Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1894)
- Date
- 1894-05-18
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Synagoge und den sogenannten Judengarten in die Luft zu sprengen. —. Die entsetzliche Mordthat in Groß-Skaiitz ist noch in frischer Erinnerung Am 3. Januar d. I. Abends wurden der jüdische Handelsmann Limon Löwy, dessen Gattin und dessen zwei Töchter Clara und Rosa ermordet, die dritte Tochter Helene schwer verletzt. Die Mörder waren die Brüder Joseph und Franz Divecky. Auch hier hat her Judenhaß, der seit geraumer Zeit in der Landbevölkerung Böhmens künstlich geschürt wird, mitgewirkt. Man weiß, daß die antisemitische l est geistig und moralisch verkümmerte Individuen am leichtesten ergreift. In Rakonitz war es der schwachsinnige Natali, in Groß-Skalitz waren es die übel beleumdeten Brüder Divecky, welche den Einwirkungen der mündlich und schriftlich betriebenen Judenhetze erlagen und so auf den Weg des Verbrechens geführt wurden. Bekanntlich hat sich der Abgeordnete Schneider im offenen Landtage seiner vorjährigen Agitationsreise nach Böhmen gerühmt. Seit jener Zeit zirkuliren unter der böhmischen Landbevölkerung zahlreiche Deckert'sche Hetzschriften, welche das Blutmärchen verbreiten und zu Frevelthaten gegen die Juden aufreizen. — Der Gemeindeausschuß von Baden bei Wien hat über Antrag des Gemeindeausschußmilgliedes Direktor Winkler bei namentlicher Abstimmung mit 18 gegen 7 Stimmen folgende Kundmachung beschlossen: „Der Gemeindeausschuß von Baden spricht seine Mißbilligung darüber aus, daß in einer auf dem Boden dieser Stadt abgehaltenen öffentlichen Wählerversammlung von Seite eines Redners gegen die jüdischen Bewohner und Kurgäste eine Beschimpfung unfläthigster Art erfolgt ist 'und verwahrt sich gegen verhetzende Reden fremder Elemente." Bravo! E. B. Budapest, 10. Mai. Von den kirchenpolitischen Vorlagen, welche seit Jahr und Tag die öffentliche Meinung Ungarns stürmisch erregten und einen erbitterten Kampf feindlicher Meinungen erregten, ist die Ehegesetzvorlage auf Basis der obligatorischen Civil - ehe die erste, deren Schicksal entschieden wurde. Das Abgeordnetenhaus, in welchem man die eigentliche, die erwählte Vertretung des ganzen Volkes zu erblicken pflegt, hat vor Kurzem sein Votum abgegeben, und es ist mit einer Majorität von 175 Stimmen zu Gunsten des heißumstrittenen Gesetzes ausgefallen; das Oberhaus sprach heute sein entscheidendes Wort: es v er w arf die Vorlage mit 139 gegen 118 Stimmen. Bemerkenswerth ist es, daß selbe nur durch Faktoren, die außerhalb der Verfassung stehen, und eine Wiener Invasion zum Falle gebracht werden konnte. Dieses ablehnende Votum ist keineswegs die Lösung dieser viel zu lange schon brennenden Frage, es zerrt den langwierigen parlamentarischen Prozeß nur noch weiter hinaus. — Die Rechtskommission des Abgeordnetenhauses hat gestern die zwei letzten kirchenpolitischen Vorlagen erledigt. Der Gesetzentwurf über die Religion der Kinder wurde mit kleinen Aenderungen, der über die Rezeption der jüdischen Religion unverändert angenommen. — Die ungarische Akademie der Wissenschaften wählte den außerordentlichen Professor Dr. L Fayer zu ihrem Mitglieds und beauftragte Prof. Dr. Ignatz Goldzieher, die Akademie beim Genfer Orientalisten-Kongreß zu vertreten. — Dr. Julius Donath habilitirte sich als Privatdozent an der medizinischen Fakultät der hiesigen Universität. —- Der engere litterarffche Ausschuß des vor Kurzem begründeten ungarischen jüdischen Litteratur-Bereines hat den Beschluß gefaßt, ein jüdisches Jahrbuch herauszugeben. — In den Spalten des „Egyenlöseg" wurde mit Rücksicht, daß das jüdische Schulwesen in mehreren Theilen des Landes stark im Argen liegt, die beherzigenswerthe Idee der Gründung eines jüdischen Schulvereins angeregt. Es wäre wünschenswerth, wenn diese Idee zur Ausführung käme. — Die hauptstädtische Grundverkaufskommisston befürwortete in ihrer letzen Sitzung das Gesuch der Pester israelitischen Religionsgemeinde um unentgeltliche Ueberlassung eines größeren Grundstückes zur Erweiterung des jüdischen Spitals und zur Errichtung des Adele Brody'schen Kinderspitales. Bl. Budapest, 10. Mai. Die juristische Fakultät der Budapester Universität rwminirte an erster Stelle für den erledigten Lehrstuhl eines ordentlichen Professors des römischen Rechtes den Advokaten und außerordentlichen Professor Tr. Gustav Schwarz, der sich wohl nur mit dieser Ehrung zufrieden geben muß. da bisher noch kein Jude an der Budapester Universität die ordentliche Professur erlangt hat. A. N. Baja (Süd-Ungarn), 6. Mai. Der praktische rzt, Herr Dr. med. Heinrich Lemberger, der vermöge seiner linguistischen Kenntnisse hochgeschätzt ist, dem sel. Kardinal-Erzbischof Dr. Haynald bekundet war und das Judenthum im Kongreß in liberal-erhaltendem Sinne vertreten hatte, feierte in Baja unter Theilnahme seiner Familie, der Notabilitäten, Körperschaften, Vereine und Lehranstalten der Stadt und Religions-Gemeinde sein 50 jähriges Doktor-Jubiläum. Der Jubilar hatte vor einem halben Jahrhundert an der Wiener Universität die Doktorwürde erreicht Seine ärztlichen Kollegen veranstalteten ein glänzendes Festmahl, an welchem die Geistesfrische des Jubelgreises die Verehrer desselben erfreute, welcher in ärztlicher und intellektueller Hinsicht sich um die Gemeinde in Baja sehr verdient gemacht hatte. Rußland. ▲ Petersburg, 6. Mai. Das russische Osterfest war in Jekaterinoslaw durch ein Ereigniß getrübt, das sich in Rußland von Zeit zu Zeit wiederholen wird, so lange die Judenfrage ungelöst bleibt und solcherweise sich im Volk die Ansicht befestigen kann, Ausschreitungen gegen die jüdischen Mitbürger harmonirten mit der Stellung der Regierung zur Judenfrage, die in neuerer Zeit doch eine etwas günstigere Wendung zu nehmen scheint Nach einem Bericht des „Ruff. Shin" bereitete sich am Osterfest in Jekaterinoslaw eine Judenhetze vor, die bei weniger umsichtigem Vorgehen der Behörden zu höchst traurigen Ergebnissen geführt hätte. Am Ostermontag durchschwirrten dunkle Gerüchte von einer bevorstehenden Judenhetze die 47,000 Einwohner zählende Dnjeprstadt. Die Menge auf dem Ostroshniplatz, wo Balagane (Volksbelustigungen) errichtet waren, war sehr erregt; man hatte das Gefühl, daß ein Signal genüge, um Ausschreitungen herbeizuführen. Gegen 4 Uhr Nachmittags vernahm man in der durch den Schnaps noch mehr erregten Volksmenge laute Drohungen gegen die Juden und dieAufforderung, die „Henker Christi, die das russische Volk aussaugen", zu schlagen. Die Wirkung war vorläufig nur gering; Gassenjungen warfen sich mit Gebrüll auf die dort sitzenden jüdischen Fruchthändlerinnen und stürzten ihre Körbe um. Hierauf erfolgten Angriffe auf einzelne Händler, deren Fuhrwerke zertrümmert wurden. Die Polizisten verhielten sich ziemlich passiv und wichen der Menge aus. Erst beim Anbruch der Abenddämmerung trieben berittene Polizeisoldaten das Volk vom Platz, das sich nun gruppenweise durch die Stadt zerstreute. Die Folge dieser verfehlten Maßnahme war die Demolirung einer jüdischen Schänke auf der Polewajastraße und einiger Buden in anderen Straßen. Die erregte Menge war offenbar zu jeder Ausschreitung bereit; auf einer Straße ließen die Tumultuanten aus einem geraubten Petroleumfaß dessen Inhalt auf die Straße fließen und zündeten ihn an. Selbstverständlich blieben die Fensterscheiben von Juden bewohnter Häuser nicht ganz. Als zur Verstärkung der Polizei Militär requirirt wurde, drang der Pöbel auf dieses ein. Einem Revieraufseher wurde der Kopf durch einen gegen ihn geschleuderten Stein gespalten. Die Verhaftung von etwa hundert Tumultuanten ernüchterte die Uebrigen ein wenig, doch war die Erregung trotzdem sehr groß, und die sich zerstreuende Menge drohte für den folgenden Tag mit Unruhen in größerem Umfange. Für den Dienstag erwarteten die Tumultuanten einen Zuzug von tausend Arbeitern von der benachbarten Brjanskischen Fabrik. Daraus geht hervor, daß die Judenhetze kein Werk des Zufalls, sondern vorbereitet war und wahrscheinlich am Dienstag stattfinden sollte. Nur die durch den Branntwein erhöhte Festtagsstimmung führte am Ostermontag eine Vorhetze herbei. Von der angekündigten Ankunft der Fabrikarbeiter in Kenntniß gesetzt, ließen die Behörden die Fabrik mit Soldaten umstellen, die die strenge Weisung hatten, keinen Arbeiter in die Stadt zu lassen. Die Volksbelustigungen wurden sistirt, die Passanten auf dem Platz am Stehenbleiben verhindert. Dank diesen Maßnahmen verlief der dritte Ostertag ohne Störung. An demselben Tage erhielten viele der verhafteten Tumultuanten ein empfindliches Denkzeichen mit Ruthen und wurden sodann freigelassen. E. Wilna, 11. Mai. Die Blutbeschuldigung hatauch vor den diesjährigen jüdischen Ostern in Rußland ihr Unwesen zu treiben versucht. In dem lithauischen Städtchen Smargon (Gouv. Wilna) erschien am 27. März (alt. Stils) eine Bäuerin aus einem benachbarten Dorfe mit einem 11jährigen Jungen. Sie ließ den Knaben in einer jüdischen Herberge zurück und entfernte sich, um einige Einkäufe zu besorgen. Als sie bei ihrer Rückkunft den Jungen in der Herberge nicht vorfand, und der Besitzer ihr keine Auskunft über den Verbleib desselben zu geben vermochte, stürzte sie sich heulend auf die Straße und schrie in einem