Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1894)
- Date
- 1894-05-18
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 Beträgen erhält der Verein auch durch Synagogenspenden namhafte Zuwendungen, durch welche es demselben ermöglicht ist, den sich gestellten Aufgaben in bedeutenderem Umfange gerecht zu werden und häufig Noth und Elend zu lindern. K. Hannover, im Mai. Ein Fall, der den maßgebenden Kreisen die Augen öffnen dürfte über die Gefahr, welche der Antisemitismus für Zucht und Disziplin in sich birgt, ereignete sich nach dem „Göttinger Tageblatt" vor einigen Tagen in der dortigR Garnison. Ein Landwehrmann verweigerte am letzten Tage seiner Uebung einem jüdischen Unteroffizier, der ihm eine Anordnung gab, den Gehorsam mit der Begründung, er lasse sich von einem Juden keine Befehle geben. Natürlich wurde er wegen dieser Insubordination sofort in Haft geführt, und er sieht seiner Aburtheilung entgegen. Das Vergehen der Gehorsamsverweigerung wird nach § 94 des Mil.-Str.-Gesetzbuches mit Dunkelarrest nicht unter 14 Tagen oder Gefängniß bis zu 3 Jahren und, falls es vor versammelter Mannschaft erfolgt, mit Gefängniß bis zu 5 Jahren bedroht. Wohin soll es führen, wenn unter der straffen, militärischen Disziplin solche Fälle Vorkommen? — Die hiesigen Antisemiten suchen Abwechslung, sie kennen die Reden der Herren Liebermann von Sonnenberg und Leuß zur Genüge und lassen sich jetzt das alte Lied in neuer Tonart Vorsingen. Sie hatten sich zu Mittwoch, den 9, den Herrn Pastor Jskraut aus Bielefeld (Westfalen) verschrieben, der in anderthalbstündiger Rede vor 500 bis 600 Personen über „Antisemitismus und Sozialdemokratie" sprach. Die Sozialdemokratie wurde selbstverständlich als „verjudet" verurtheilt, nicht besser erging es dem ganzen Liberalismus, den er als „elend", „ganz und gar verkommen" u. s w. bezeichnete, und an Allem seien nur die Juden schuld. Der geistliche Herr bekannte sich als aufrichtiger Verehrer des Herrn Stöcker und erblickte in dem von diesem Geistlichen' verfolgten kirchlichen Ziele dgs Heil der Menschheit. In würdiger, sachgemäßer Weise trat ihm der freisinnige Schriftsteller Weigt entgegen, wies auf die gefahrdrohenden Bestrebungen der Hierarchie und des reaktionären Programms der Antisemiten hin und behauptete, gewiß unter Zustimmung aller ehrlichen Juden, daß die schlechten Elemente der Juden von Niemandem schärfer beurtheilt würden, als von den gutgesinnten eigenen Glaubensgenossen. Pastor Jskraut suchte die Ausführungen Weigts zu widerlegen, dadurch einen oft stürmischen Widerspruch der Versammlung herausfordernd. Als nun ein anderer Herr, Kaufmann Schöler, gegen den Herrn Pastor auftrat, erhob sich ein so furchtbarer Skandal, daß er mitten im Satze afc brechen mußte und ihm das Wort entzogen wurde. Eine hiesige Zeitung meint von dieser Versammlung, daß die Antisemiten sich gewiß nicht einen einzigen neuen Anhänger erworben, wohl aber bei manchem ihrer Freunde sehr ernstes Kopfschütteln erzielt haben. X Frankfurt a. M., 8. Mai. Heute wurde der am 6. Mar im Alter von 75 Jahren gestorbene emeritirte Reallehrer Herr Adolf Tebläe zur letzten Ruhe getragen. Seine großen Verdienste um die „Achawa" finb allgemein bekannt. Der Leichenzug erst gab Zeugniß von seiner großen Beliebtheit. Bor dem Leichenwagen gingen die Schüler des Philantropin; dem Sarge folgten viele Hunderte von ehemaligen Schülern, Kollegen, Mitglieder hiesiger und auswärtiger Freimaurerlogen sowie eine große Anzahl von Wagen. An der Bahre sprach zunächst Herr Rabbiner Dr. Plaut, indem er ein Lebensbild des Verstorbenen, des trefflichen Menschen und Lehrers, des liebevollen Gatten und treuen Verwandten, entwarf. Für das Philantropin (die Realschuße der israelitischen .Gemeinde) sprach Herr Direktor Dr. Bärwald, der das vierzigjährige Wirken des bewährten Erziehers und väterlichen Freundes der Zöglinge schilderte. Von den vielen wohlthätigen Stiftungen, denen Teblöe eine aufopfernde Wirksamkeit widmete, betheiligte sich eine große Anzahl durch Abschiedsworte. So sprach Herr Rechtsanwalt Plotke für das Mädchenstift, Herr Lehrer Marx aus Alsheim für die „Achawa", Herr Max Rothbarth für den Krankenunterstützungsverein, Herr Dr. Neukirch für die Trier'sche Stiftung. M. E. Frankfurt a. M., 9. Mai. Am Mittwoch den 2. ds. fand die ordentliche, außerordentlich zahlreich besuchte — nämlich vom Vorstand und sage und schreibe einem Mitglied — Hauptversammlung des Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur im Hotel Emmereich statt- Aus dem Bericht des Vorsitzenden, Herrn Dr. H. Heinemann, ist folgendes zu entnehmen. Im Laufe des Winters fanden acht öffentliche Vortrügd und eine größere Anzahl von Mitgliederversammlungen statt. Es sprachen die Herren Dr. Kotteck-Homburg v. d. H. über die Geschichte der Juden in der Landgrafschaft Hessen-Homburg, Dr. Munk-Marburg über jüdisches Eherecht, S. Rothschild-Worms über Berthold Auerbach, Frau Nahida Remy-Berlin über die Makkabäer, Ritter v. Sacher-Masoch: Rezitation eigener Dichtungen, Dr. Eschelbacher-Bruchsal über das Ende des jüdischen Staates, Dr. Heinemann hier über Heine in seinem Berhältniß zum Judenthum, Professor Dr. Sulzbach über Kulturhistorisches in der nachbiblischen jüdischen Litteratur, und in einer Mitgliederversammlung Dr. Lewin über Simon b. Jochai. Die öffentlichen Borträge waren stets so stark besucht, daß der Saal der Loge zum Adler immer überfüllt war. — Der Verein hat im abgelaufenen Berichtsjahr seinen Mitgliederbestand von 148 auf 157 erhöht, seinen Kassenbestand dagegen um ca. 250 Mark verringert. Zur Verfügung der Bereinsmitglieder steht eine Bibliothek, wie sie wohl keiner der übrigen Litteraturvereine hat. Denn außer der eigenen, ziemlich beträchtlichen, gehören dazu die im Besitze der Israelitischen Religionsschule, befindlichen Bibliotheken der verstorbenen Gelehrten Raphael Kirchheim, Salomon und Lazarus Geiger. Der Vorstand wurde einstimmig wiedergewählt; für ein ausgeschiedenes Mitglied wurde Herr Julius Landsberg gewählt. — München, 11. Mai. Wie man uns mittheilt, hat die Verwaltung der israelitischen Gemeinde hinsichtlich der einleitenden Schritte zur Wiederbesetzung der erledigten Rabbiner stelle den Beschluß gefaßt, von einer öffentlichen Ausschreibung vorerst abzusehen und sich nach dem von Ihrem Blatte so oft empfohlenen Modus auf anderweitigem Wege die Kenntniß beachtenswerther Persönlichkeiten zu beschaffen. Man ist hierbei von der Erwägung ausgegangen, daß nach allgemeiner Erfahrung die Eröffnung einer unbeschränkten Konkurrenz von problematischem Werthe ist, hat aber andererseits auch nicht das Gewicht der Gründe verkannt, welche gegen die Unterlassung jedes öffentlichen Appells an etwaige hervorragende Reflektanten sprechen. Diese Mittheilung, auf die wir noch ausführlich zurückkommen, wird sicher Persönlichkeiten, welche sich für befähigt erachten, den hohen Anforderungen Genüge zu leisten, welche eine Gemeinde von der Bedeutung und dem Ansehen der Münchener an ihren Rabbiner stellen kann, veranlassen, die Aufmerksamkeit der maßgebenden Stelle auf sich zu lenken. Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 14. Mai. Die „Wiener Sonn- und Montags-Zeitung" veröffentlicht eine ganze Gerie von Briefen, theils von dem wackeren Pfarrer Dr. Deckert selbst, theils an ihn gerichtet, aus denen ersichtlich ist, wie gut sich dieser fromme Priester auch auf Geschäfte versteht, ja, daß er sogar ein ganz geriebener Geschäftsmann ist, der sich vielleicht besser in „Prozentsatz" auskennt, als mancher Jude oder Christ, der vom Wucher lebt. Unter den Briefen befindet sich auch der eines Polizeirathes a. D., der folgendermaßen schließt: „Nach meiner in dieser Angelegenheit gewonnenen Ueberzeugung scheint Herr Deckert keine Spur eines Rechts- oder Gerechtigkeitsgefühles, sondern nur den krassesten Egoismus zu besitzen, und es bleibt wohl nichts Anderes übrig, als die civilrechtliche Klage gegen denselben anzustrengen, oder gar die Strafanzeige zu erstatten." — In Böhmen spielen sich gegenwärtig zwei Judenmordprozesse ab. Bor dem Ausnahmsgerichte in Prag sind mehrere Fanatiker der versuchten Ermordung jüdischer Bewohner von Rakonitz angeklagt, und vor dem Schwurgerichte in Königgrätz wird über zwei berüchtigte Burschen abgeurtheilt, welche in Groß-Skalitz eine ganze Judenfamilie ermordet haben. Die Rakonitzer Dynamit- Attentate werfen ein merkwürdiges Licht auf die geheimen Quellen der sogenannten anarchistischen Bewegung. Der Führer der dortigen „Brüder der Finsterniß", wie sich die Dynamithelden nannten, war der Trafikantenssohn Adolf Natali, der als ein schwachsinniger Mensch geschildert wird. Sein Schwachsinn hinderte ihn jedoch nicht, an der antisemitischen Hetze eifrigen Antheil zu nehmen und in Rakonitz antisemitische Schriften der aufreizendsten Art zu verbreiten. Er und seine Komplizen stahlen zunächst dem jüdischen Kaufmann Ferdinand Kohn ein beträchtliches Quantum Dynamit, mit welchem sie im Hause des jüdischen Advokaten Dr. Karl Wolf und des jüdischen Kaufmanns Leopold Popper Attentate versuchten. Nach diesen glücklicherweise unschädlichen Attentaten wurden in Rakonitz rothe Zettel mit den Worten: „Fort mit den Juden! Fort mit den Deutschen!" gefunden. Die Dynamitarden beabsichtigten, wie die gerichtliche Untersuchung feststellte, auch die