Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1894)
- Date
- 1894-05-18
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 4 - fort: „Die Juden haben mir meinen Sohn geraubt, um ihn zu Osttzrn zu schlachten." Binnen wenigen Minuten hatte sich eine Menge Bauern auf der Straße zusammengerottet und nahm eine immer drohendere Haltung an. Den wenigen am Orte stationirten Gendarmen gelang es nur mit größter Mühe, den Pöbel vor Ausschreitungen zurückzuhalten, und um die Gemüther zu beruhigen, begannen sie die jüdischen Häuser, eins nach dem andern, zu durchsuchen. Da gerieth ein Bauer auf den gescheiten Einfall, den Vermißten am nahegelegenen Bahnhofe zu suchen, da er sich sicherlich dorthin begeben haben müsse, um sich die neuerbaute Eisenbahn, von welcher im Dorfe so viel Wunderbares erzählt wird, anzusehen. Und richtig fand man den Knaben auch hinter dem Bahnhofe in der Betrachtung einer Lokomotive versunken Als er ins Städtchen zurückgebracht wurde, beruhigte sich die Menge und zerstreute sich allmählich. — In Symferopol verschwand einem dortigen Juden, Namens Menakarow, sein dreijähriges Söhnchen. Er machte den Unglücksfall durch die Zeitung „Krim" bekannt, und nach drei Tagen wurde ihm der Knabe von einer Christin, welche denselben in den Straßen umherirrend aufgefunden hatte, wieder zugestellt. Mittlerweile erhielt der Mann aber von einer barmherzigen Schwester (?), der Wittwe eines Oberst, einen Brief folgenden Inhalts: „In der Zeitung „Krim", vom 4. März, habe ich von dem schrecklichen Unglück gelesen, von welchem Sie betroffen wurden, und erachte es, als Schwester in Christo, für meine Pflicht, Ihnen Folgendes mitzutheilen: Im Jahre 1862 verweilte ich auf einer Reise nach St. Petersburg einige Zeit in Saratow und wohnte in der Riewer Straße bei einem Herrn Wolchow. Gouverneur war damals Thimotheus Kosewnikow, Vize-Gouverneur Weiß, Polizeimeister Landischew. Zwei Tage nach meiner Ankunft wurde ein dreijähriger christlicher Knabe vermißt; bald darauf noch ein zweiter. Der Jammer der unglücklichen Eltern war unbeschreiblich; doch blieben alle Anstrengungen, die Mörder zu entdecken, umsonst. Nach einigen Tagen aber fand der Diener des Gouverneurs auf der Jagd im Walde unter einem Baum die Leiche eines der Knaben, welche an den Stellen der Pulsadern 7 Stichwunden aufwies. Bald darauf fand ein Wasserführer am Ufer der Wolga die Leiche des zweiten Knaben mit ähnlichen Verletzungen. Da war es für Jedermann klar, daß die Juden die Kinder getödtet haben. Eine Menge Juden wurden ins Gefängniß geworfen, aber sie wollten ihre Schuld nicht eingestehen. Es stellte sich jedoch heraus, und getaufte jüdische Soldaten bestätigten es, daß die Juden ihrem Osterfeste die Schwellen ihrer Häuser mit Blut bestreichen müssen. Herr Wolchow bewies uns das aus dem jüdischen alten Testament. Eine Spezialkommisston wurde von St. Petersburg nach Saratow gesandt, und der gelang es, die Urheber des schauderhaften Mordes zu entdecken. Es stellte sich heraus, daß die Juden 80,000 Rubel ausgegeben hatten, um das Blut an sämmtliche Gemeinden zu versenden. Die Frauen, welche die Kinder getödtet und dafür 200 Rubel erhalten hatten, wurden nach Sibirien verschickt; ebenso der Pristav, welcher sich mit 1000 Rubeln hatte bestechen lassen, während der Gouverneur abgesetzt wurde. Siebzig Juden und ein Christ, Namens Kirpitschnikow, welch' Letzterer die Kinder verlockt hatte, wurden ebenfalls nach Sibirien verschickt. Die Juden behaupteten einmüthig: so lange noch einer von uns auf Erden wandelt, soll das mosaische Gebot erfüllt werden. — Zögern Sie daher nicht, die dunkle Angelegenheit aufzuhellen, und gedenken Sie, daß keine Zeit vergeudet werden darf mit unnützen Nachforschungen, da Ihre Ostern bald herannahen. Möge der Heiland Sie in Ihrem schweren Unglück trösten! Meine Adresse ist: Sebastopyl, Postlagernd, barmherzige Schwester, Fr. Oberst X." Diese Geschichte ist natürlich vollständig aus der Lust gegriffen. Hoffentlich gelingt ps der Sebastopoler Polizei bald, die mysteriöse barmherzige Schwester zu ermitteln. Sie dürfte sich wahrscheinlich als irgend ein antisemitischer Preßheld entpuppen, der versuchen wollte, den vermeintlich christlichen Vater des verlorenen Kindes zur Jnscenirung einer Judenhetze zu verleiten. Von Nah und Fern. Zum Handelsrichter bei dem Landgericht I in Berlin wurde ernannt der Kaufmann George Joachimsthal; zum stellvertretenden Handelsrichter daselbst: Fabrikbesitzer Heinrich Buchholz. — Gegen den Reichstagsabgeordneten Ahlwardt ist von der Staatsanwaltschaft am Landgericht I eine neue Anklage wegen Beleidigung des Finanzministers Miquel erhoben worden. Die Beleidigung soll Herr Ahlwardt in einer Rede begangen haben, die er vor längerer Zeit in einer Berliner Volksversammlung hielt und in-der er sein „Aktenmaterial" behandelte. - Der „Bundschuh" des Herrn Ahlwardt schreibt: „Wie wir aus bester Quelle erfahren, ist der durch seine in Kamerun begangenen Exzesse so übel berüchtigte Kanzler Leist von jüdischer Abstammung. Dadurch wird für uns so manches bis zur Evidenz klar gelegt, was wir früher nur ganz unbegreiflich finden konnten." Die ganze Nachricht ist selbstverständlich unwahr! — Wegen des Abdruckes des „Vaterunser in der Judennoth" des antisemitischen Wiener Pfarrers Deckert, welches auch die Sozialdemokraten angreift, aus dem Stöckerschen „Volk" wurde das Untersuchungsverfahren gegen den Redakteur der sozialistischen „Volkswacht" in Breslau eingeleitet, welche dasselbe abdruckte, um die semitischen Hetzereien festzunageln. — Der Regierungsrath v. Bitter in Oppeln veröffentlicht die folgende Mittheilung: „Dem Primaner Curt Fränkel in Neustadt O.-S., welcher am 30. Dezember vorigen Jahres den auf dem Niedermühlteiche mit dem Eise eingebrochenen Webersohn Franz Göbel daselbst vom Tode des Ertrinkens gerettet hat, wird in Anerkennung der hierbei bewiesenen Geistesgegenwart und Hilfsbereitschaft hiermit eine öffentliche Belobigung ertheilt. Oppeln, 30. April 1894. Der Regierungs-Präsident." — Der antisemitische Parteitag, welcher seitens der Deutschsozialen für Sachsen, Thüringen und Anhalt abgehalten worden ist, hat die „Tägliche Rundschau" in Berlin zum Publikationsorgan, gemacht, auf deren Titel noch immer die Bezeichnung „unparteiische Zeitung" prangt. — Ein jüdischer Richter in Sicht. Unter dieser Spitzmarke schreibt die „D. Wacht" in Dresden: „Beider Königl. Staatsanwaltschaft hier ist seit Kurzem der jüdische Assessor Dr. Töplitz, Bruder des Affozies vom Geh. Hofrath Rechtsanwalt Ackermann, welch' Letzterer der Schwiegervater des Hofraths Dr Mehnert ist, beschäftigt." Die Befürchtung der antisemitischen Hetzer ist wohl unbegründet. Der Richterstand im Königreich Sachsen wird nach wie vor „judenrein" bleiben. — Am 10. April starb in Frankfurt am Main Frau Pauline Riesser, die Wittwe Raphael Riessers, der ihr vor acht Jahren, ein Jahr nach der Feier der goldenen Hochzeit, in den Tod vorangegangen war. — Der Aufwand für die allgemeinen Bedürfnisse der israelitischen Religionsgemeinschaft in Baden (für die israelitische Centralkasse) wird für die Folge nicht mehr auf die Gemeinden nach Maßgabe ihrer Gesammtsteuerkapitalien ausgeschlagen, sondern erfolgt — unter Entlastung der Gemeinden — durch Umlegung auf die einzelnen Kirchengenossen. Die israelitische Centralkasse hatte im Jahre 1893 eine Einnahme von 27,155.39 M, davon wurden unter Anderem verwendet: für das israelitische Landesstift 1200 M., für Personalzulagen an israelitische Religionslehrer 2180 M., für Unterstützungen an dürftige israelitische Gemeinden zur Bestreitung ihres Aufwands für den Religionsunterricht 2200 M. — Dem Bericht über die israelitische Gewerbeschule des Ober-Elsaß in Mülhausen für 1893 entnehmen wir: In diesem Geschäftsjahr beliefen sich die Einnahmen auf M. 18,134.28, die Ausgaben auf M. 15,938.04. Da dieses Jahr 12,564 Verpflegungstage für 40 Schüler enthielt, so kamen die Kosten eines einzelnen Schülers auf M. 1,27 per Tag. — Der Privat-Dozent Dr. Prizbram in Wien wurde zum außerordentlichen Professor ernannt. — Der Finanzminister hat den Finanz-Oberkommissär Dr. Fried in Olmütz zum Finanzrath ernannt. Es ist dies die erste Beförderung eines Juden in die siebente Rangsklasse bei der Finanzbehörde. — Wie die „Polit. Korresp." mittheilt, hat Baron Nathaniel Rothschild die Absicht kundgegeben, eine Stiftung für im Dienste invalide gewordene Oberoffiziere zu errichten, und hat bereits einen beträchtlichen Geldfonds zur Verfügung gestellt. Baron Rothschild beabsichtigt, den Offizieren seine Besitzung Hinterleithen bei Reichenau als Heimstätte zu widmen. — Herr Israel Gollancz in London, Sohn des langjährigen Vorbeters an der alten Hamburger- Synagoge, ist zum Examinator für englische Sprache, Litteratur und Geschichte an der Londoner Universität ernannt worden. Es ist dies eine besondere Auszeichnung für einen so jungen Gelehrten. Professor Hales, sein Vorgänger an der Universität, nennt die Stellung die „hervorragendste für den jungen Gelehrten der Gegenwart". Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.