neue Freunde und Gönner außer den alten zu suchen. Zu all den sonstigen Vereinigungen, die der uneigennützigen Nächstenliebe gewidmet sind, bildet die Amicitia eine nothwendige und werthvolle Ergänzung. Ihre Leistungen sind um so höher anzuschlagen, als sie nicht durch Darreichung von Gaben, der äugen-

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