Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1894)
- Date
- 1894-05-18
- Page
- Seite 236 (sequence 8)
- Language
- German
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- 236 - fähigen als eine der schönsten Offenbarungen Goetheschen Geistes, erscheint, — hatte Böttiger den traurigen Muth,mit folgenden Worten zu begrüßen: „Welch ein Küchenzettel voll übernächtiger Schüsseln und doch wie zierlich zugerichtet! Dahin ist es also mit dem Bannerherrn unserer Litteratur gekommen." Angeregt durch die von Friedländer gesandten Anekdoten schrieb B. Folgendes: „Wie soll ich Ihnen meine Freude ansdrücken über die zwei köstlichen beziehungsreichen Anekdoten, die natürlich sogleich ins Morgenblatt gewandert sind und ihre Wirkung gewiß Hervorbringen werden. O, schreiben Sie aus dem reichen Schatze Ihrer Erinnerungen mehr dergleichen nieder und schicken sie mir für dasselbe allgelesene Blatt. Wer mag die Früchte berechnen, die oft ein Samenkorn der Art für Mit- und Nachwelt hervorbriugt. — Jede Litteratur und jeder Staat hat ihre Heroenzeit. Beide kamen in Berlin in den Männern zusammen, zu welchen Sie, mein Freund, selbst noch gehören. Lassen Sie die schöne Ueberlieferung von ihnen nicht untergehen". Die Mendelssohn-Anekdoten, von denen Friedländer auch sonst Proben gab, habe ich im Morgenblatt nicht finden können. Es ist leicht verständlich, daß Friedländer auf eine solche Anerkennung Böttigers hin schnell wieder zur Feder griff. Er antwortete bereits am 15. Dezember. IV. Friedländer an Böttiger. Berlin, 15. Dezember 1817. Empfangen Sie, mein edler Freund, meinen herzlichen Dank für Ihren angenehmen Brief vom 15. November, für Ihre lehrreichen Nachweisungen, für Ihre scharfsinnigen Urtheile. — Meine Gesundheitsumstände find auch, seitdem ich aus Charlottenburg zur Stadt gekommen bin, noch so schwankend, daß ich nur zu Wagen mich von Hause eütfernen kann; sonst komme ich nicht aus meiner Stube. Ein paar Mal die Woche besuche ich unsere edle Frau v. d. Recke und erlabe mich mit Freund Tiedge in freundschaftlichen Unterhaltungen. Dahin gehörten denn auch die neuen Erzählungen von Rochlitz, die Ihrer Empfehlung gar sehr würdig sind. Unsere Freundin beschäftigt sich jetzt mit dem letzten Theile ihres Tagebuches, welcher in keiner Hinsicht den früheren an Interesse des Inhalts und Schönheit des Vortrags nachsteht. — Doch das wissen Sie, mein hochgeehrter Freund, zur Stunde gewiß besser als ich, denn die ersten Hefte sind vermuthlich schon in Ihren Händen. Ihr sinnreiches epigrammatisches Urtheil über G.'s Selbstbiographie ist mir aus der Seele geschrieben. Welche Schaugerichte! Mir kamen sie vor, als wenn ein Kaufmann seine Briefe von verflossenen 30 Jahren ohne Auswahl drucken ließe. Wahrlich, es gehört eine edle (?) Dreistigkeit dazu. Indessen der Gasthof steht im Ruf und die mehrsten Gäste schämen sich, zu gestehen, daß sie bei so theuer bezahlten Schüsseln ungesättigt von der Tafel aufstehen. — Lieb ist es mir, daß Sie die eingesendeten Anekdoten der Bekanntmachung würdig finden. Können Sie mir, mein nachsichtsvoller Freund, das einzelne Blatt der Zeitschrift nicht einschicken, so haben Sie wenigstens die Güte, mir die Nummer des M. B. anzuzeigen, wo ich sie finden kann, ich bekomme die Schrift nur immer am Ende jedes Monats zu lesen. Die Abbildung von der Antike kann ich nicht deuten. — Sollte es wirklich nach einer Antike sein? Ist es ein tiefgeschnittener Stein? Von der nämlichen Größe? Ist das, was der Knabe in Händen hat, etwa ein Rechen-Instrument? Ich schicke Ihnen zum Gegengeschenk ein wenigstens unräthselhaftes Blättchen von Luther, das gut gemeint ist. — Den großen Reformator verehre ich, obschon er ganz neuerlich als Autorität angeführt ist, daß man uns arme Juden mit Stumpf und Stiel ausrotten soll. — Ich gesteh' Ihnen, mein theurer Freund, daß das Gerede und das Geschreibe über die Israeliten mir wehe thut. Nicht als ob ich befürchte, daß es auf ihr Schicksal bei dem Bundestage Eindruck machen dürfte — so eiye herabwürdigende Idee von den weisen Männern, die dort zu Gericht fitzen, darf man nicht hegen, — aber das thut mir wehe, daß ich in der Ueberzeugung beharren muß: der allgemeine Erlöser sei noch nicht gekommen. Meinem Vorsatz getreu, wenn schon von mehreren Seiten aufgefordert, schweig' ich zu all' dem Unfug, — wer will in ein Wespennest stechen — und lass' im herzlichen Vertrauen die Vorsehung walten. — Noch vor einigen Tagen schrieb rch einem intimen Freund, daß ich bei meinem Entschluß beharre und meinen Namen nicht preisgeben mag. „Die hohle und nichtige Weisheit dieser anmaßenden Schriftsteller", schrieb ich ihm unter Anderm, „achtet die Würde der Menschheit nicht und tritt fie muthwillig mit Füßen, ungeachtet sie die heiligen Namen von Vaterland, Rechte der Menschheit, Wahrheit und Menschenliebe stets im Munde führen. In dem Schulstaube ihrer Studirstube wird ihnen jede heitere Aussicht verdunkelt. Dort wollen sie Alles mit ihrer Sinnenbreite messen und haben keine Ahnung, daß der Geist eine Höhe und Tiefe hat, deren Unermeßlichkeit nur in der wirklichen Welt sichtbar und begreiflich wird. Ob sich wohl diese Schriftsteller jemals gefragt haben: find unsre Aeußerungen wohl im Sinne des großen Stifters, dessen erlesene Jünger wir uns nennen? Schwerlich. — Sonst würde ein öffentlicher Lehrer nicht Folgendes niedergeschrieben haben,wobei mich beim Abschreiben ein Schaudern überläuft. „Noch aus höheren Rücksichten müssen fie (die Israeliten) von der Bertheidigung des Vaterlands ausgeschlossen werden; und es ist daher ein neuer Grund, um ihre Verminderung und Ausrottung zu wünschen." Barmherziger Gott! Unbarmherziger Lehrer! — O Ihr verewigten Männer Berlins! Ihr meine hochherzigen Gönner und Freunde! Münchhausen, Zedlitz, Struensee, Spalding, Dietrich, Teller, Zöllner, Wlömer, Meirotto, Gedicke, Selle, Engel, Nicolai, Klein, Biester u. A. rm Was würden Eure liebevollen Seelen, was Eure heitere Vernunft dazu sagen! Oder war't Ihr etwa keine Deutsche, keine Christen?" Was meinen Sie, mein edler Freund, zu diesem Auszuge? Scheint er Ihnen anziehend genug, so lassen Sie ihn als: „Fragment eines Briefes, eines Israeliten aus B." in das Morgenblatt, jedoch ohne Nennung eines Namens wandern, und wenn Sie es thun, so zeigen Sie mir's gefälligst an. Ich besitze eine Rede, die ein jüngst aufgenommener Freimaurer in einer □ gehalten haben soll, die sehr sarkastisch ist Wenn sie ein Uneingeweihter erdichtet hätte, so wäre fie höchstens ein lesenswerthes, witziges Produkt. Sie ist aber höchst merkwürdig, weil sie aus dem Briefwechsel zweier Männer herrührt, die Beide sehr hohe Grade in dem Orden hatten und Beide auf hohen Stufen des Alters standen. Sie ist aus den 80 er Jahren des vorigen Jahrhunderts, und beide Greise ruhen im Schooß der Mutter Erde. Sie war zum Druck bestimmt, und die Zinnen des Salomonischen Tempels würden wenigstens vor Lachen oder Unwillen, — erbebt sein, wenn der ernsthaftere Empfänger nicht dem jovialen Einsender von der Bekanntmachung abgerathen hätte. Aber auch gegenwärtig dürfte der Druck gefährlich sein, weil die Namen der Korrespondenten genannt werden müßten und dieses würde fie kompromittiren. — Sind Sie selbst, mein edler Freund, ein Eingeweihter, so ist die Gefahr noch größer, denn wie Schiller ganz richtig bemerkt: „Leichter verzeihet man, besonders großen Gesellschaften, Angriffe auf Herz und Sitten, als wenn man uns dem Lächerlichen preisgiebt." Ich schäme mich. Ihnen länger so langweilig zu unterhalten, und , bitte Sie nur, mich dem Andenken des hochwürdigen Ober-Hofprediger Ammon zu empfehlen (dem ich, sobald sich nur eine Gelegenheit zeigt, schreiben werde) und mir das Ihrige zu erhalten. Mit wahrer Hochachtung und Ergebenheit nenne ich mich nicht blos, sondern bin ich Ihr Sie verehrender Freund Friedländer. Die eine Stelle des vorstehenden Berichtes bezieht sich auf die von B. an Fr. zur Prüfung bezw. Deutung übersendete Abbildung einer Antike, jedenfalls ein großes Vertrauensvotum, das der Archäolog von Beruf dem Dilettanten ertheilte. — Fr's Urtheil über Goethe übertrumpft noch das von B. geäußerte. Sehr merkwürdig sind Friedländer's Aeußerungen über seine Stellung zur Judenfrage und seine Betheiligung resp. Nichtbetheiligung an dem damals ungemein lebhaften Schriftenkampfe, der für und wider die Juden geführt wurde. Welche einzelne Schrift gerade Luthers Autorität wider die Juden — man kennt seine barbarischen Ausdrücke und Vorschläge — anrief, vermag ich nicht zu sagen. Im Allgemeinen braucht nur daran erinnert zu werden, daß damals die Verhandlungen am Bundestage geführt wurden, die zu dem bekannten traurigen über bte Juden handelnden Passus der Bundesakte Anlaß gaben. Fr's Hoffnungen auf die Weisheit der Mitglieder jener Versammlung wurden stark getäuscht. (Fortsetzung folgt.)