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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-05-18 · Heft 20 (18.5.1894) · p. Seite 239

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 20 (18.5.1894)
Date
1894-05-18
Page
Seite 239 (sequence 11)
Language
German
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239 Fräulein von Pahlen saß an dem schönen Sommerabend draußen in der Veranda. Sie saß unbeweglich wie eine Statue und sah hinaus über Garten und Feld — wo sich die Nebel in phantastischem Spiel verschlangen — nach den fernen, waldbekränzten Hügeln auf der andern Seite des Sundes. .Sie zeichneten sich scharf und dunkel von der goldigen Bronzefarbe des Himmels ab. — Fräulein von Pahlen seufzte einmal über das andere . . . Das alte einsame Herz träumte von einer Zeit — ach, wie weit lag sie hinter ihr — als es noch jung und reich und sie von Verwandten und Freunden umgeben war, welche sie liebten. — Jetzt waren sie Alle todt — auch er. — Wenn Holger Fräulein von Pahlen in solchen wehmüthigen Augenblicken sah, behauptete er, daß ein dichterischer Geist über sie gekommen sei — und vielleicht hatte er nicht unrecht. Vor der Veranda ging Holger, seine Cigarre rauchend, aus und nieder. Seine Mutter konnte keinen Cigarrenrauch in den Zimmern leiden; die kleinste Rauchwolke verursachte ihr Kopfschmerzen. Im Musikzimmer am Flügel saß Rachel allein und sang . . . Sie sang aus ihrem vollen Herzen, wie ein Weib singt, wenn es glaubt, ohne Zeugen, allein zu sein — sie sang all' ihren heimlichen Kummer aus. . . Die Qual, welche in den letzten Tagen ihre Seele bedrückt hatte, löste sich jetzt durch die Macht der Töne in tiefe, unendliche Wehmuth auf, still und mild wie der Sommerabend da draußen. Wie Seufzer aus einem todestraurigen Herzen, wie kalte Thränen über eine brennende Wange, glitten die Tonwogen durch das offene Fenster in den Garten hinab, sich mit dem Rauschen der Bäume und dem Duft der Rosen vermischend, in den Garten, wo Holger athemlos lauschend stand: Brich aus in lauten Klagen Du stilles Martyrlied, Das ich so lang getragen Im flammenstillen Gemüth! Wie gut kannte Holger diese Worte! — Und mit welcher ernsten rührenden Innigkeit Rachel sie sang, als wären sie mit ihrem eigenen Herzblut geschrieben! Es klang wie die heimliche Beichte eines tiefen Kummers, der ztl heilig war, um von der Welt profanirt zu werden... Dies Lied hatte sie an jenem Abend gesungen, als er sie, kennen lernte, und es hatte ihn damals bis ins Herz ergriffen. — Niemals konnte er es wieder vergessen! — Jetzt war es ihm, als zeigten die Worte auf ihn und riefen ihn bei Namen. Er warf die Cigarre fort. — Wunderbar bewegt, voll liebevoller Erinnerungen, voller Reue und edler Vorsätze, lief er ,auf die Veranda, an dem verwunderten Fräulein von Pahlen vorbei und stürzte ins Musikz,mmer zu Rachel. Ohne ein Wort zu sagen, kniete er vor ihr nieder und legte seinen Kopf auf ihren Schooß, und sie verstand diese stumme Abbitte. — Nicht aus Mangel an Liebe, sondern aus Schwäche, aus Furcht, zu brutal aufzutreten, hatte er sie heute gekränkt. . . Traurig, mit einer Mischung von Mitgefühl und Geringschätzung, nachsichtig wie eine Schwester, legte sie ihre Hand sanft auf sein blondes, demüthig gebeugtes Haupt. XXI. Endlich bekam Rachel den längst erwarteten Brief von ihrem Vater, aber er brachte schlechte Kunde. Judith war unerwartet und so leidend aus Norwegen zurückgekehrt, daß ihre ganze Umgebung dadurch auf Tiefste beunruhigt wurde. Rachel benutzte gern diesen Vorwand, Rosengaard sofort zu verlassen. Die Kammerherrin gab ihr zum Abschied einen Judaskuß auf die Wange, den sie duldete, ohne mit der Wimper zu zucken. Fräulein von Pahlen schenkte ihr eine kleine anonyme Gedichtsammlung in Goldschnitt. „Die Gedichte sind von einer guten Freundin von mir geschrieben. Lesen Sie sie in einer müßigen Stunde und erinnern Sie sich dann, daß in Roiengaard ein armes altes Mädchen lebt, welches Sie sehr lieb gewonnen hat. Auf baldiges Wiedersehen!" Holger fuhr sie selbst nach der Station. Am Ende der Allee stand die zur Feier des Tages sonntäglich gekleidete Häuslerfrau mit ihren Kindern, um Rachel noch einmal zu sehen. Sie warf einen kleinen Feldblnmenstrauß in den Wagen und Rachel nickte ihr einen freundlichen Dank zu. Snap hatte man einsperren müssen, damit er dem Wagen nicht folgte, der seinen Liebling entführte. Der kleine Gärtner, mit dein die Kammerherrin so unzufrieden war, hatte sich aus dem Garten fortgeschlichen auf den Hügel, von welchem man die Landstraße übersehen konnte, welche sich wie ein weißes Band durch die grüuen Felder schlängelte. Mit der Hand über den hellblauen Augen blickte er dem Wagen nach, so lange derselbe sichtbar war. . . Dann warf er sich nieder ins Gras und blieb dort liege», das Gesichts in den Händen verborgen, während es wie im verhaltenen Schmerz in seinem ganzen Körper zuckte. „Ich komme bald nach Kopenhagen," sagte Holger, als sie sich auf der Station trennten — die Kammerherrin hatte ein Unwohlsein geheuchelt, um sie nicht begleiten zu müffen — und er ihr zum letzten Mal die Hand drückte: „Ich kann Dich nicht so lange entbehren, Rachel, und möchte auch gern sehen, wie es Judith geht." Sie lächelte ihm traurig zu^ Aus dem Denster des Eisetflckhnwagens betrachtete sie die reiche, schöne, sonnige Landschaft, die schon einen herbstlichen Schimmer hatte — Roseügaards rother Giebel war in der Ferne sichtbar — und seufzend sagte sie sich, daß sie wahrscheinlich niemals wieder hierher kommen würde. — Es lag ein Lebewohl in dem langen traurigen Blick, mit welchem sie die ganze Gegend umschloß. Das Wiedersehen zwischen den beiden Schwestern war herzzerreißend in seiner mit Trauer gemischten Freude. Wie verändert und wie elend war Judith! Sie war blaß und abgemagert und hatte, was das Schlimmste war, einen bösen, trockenen Husten, der sie gar nicht wieder verlaffen wollte. Nachdem man Judith einige Tage Ruhe gegönnt und sie mit Liebe und Sorge umgeben hatte, untersuchte der alte Hausarzt, ein "treuer Freund der Faniilie, ihre Brust. Es wäre keine Gefahr vorhanden, meinte er, aber rieth doch, der Sicherheit wegen, zu einem Aufenthalt im Süden. In einem milderen Klima würde sie, wie Rachel, welche ja auch kränklich gewesen war, vollständig geheilt werden. Jedenfalls aber würde ein strenger dänischer Winter mit Schnee und Eis ihr erheblich schaden. Da Tante Rebekka schon so alt und sonderbar war und außerdem wenig Talent zum Verkehr mit Kranken besaß, so wurde bestimmt, daß Rachel ihre Schwester begleiten sollte. Sie sollten nach Nizza gehen und dort bis zum Frühling bleiben. Diese traurige Nachricht erwartete Holger, als er seinen versprochenen Besuch im Hause des Etatsraths machte. ... Er verlor vollständig die Faffung. Rachel sollte ein halbes Jahr von ihm getrennt sein, während es schon bestimmt gewesen war, daß die Hochzeit im November stattfinden sollte. — Er konnte seine tiefe Niedergeschlagenheit gar nicht verbergen. Es war wirklich kein Spaß für einen verliebten Bräutigam, noch so lange warten zu müffen. Er versuchte indeffen nicht, Rachel zum Bleiben zu bewegen, weil er im Voraus wußte, daß es ihm nichts nützen würde. Sie war die liebevollste, aufopferndste Schwester, und unter den jetzigen traurigen Verhältnissen war es außerdem ihre Pflicht, die kranke, mutterlose Judith zu begleiten — Tante Rebekka war ja unmöglich — statt egoistisch an ihr eigenes Liebesglück zu denken. — Er sah Alles

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