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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-05-18 · Heft 20 (18.5.1894) · p. Seite 234

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 20 (18.5.1894)
Date
1894-05-18
Page
Seite 234 (sequence 6)
Language
German
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234 Unrecht thun zu vergesse», daß Induktionen von angeblich strenger Sicherheit nachträglich als zweifelhaft widerrufen und dann gänzlich verlassenworden sind. Was die Physiker anbetrifft, welche alis der Domäne ihrer Wissenschaft heraustreten und in feindlicher Gesinnung in das Gebiet der Philosophie eindringen, so hat zur Zurückweisung ihrer Angriffe der Interpret in seiner Eigenschaft als Theologe nichts zu thun, als sie an die Philosophen zu verweisen. — Dies der wesentliche Inhalt der Encyklika. Der berühmte Astronom, Pater Secchi, fand seine modernen physikalischen Anschauungen mit dem Glauben an die Dogmen vollkommen vereinbar, ebenso hing Michael Faraday, der englische Forscher, der die Grundlagen für die moderne Elektrotechnik schuf, mit voller Seele an dem Bibel- und Sektenglauben seiner Kindheit. Es ist also augenscheinlich möglich, die Vorstellungen des Endlichen mit dem Unendlichen, des Sinnlichen mit dein Uebersinnlichen, die Welt der Erkenntniß mit der Welt des „Dings an sich" trotz des trennenden Abgrunds zu verbinden. Und das ist für uns der wichtigste Punkt in dieser Betrachtung, den alle unsere Naturforscher, auch die jüdischen Glaubens, jederzeit wohl beherzigen mögen. Erinnerungen an Leopold Jury, m. ie Erfahrungen, die Zunz in Darmstadt gemacht hatte, verleideten ihm nunmehr jede Bewerbung um eine Rabbinerstelle. Als ihn zwei Jahre nachher Herr Dr. Pinhas in Cassel aufforderte, sich um das dortige Rabbinat zu bewerben, antwortete er in einem charakteristischen Briefe vom 20. November 1834 folgendermaßen: „Daß Sie, verehrter Freund, sich meiner noch erinnern, habe ich nach einem zweijährigen Stillschweigen kaum zu hoffen gewagt Um destomehr danke ich Ihnen für Ihre freundliche Giiie. Ihr Zutrauen beehrt mich mit einem Anträge, den Sie mir bereits mündlich gemacht haben. Aber bewerben und in Reih und Glied mit odsauris Iromioibu8 treten werde ich nie, werde mich auch nie von jüdischen Parnasim examiniren lassen. Fühlt eine Gemeinde nicht das Bedürfniß eines tüchtigen Führers und beruft sie mich nicht — von mir geht keine Bewerbung aus . . . lieber will ich fortfahren, ärmlich und nebenbei nützlich für die Wissenschaft zu leben, als meine Muße und Ruhe so nutzlos vergeude». Ueberhaupt verstehe ich es nicht, mich zu einem Amte zu drängen, ich habe deren mehr weggegeben, als Andere je gehabt. Wer mich nicht sucht, findet mich nicht." Ich muß es wiederholen: Solchen Rabbinerstolz vor Gemeindevorständen wünschte ich von ganzem Herzen unserem jüngeren Theologengeschlecht. Zunz hatte nun den Gedanken vollständig aufgegeben, außerhalb Berlins eine Stellung zu erlangen. Er kündigte Vorlesungen über die Psalmen an, und es ist interessant, daß dieselben großen Zuspruch hatte». Unter den Hörern werden in bunter Reihe genannt: I. Zedner, S. Pleßner, L. Herzfeld, M. Landsberg u. A. Unter den sonstigen Theilnehmern: Eduard Gans, Wilhelm Beer, Moses Moser, M. Sachs, S. Friedeberg, M. Wolf, Dr. Rubo u. A. — wahrhaftig eine schöne Corona! Am 29. Dezember deffelben Jahres hielt Zunz, im Aufträge der Aeltesten der Gemeinde, die Leichenrede auf David Friedländer. Dieselbe fand verdienten Beifall und allgemeine Anerkennung. Außerdem hatte er eine Reihe von Arbeiten ür A. Asher und F. A. Brockhaus übernommen. Seine Lage begann sich also zu befferu. Da rvurde er zu Beginn des Jahres 1835 aus seinem idyllischen Gelehrtenleben aufgescheucht durch einen Antrag des „Vereins zur Verbesserung des israelitischen Kultus" in Prag, der nach langwierigen Unterhandlungen die Annahme der Stelle eines Predigers bei diesem Vereine zur Folge hatte. Die ganze Korrespondenz darüber theilt Maybaum in der vorliegenden Schrift mit; sie ist ein höchst interessanter Beitrag zur Kulturgeschichte der jüdischen Reformversuche. Das hervorragendste Verdienst um die Berufung Zunz's hat sich wohl Peter Beer erworben; aber auch Mauheimer in Wien hat für die Sache tüchtig gearbeitet. Mit schwerem Herzen hatte Zunz Berlin verlassen und „ohne jede Illusion" die Prager Stelle augetreten, aber die Zustände dieser großen Gemeinde waren doch noch trostloser, als er gefürchtet hatte. Schon nach 50 Tagen reifte in ihm der Entschluß, nach Berlin zurückzukehren. Am 16. September trifft er in Prag ein, und am 21. Oktober schreibt er an S. L. Steinheim in Altona: „Ich möchte hier fort; Mangel ait Wissenschaft, Menschen, Büchern, Zeitungen und Freiheit." Und am 19. November schreibt er an Michael Sachs in Berlin, er sehne sich fort, und S., den er bereits als Religionslehrer nach Wien empfohlen hatte, möge statt seiner hinkommen. Am 8. Juni 1836 reiste Zunz von Prag ab. Ein iuteressanter Brief von Prof. Wessely, den M. gleichfalls mittheilt, schließt diese traurige Episode in humoristisch wirksamer Weise ab. Am 8. Juli desselben Jahres war Zunz wieder in Berlin. Man kam ihm von allen Seiten freundlich entgegen. Auf Veranlassung des Gemeindevorstandes schrieb er seine epochemachende Arbeit über die Namen der Juden; auf Veranlassung von Moritz Veit übernahm er die Leitung der bekannten Bibelübersetzung. Aufforderungen von Gemeinden lehnte er rundweg ab; es waren ihm solche von Crefeld, Gothenburg und Metz gekommen. Aber diese zufriedene Stimmung hielt nicht lange an. Im Frühling 1837 bewarb er sich um die eben erledigte Stelle des „Beglaubten" (Neeman) bei der Gemeinde. Statt seiner wurde der Makler Jsaac Moser gewählt. Darüber war Zunz mit Recht sehr erbittert. Der Brief, den er in dieser Angelegenheit an Jacobson schrieb, enthält die bittere Bemerkung: „Vielleicht wäre es am Gerathensten, ich ändere meinen Lebensberuf, werde Kollekteur oder Ignorant, dann würde ich schon im Rathe der Weisen sitzen, hätte Geld und mithin auch Freunde. — Wenn auch Religion und und Philosophie trösten und erheben, so bilde ich mir nicht ein, daß deren Kraft sich überall an mir bewährt. Darum verberge ich weder diese meine Gefühle, noch schäme ich mich ihrer. Mögen Andere sich schämen!" Die „Andereil" schämten sich auch wirklich, und noch in demselben Jahre (1837) bot sich ihnen die gesuchte Gelegenheit, der Thätigkeit dieses Gelehrten ein würdiges Feld anweisen zu können. Der Vorstand übertrug ihm nämlich die Leitung des neu zu errichtenden Seminars für jüdische Lehrer. Die Unterhandlungen darüber haben ziemlich lange gedauert, aber nicht so sehr wegen der Gehaltsfrage, als vielmehr wegen seiner Weigerung, „dem Schulvorstande, als den Verwaltern der ehemaligen Talmud-Thora, über die Weise und das Zeitausmaß des biblisch-talmudischen Unterrichts das Auffichtsrecht einzuräumen, sowie die Verpflichtung zu einer äußerlich religiösen Lebensführung als besonderen Punkt in seinen Kontrakt aufzunehmen." Erst am 18. Oktober 1838 wurde der Kontrakt besiegelt, und erst am 18. November 1840 fand die feierliche Eröffnung des Seminars statt. Bis hierher gingen die Erinnerungen an Zunz, die Dr. M. gesammelt und herausgegeben. Ich füge noch hinzu, daß Zunz die Stelle als Direktor des Seminars bis zum März 1850, wo das Seminar selbst aufhörte, bekleidet hat. Es wäre .

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