Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1894)
- Date
- 1894-05-18
- Page
- Seite 240 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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w tf<3/r&<$!>'?<pjw^wwaffr,^ ¥»w.^^ 240 selbst ein, aber dennoch wurde es ihm schwer, zu entsagen. — TM arme Judith. Die kleine magere Hand, welche sie ihm zum Willkommen reichte, brannte wie die einer Fieberkranken. Er schob seine Reise nach Rosengaard auf — benachrichtigte seine Mutter schriftlich von dem Stand der Dinge — und blieb mehrere Wochen in Kopenhagen. Er ging jeden Tag zu Joachims, aber bekam Rachel leider nicht immer zu Gesicht. Sie war vollständig durch die Pflege ihrer Schwester in Anspruch genommen, die in ihrem Zimmer auf dem Sopha lag und Niemand sehen wollte. Das waren traurige Tage für Holger. (Forts, folgt.) Litterarische MittheUungen. — Nicolas Notovitch: La vie inconnue de Jesus-Christ. Cartes et Illustrations. Paris 1894. Ollendorf. Ein neues Evangelium beansprucht dieses Buch zu sein und die Geschichte des Propheten Jssa, des Gründers des Christenthums, nach buddhistischen Legenden zu geben. Indessen für diesen Anspruch finden sich in dem Buche wenige Gründe; die Erzählung, daß dem Verfasser, als er in einem buddhistischen Kloster krank lag, eine Urkunde vorgelesen wurde, die dieses neue Evangelium enthält, und er in der Lage war, sie in seinem Notizbuch mit zu stenographiren, macht denn doch einen gar zu unglaublichen Eindruck. Und das Mißtrauen, das die abenteuerliche Einleitung weckt, wird bestätigt du«ch die sachliche Prüfung. Der bekannte Orientalist Prof. Nöldeke aus Straß bürg' weist in, der „Nation" an einer großen Reihe von Beispielen die bewußte Fälschung nach. So. soll Jssa im Tempel von Dschaggernaut den Buddhismus gelernt haben, aber dieser Tempel existirte damals, zur Zeit Jesu, sicher noch nicht, so soll Manu, der fabelhafte, uralte, indische Gesetzgeber, die Polyandrie eingeführt haben, ja sogar zum Gesetz erhoben, und diese dann durch buddhistische Priester weiter verbreitet worden sein, so soll Krichna um das Jahr 1580 a. Chr. das Vedanta redigirt und Jssa dies gelernt haben, während das Vedanta erst dem 7. oder 8. Jahrhundert p. CH. angehört, u. dgl. m. Das Buch ist sehr wahrscheinlich eine einfache Fälschung- und gerade die. jüdischen Leser möchten wir davor warnen, denn offenbar hat man auf sie besonders gerechnet. Der Herausgeber hat nämlich einen Passus, wonach Christus von den Juden freigesprochen, aber von Pilatus hingerichtet worden sei, ebenfalls in seine abenteuerliche Erzählung genommen; doch wollen wir hoffen, daß hier einmal die Rechnung ohne den Wirth gemacht wurde. Die königliche Bibliothek zu Berlin hat jüngst eine Handschrift eigener Art, die für die Geschichte der Heilkunde, die Kulturgeschichte und die französische Sprache von Bedeutung ist, erworben. Es handelt sich um eine altfranzösische Kompilation über die Fieber in hebräischer Schrift Die stark beschädigte Handschrift enthält, wie Professor Steinschneider in Virchows „Archiv" mittheilt, mehr, als 300 Pergamentblätter in kleinem Format. Die Schrift ist eine kleinere rabbinische, sehr deutlich, ohne Ausnahme mit Vokalen versehen, und im ganzen korrekt. Vermuthlich liegt ein Autopraph vor. Nach einer vorläufigen Musterung Steinschneiders ist der Inhalt der Handschrift sehr vielseitig. Es werden darin die Fieber aller Art, die Eiterkrankheiten, Faulfieber, Pest, Masern, Nötheln und viele andere abgehandelt, Unter den Quellen, aus denen der Verfasser der Kompilation schöpfte, sind Dioskorides, Galen, Johannes Damascenus, Avicenna. Der Verfasser des Kompendiums war, wie Steinschneider aus Einzelheiten im Inhalte schließt, ein jüdischer Arzt. Von besonderer Bedeutung ist die Altersbestimmung der Handschrift. Nach Steinschneider entstand sie spätestens im Jahre 1306 Bei ihrem Alter stellt die Handschrift ein wichtiges sprachliches Dokument dar. Sprechfaul. /gestatten Sie, geehrter Herr Redakteur, auch mir ein Wort zu den „Arbaah banim", die in der Peßach-Betrachtung des Herrn Rabbiner Dr. Pick eine theilweise neue sinnige Deutung gefunden. Es gehört wohl keine große Chochmah dazu, um zu erkennen, daß die ganze Sentenz nichts weiter als ein zwar sinnreiches, aber doch frei erfundenes Produkt homiletischer Redekunst der Rabbinen ist, die es, nach Analogie von Spr. Salom. (6, 17 ff., 30, 15 31) oder Amos (1, 3 — 2, 8) u. A. lieben, sowohl halachische (z. B. Bab. Kam. 1.1. Jebam 1,1) als auch moralisch-religiöse wie empirische Wahrheiten in Zahlenform (mit Anwendung von 3, 4, 5, 7, 10 auch 15) zu geben, und spielt die 4 (neben 7 und 10) darin eine besonders hervorragende Rolle (Rosch Hasch. 1, 1 Aboth. 5, 12 -18*). Denn ihre Anlehnung an das Thorawort hinkt offenbar von allen Seiten, da 1. der Chacham einerseits nicht von Peßach, sondern von dem ganzen Religionsgesetz spricht, und andererseits dem Rascha gleich „euch" (nur im Aceusativ statt des Dativs) sagt, über welche Verlegenheit der Nestor neujüdischer Kanzelberedtsamkeit, Dr. Salomon in Hamburg, in einer (unten noch weiter zu besprechenden) vortrefflichen Predigt über dies Thema kraft eigener Machtvollkommenheit — ich möchte fast sagen: mit einem eoup d’etat durch einfache Umwandlung von „euch" in „uns" sich hinweghilft. Freilich klingt seine Fragestellung ernster und eingehender als die seines (sog.) Widerparts, und spricht er von „dem Ewigen, unserem Gotte", aber eben mit diesem hätte doch „uns" jedenfalls besser harmonirt als „euch", es scheint mir sowohl die dafür von Herrn Dr. Pick gegebene Erklärung, als auch die Anderer, daß BFlK die redende Person mit einschließe, während 22^ fie ausschließe, ziemlich gezwungen; da 2. selbst wenn wir Letzteres gelten lassen wollten, die Thora den vermeintlichen Rascha nicht so geringschätzig wie die Haggadah mit dem das ja in der dem „Unmündigen (Unschuldigen)" gegebenen Belehrung enthalten, abfindet, sondern ihn eingehend erwiedern läßt: es ist ein Peßachopfer rc., und 3. etwas Aehnliches auch in Bezug auf den (eine Ehrenbezeichnung für Jakob und Hiob, verwandt mit gilt, der nicht kurzweg mit b’chosek jad rc. abgefertigt, sondern dem noch weiter ausführlich: wajhi ki hikschah rc erwiedert wird. — Doch setzen wir auch alle diese Bedenken bei Seite und gestehen dem Homiletiker gleichwie dem Poeten seine Freiheit zu, so er nur etwas Schönes und Gutes zu Tage fördert, nehmen also die hagadische Auffassung als vollberechtigt an, so dünkt mich die Exegese des Dr. Salomon mit dieser mehr in Einklang zu stehen, als die von Herrn Dr. Pick, da Jener den Rascha (gottlosen Selbstling) für den gefährlichsten erklärt, weil er den Heilswahrheiten der Religion völlig negirend gegenübersteht, die beiden letzten {'d und 'i 'yy) aber nach ihrer Weise behandelt und ihrer Fassungskraft gemäß belehrt wissen will, während dieser, nachdem er sie als indifferente Berussmenschen resp. Ignoranten charakterisirt, dieselben erbarmungslos verdammt und den Gottvergessenen vor ihnen den Vorzug giebt. Allein de gustibus non est disputandum. * Berlin, 26. April. Dr. M. Stern. * Geehrter Herr Redakteur! /^^bschon es sonst nicht meine Gepflogenheit ist, gelegentlich hervortretende irrthümliche Auffassungen von Schriftstellen oder Aussprüchen der jüdischen Weisen zu berichtigen, gestatte ich mir doch im Hinblick auf die Bemerkung des Herrn Finkelstein (Polzin) in Nr. 15, daß unsere alten Weisen auch die Schriftworte in Esther 4, 14 in agadischem Sinne auf die Gottheit bezogen haben, ausdrücklich zu betonen, daß sich für diese Annahme oder Behauptung, meines Wissens, nicht Der mindeste Stützpunkt in den Midraschim oder agadischen Stellen des Talmud vorfindet. Jbn Esra berichtet in den einleitenden Worten seines Kommentars zu Megillat Esther, daß Viele den Gottesnamen in den Schriftworten finden wollen; Q'2^1 nn« Dlpfc&Kin '2) unter diesen „Vielen" sind jedoch zumeist zeitgenössische, allenfalls auch frühere Bibel-Kommentatoren gemeint, keineswegs aber im eigentlichen Sinne die „jüdischen Weisen", die Männer des Talmuds oder die alten Agadisten. Das Wesentliche der Ausführungen des Herrn Finkelstein findet sich übrigens bei Jbn Esra selbst im Eingänge seines Kommentars zu Megillat Esther. Leobschütz, 30 April. Dr. Krakauer. i) ibid. 1—11 werden 10 und 7 gleicherweise angewandt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.