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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-05-25 · Heft 21 (25.5.1894) · p. Seite 242

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 21 (25.5.1894)
Date
1894-05-25
Page
Seite 242 (sequence 2)
Language
German
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242 Me Woche. Berlin, 22. Mai. ine neue Abart des Antisemitismus ist in dieser Woche zum ersten Mal aufgetaucht: „Deutsch-liberale (freisinnige) Antisemiten". Dieselben richten ihre Spitze gegen das „Talmudchristenthum der protestantischen Orthodoxie", die sie „undeutsch und unchristlich" nennen. In ihrem Aufruf heißt es: „Die Abwendung weiter Volkskreise von dem Glauben und den Lehren der Kirche und die damit Hand in Hand gehende Entsittlichung des öffentlichen Lebens haben ihren Ausgangspunkt darin, daß eine beschränkte christliche Geistlichkeit unter der Führung von Talmudjuden, die sich unter der heuchlerischen Maske der Taufe in die christlichen Kirchengemeinschaften eindrängten, das volksfeindliche Pharisäerthum wieder aufgerichtet hat, das einst Jesus mit Einsetzung seines Lebens bekämpft hatte." Wir glauben zwar kaum, daß der Antisemitismus, nachdem er in Berlin so ziemlich Fiasko gemacht hat. durch die Agitation auf kirchlichem Gebiete neue Lebenskraft gewinnen wird. Aber die Orthodoxie, die ihn so sorgsam gepflegt hat, wird doch den Eindruck haben, daß sie eine Schlange an ihrem Busen nährte. Selbstverständlich handelt es sich bei dieser neuen Partei nicht um wirklich liberale Interessen; noch geht diese Agitation von freisinniger Seite ans. * Von den berüchtigten „Dresdener Bilderbogen" ist wieder einer erschienen, der dreizehnte, betitelt: „Das Blutg eheimniß". Derselbe steht an Niedrigkeit der Darstellungsmittel und Falschheit des Textes den Vorgängern nicht nach. In einem düstern Zimmer sitzt ein junger Jude (Schüler) vor einem alten, anscheinend einem Rabbiner. Dieser scheint dem jüngeren Unterricht zu ertheilen und reicht ihm mit der Rechten eine volle Flasche (Inhalt anscheinend Blut) mit dem Vermerk „Xanten" und mit der Linken ein riesiges Schächtmefferl Am Boden liegt ein Kind mit durchschnittenem Halse, daneben ein Becken zum Auffangen des Blutes, ferner eine „Depotlade der Fürsten" mit Geschmeide gefüüt, ein Koffer betitelt „Sozialdemokratischer Fond". Der Talmud und der Schnlchan-Aruch liegen in einen« Bücherregal, eine Lessing-Statue schmückt den Raum und eine Wand trägt eine „Antisemitenliste" mit den Namen Ahlwardt, Böckel, Bismarck (!), Förster, Zimmermann, Paasch u«id Stöcker. Auf einem Tische stehen gefüllte Arzneiflaschen mit dem Verinerk Berlin, Frankfurt, Hamburg, Breslau, Dresden und Köln. Wir bitten alle unsere Leser nachdrücklich, auch nicht aus Neu? gier sich dieses Machwerk anzuschaffen. Selbst der kleinste Pfennig, den sie für antisemitische Machwerke ausgeben, stärkt finanziell die Stellung der Gegner. Leider kaufen Juden ähnliche Werke allzu oft! Der Text besteht aus zwei Theilen. Der eine enthält eine Liste von Blutbeschuldigungen vom Jahre 1071 bis 1883 und wimmelt von Unrichtigkeiten und kritiklosen Behauptlingen. Der zweite enthält eine Art „Philosophie" des Blutrituals. Angesichts dieses Artikels ist es schwer, den Ernst zu bewahren. Und doch ist die Sache tieftraurig. Aller Schutt der Jahrhunderte mit ihrem ganzen Aberglauben ist hier zusamniengehäuft, «nystischer Unsinn fehlt nicht („die Sterne sind die Blutstropfen Gottes"), scheinbare Wissenschaftlichkeit ergiebt haarsträubende Folgerungen („das jüdische Blut fliegt >vie Wüstensand"), und als Schlußfeuerwerk wird ein ganzer Absatz aus einem Bewer'schen Werke zitirt. Das Alles ist aber natürlich keine Aufreizung oder Verhetzung. * In der letzten Woche fand vor einem Ausnahmsgericht in Prag die Schlußverhandlung gegen jene Personen statt, welche im Dezember * Vor. Jahres in Rakonitz mehrere Bombenattentate verübt hatten. Im Verlaufe der Verhandlung stellte es sich heraus, daß die „Brüder der Finsterniß", wie sich die Bombenmänner von Rakonitz nannten, vorwiegend durch excessiv tschechisch-nationale und antisemitische Beweggründe ins Verbrechen getrieben wurden. Mit Bezug darauf sagte auch der Klagevertreter, Staatsanwalt-Substitut Vysin, in seinem Plaidoyer: „Das Motiv der Unthaten liege in gewissen, heut leider weit verbreiteten Schlagworten, welche jedes ethischen oder Humanitären Hintergrundes entbehren und lediglich auf eine schlecht geleitete Erziehung oder Irreführung zurückzuführen seien. Diese Schlagworte heißen Anarchismus und Antisemitismus. Hierzu komme noch eine ganz verkehrte Auffassung des Begriffes der Nationalität. Von diesen Schlagworten seien auch die auf der Anklagebank Sitzenden beherrscht gewesen; darauf weisen die unterschiedlichen Drohbriefe hin, die alle in die Aufforderung ausklangen: „Fort mit den Juden, fort mit den Deutschen!" Die Angeklagten wurden zu Kerkerstrafen in der Dauer von drei Jahren, respektive 18 Monaten verurtheilt. Me „Untiatia“. Bon Bernhard Traubenberg. ftt dem großen vielfarbigen und duftigen Strauße des Berliner Vereinslebens befindet sich an bescheidener Stelle, halb versteckt, eine kleine zarte Blume, die dem Ganzen aber nicht fehlen darf, ohne einen störenden Mangel empfinden zu lassen: die Amicitia. Diese unscheinbare Blüthe, die der reichshauptstädtische Vereinsboden getrieben, ist noch kaum heiinisch geworden, wie sie überhaupt mehr die Fremden und aus weiter Ferne Hergekommenei« erfreut und erquickt. Kaum wie in einem anderen philantropischen Werke offenbart sich hier die befreiende Macht des Judenthums, die in Schöpfungen der Bruderliebe keine trennenden Schranken kennt; in Aeußerungen der Nächsteiihilfe sind die gewaltigen Naturgrenzen, sind Berge und Meere wie weggewischt, und die nationale Eitelkeit, die sonst den Völkerverkehr so sehr erschwert, tritt bescheiden in den Hintergrund. In die Weltstadt mit ihrer kerndeutschen Bevölkerung münden auch kleine dünne Bächlein nichtdentscher Elemente. Wer sieht sich nach ihnen uni. wer kümmert sich um ihr Wohl und Wehe, wer würdigt sie eines Blickes? Das Judenthum hat schon vor Jahrtausenden diese Gleichgiltigkeit gegen die Roth Fremder überwunden und sucht in seinem bescheidenen Kreise auch hier geistiger und leiblicher Noth nach Kräften zu steuern. Das Objekt, auf das sich die segensreiche Thätigkeit der Amicitia konzentrirt, sind die a«is Osten eingewanderten Glaubensgenoffen. Nicht etwa, als ob die anderen nichtöstlichen Juden von der Wirksamkeit des Vereins ausgeschloffen wären, nein, Jeder, der in den eigenthümlichen Rahmen seiner Thätigkeit hineinpaßt, darf Anspruch auf seine Hilfsbereitschaft niachen. Aber die Verhältniffe liegen so, daß der bei Weitem überwiegende Theil der kleinen jüdischen Fremdenkolonie aus östlichen Zuwanderem besteht. Die Amicitia ist kein Wohlthätigkeits-Jnstitut im gewöhnlichen Sinne, sie ist kein Armenunterstützungs-Verein, der die Lelite mit Brod und Nachtlager versorgt, sie übt ihre Wohlthaten in weit wirksamerer Weise, sie faßt die Noth selber an der Wurzel und sucht sie dort schon zu beseitigen. Was den Leuten, meist Handwerkern, fehlt, ist: ein den deutschen Handwerken« ähnliches Maß von Wiffen und Kenntnisse». ÜÜN

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