Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1894)
- Date
- 1894-05-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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58. Jahrgang. Nr. 21. Berlin. 25. Mai 1894. Allgemeine Allgemeine Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Nabbiner Dr Ludwig Philippson-Konn. Verlags-GrpeLition: iöerlin, LerusalemerKr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition und an die Adresse Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums". Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Nudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements - Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Leitartikel: Verwabrlofte Kinder. — Die Woche. — Die -Amicitia". Von Bernhard Traubenberg. — Professor Köhler über vie jüdische Rechtswissenschalt. Von Tr. Saul R. Landau. — Lebensdauer. SelbÜmordsreauenz und Gesundheit bei Juden und Christen. Von Dr. Bernhard Münz. — Zur Charakteristik David Friedländer's. Von Pros. Dr. Ludwig G erg er. lSchluß.! — Aus Spanien. Von Landrabbiner Dr. Levi. — Feuilleton: De Jüdin. Erzählung von John Pautsen. (Forts.) — Der Salon 1891. VonM. Friedeberg. — Litterarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Breslau, Aus Oberschlesien. Groß-Strelitz. Hamburg, Cleve. Münster i. W., Frankfurt a. M.. Aus Baden. München, Fürth. Wien. — Bon Nah und Fern. — Miseellcn. — Bei der Redaktion etngegangcne Bücher. — Briefkasten. Verwahrloste Kinder. Berlin, 22. Mai. n einem jüdischen Blatte stand vor einigen Tagen ein Artikel über „Verwahrloste Kinder", der folgendermaßen anfing: „In einem kleinen Nachbarorte, so schreibt uns ein Freund aus Süddeutschland, wohnt seil einigen Jahren ein armer jüdischer Haustier, der mit seiner Frau jahraus, jahrein auf Märkten umherzieht, und in Folge dessen stch um die Erziehung seiner Kinder wenig oder gar nicht bekümmert. Es kann daher kein Wunder nehmen, daß ein ILjähriger Sohn dieses Ehepaares derart verwahrlost und verlottert ist, daß die Eltern selbst bei dem Magistrat beantragt haben, die Aufnahme ihres Sohnes in die Zwangerziehungsanstalt der Provinz zu bewirken. Die Regierung, an welche sich der Magistrat, das Gesuch befürwortend, wandte, entschied unter Hinweis auf den streng evangelischen Charakter dieser Anstalt, daß zunächst die Eltern des Knaben zu vernehmen seien, ob sie gewillt.oder einverstanden stnd, ihr Kind in der christlichen Religion erziehen zu lassen. Die Eltern gaben zu Protokoll, daß sie gegen obige Bedingung nichts einzuwenden haben, und da die Behörde mit Rücksicht auf des Knaben Charakter eine Familienerziehung nicht für angebracht erklärt hat, eine jüdische Anstalt dieser Art aber nicht existirt, so wird die traurige Thatsache kaum abzuwehren sein, daß diese Kindesseele dem Judcnthum dauernd verloren geht." Der angeführte Fall steht wohl nicht vereinzelt da, und nur zu oft haben wir ein ähnliches Vorkommniß zu beklagen. In demselben Artikel wird für die Gründung einer israelitischen Zwangs- resp. Befferungsanstalt plaidirt. So freudig wir auch jedes Werk der Wohlthätigkeit und namentlich jedes gemeinnützige Unternehmen begrüßen — worunter wir auch das angeregte zählen — so halten wir es doch kür besser, wenn in die Erziehung des Kindes eingegriffen wird, bevor es der Verwahrlosung anheimfällt. Nur in den allerseltensten Fällen wird es gelingen, ein moralisch verdorbenes, für eine Befferungsanstalt bereits reifes Kind wieder auf die rechte Bahn zurückzuführen, wenn es auch während seines Aufenthaltes in einem Zwangsinstitut sich der dort herrschenden strengen Zucht nuterordnen muß. Wie die Erfahrung lehrt, ist es ungemein schwer, vollständig verarmte, schon an den Bettelstab gebrachte Personen wieder erwerbsfähig zu machen; in Folge dessen hat man in den meisten größeren jüdische» Gemeinden Vorkehrungen getroffen, durch zinsfreie Darlehen oder in ähnlicher Weise unbescholtenen Personen rechtzeitig zu helfen. Bekanntlich ist es nach weit schwieriger, Personen, welche moralisch Schiffbruch gelitten haben, wieder zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft zu machen, als diejenigen, welche finanziell ruinirt sind. Da mangelhaft beaufsichtigte Kinder wohl kaum vor dem schulpflichtigen Alter moralisch verdorben werden, so sollte man M Fällen, wo eine arge Verwahrlosung zu befürchten ist, die Kinder frühzeitig in eine dazu geeignete Erziehungsanstalt unterzubringen suchen. Hierzu ist vor allen anderen die neue von Herrn Konsul Simon gegründete Erziehungsanstalt zu Ahlemzu empfehlen, über welche bereits verschiedentlich in unserem Blatte mit voller Anerkennung berichtet ist. Unter den 35 Zöglingen der Anstalt sind mehrere solche Kinder, tvelche zu Hause durch mangelnde Aufsicht der Gefahr der Verwahrlosung ausgesetzt waren, welche aber, nachdem sie dort einige Zeit die mit Liebe und Strenge gepaarte Erziehung genossen haben, zu den besten der Anstalt zählen. Mit großer Genugthuung habe» wir erfahren, daß eine Anzahl der angesehensten Glaubensgenossen Berlins, den verschiedenen religiösen Richtungen angehörend, zu einem Komitee zusammengetreten stnd, um die Anstalt in Ahlem nach allen Richtungen hin zu fördern und das Interesse für dieses Institut in den weitesten Kreisen wach zu rufen. Um dieses neue Unternehmen zu einem vollendeten zu gestalten, bas nicht nur den Juden, sondern der gelammten Menschheit zum Segen gereicht, bedarf es vorerst noch großer Geldopfer, und diese Opfer dürfen jetzt nicht gescheut werden. Dagegen hat diese Anstalt den großen Vorzug, daß sie »ach einigen Jahren durch die Erzeugnisse ihrer Kultur im Stande sein wird, den größten Theil ihrer Unkosten selbst zu decken und so vielen bedürftigen Kindern eine gesittete Erziehung zu Theil werden zu lassen ohne nennenswerthe Kosten für die betreffenden Gemeinden. Durch eine kräftige Unterstützung der Anstalt wird deshalb nicht nur für die Gegenwart, sondern noch mehr für die Zukunft Segensreiches gestiftet. Wir glauben, daß durch die gedeihliche Entwickelung dieser Anstalt alle ans die Verbreitung des Ackerbaues unter den Juden hinzielenden Bestrebungen eine sehr wichtige und werthvolle Förderung erfahren würden, und schon aus diesem Grunde, der ja gerade jetzt sehr bedeutungsschwer ist, hoffen wir zuversichtlich, daß die Schule zu Ahlem die thatkräftige Unterstützung in ganz Deutschland finden wird, deren sie bedarf und die sie verdient.