Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1894)
- Date
- 1894-05-18
- Page
- Seite 233 (sequence 5)
- Language
- German
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9. Herr Lehrer Kantor Ortelsberg und Herr Prediger Sturmann-Osterode hielten darauf ebenfalls Lehrproben. Der Erstere über das Thema „Josef wird von seinen Brüdern verkauft", und der Letztere über das nachbiblische „Barkochba", die beide vielen Beifall fanden. Die jüdische Verlagsbuchhandlung von Wilh. Jakobfohn & Co., Breslau, hatte eine Anzahl Bücher ihres Verlags zur Ansicht gesandt, die mit empfehlenden Worten zur Vertheilung gelangten. Desgleichen wurde auf die Bestrebungen des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sowie des Vereins zur Abwehr gegen den Antisemitismus aufmerksam gemacht und die Unterstützung des ersteren durch Beitrittserklärung, des letzteren durch Abonnement seiner „Mittheilungen" auf's Wärmste empfohlen. Der Schluß der Verhandlungen, die bis 6 Uhr Abends dauerten und nur einmal zur Entgegennahme eines den Mitgliedern der Konferenz vom Synagogen-Verbände gereichten Frühstückes unterbrochen wurden, bildete ein Festgottesdienst mit Chorgesang und Harmoniumbegleitung, geleitet von Herrn Oberkantor Ed. Birnbaum, hier. Am Abend folgten die Mitglieder der Konferenz der Einladung des hiesigen Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur nach dem großen Saale des Artushofes, wo ihnen von 300 Personen, zum Theil der ersten Kreise der hiesigen Gemeinde, in Wort und Lied ein reicher Kranz von Ehren entgegengetragen wurde. Seine würdige Einleitung fand das Fest durch den von dem Vorsitzenden des Vereins, Herrn Kaufmann M. Minkowsky, ausgebrachten uud von den Anwesenden mit Begeisterung aufgenommenen Kaisertoast. Geistige und materielle Genüsse der verschiedensten aber nur besten Art hielten die Festtheilnehmer bis in die frühe Morgenstunde in fröhlichster Stimmung zusammen. A. Levin-Tilsit. A. Peritz-Königsberg. Papst XIII. über die Bibelkritik. fie Encyklika des Papstes über die Stellung der Kirche zur Bibelkritik hat in den betheiligten Kreisen und auch darüber hinaus großes Interesse erregt. Auch für uns ist dieses Schriftstück selbstverständlich werthvoll. Und zwar aus doppelten Gründen: Einmal, weil es für die Auffaffung und das Verständniß der biblischen Schriften in nichtjüdischeu Kreisen historisch wichtig und beachteuswerth ist, sodann aber, weil die Auseinandersetzungen des gelehrten und feinsinnigen Papstes sich so vielfach mit denen unserer alten Gesetzeslehrer decken, daß man diese Uebereinstimmung nur mit mit aufrichtiger Genugthuung betrachten kann. Der Inhalt dieser Encyklika ist auszugsweise folgender: Ein Kampf muß gegen Alle geführt werden, die mit den physikalischen Wissenschaften Mißbrauch treiben, indem sie im Namen derselben der Heiligen Schrift nachspüren, um ihre Autoren bei offenbarer Unkenntniß der Naturgesetze zu überraschen und die Schriften selbst ins Lächerliche zu ziehen. Dieser verletzeride Spott ist desto gefährlicher, als er Dinge betrifft, die den Sinnen zugänglich sind. Denn dadurch wird es ihm leicht, sowohl im Volke Verbreitung zu finden, als insbesondere bei der Jugend, die den Studien obliegt. Man weiß. daß. wenn diese Jugend nur in einem Punkte die Verehrung vor der göttlichen Offenbarung verloren hat, sie nur zu leicht verführt ist, auch in Betreff des übrigen Inhaltes den Glauben zu verweigern. Die Gefahr ist auch eine augenscheinliche. Wie einerseits das Wissen von der Natur geeignet ist, den Ruhm des hohen Schöpfers zu verkünden, der so laut durch die geschaffene Welt hallt, so daß wir eben darin die kostbare Frucht dieser Wissenschaft erblicken müssen, wenn sie in richtiger Weise gelehrt wird; — ist es andererseits nicht minder gewiß, daß dieselbe Wissenschaft, wenn sie durch eine perfide Vortragsweise die Grundlehren der heiligen Lehrer angreift, mit derselben Eindringlichkeit Sittenverderbniß unter den jungen Leuten verbreitet, die ja an Geist und Herz noch leicht empfänglich für alle Eiudrücke sind. Deshalb wird die Kenntniß der Naturgesetze einem Lehrer der Heiligen Schrift wirksam zur Zerstörung der Fallstricke helfen, welche im Namen dieser Gesetze den heiligen Büchern gelegt werden. Denn kein thatsächlicher Zwiespalt kann zwischen dem Theologen und dem Physiker bestehen, wenn Beide auf ihren Gebieten dauernd sich hüten, nach dem Rathe des heiligen Augustin, „das Geringste auf gut Glück zu behaupten, und das Unbekannte als etwas Bekanntes vorauszusetzen." Wenn trotzdem irgendwo ein Widerspruch entsteht, so diene im Ganzen und Großen Folgendes zur Richtschnur für die Haltung der Theologen: Es ist wieder der heilige Augustin, der diese Grundsätze nusspricht: „Jenen Gegnern, die uns wahrhafte Beweise für die Gesetze der Natur geben, weisen wir nach, das; sie nichts behaupte», was der heiligen Schrift widerspräche. Wenn sie aber aris ihren Werken, tvelcher Art diese auch immer sein mögen, Schlüsse ziehen entgegen dem göttlichen Wort, das ist entgegen dem katholischen Glauben, dann zeigen wir ihnen, auf die eine oder andere Weise, daß diese ihre Folgerungen die falschesten sind; oder aber wir zögern zum Mindesten nicht, an die Falschheit zu glauben." Dieses Verhalten wird in seiner Richtigkeit unanfechtbar erscheinen, wenn man vor Allem in Betracht zieht, daß die heiligen Schriftsteller, oder um besser zu sprechen, „der heilige Geist, der durch ihren Mund redete, den Menschen nicht die innere Beschaffenheit der sichtbaren Dinge lehren wollte, da diese Erkenntniß keineswegs zum Seelenheile nöthig ist". Dies ist der Grund, warum diese Autoren, statt dm Naturbeobachtungen nachzuhängen, um dieselben richtig wiederzugeben, es vorgezogen habe», die Phänomene in einer gewissen metaphorischen Sprache zu beschreiben und zu erklären, oder aber kurzweg die gemeinübliche Ausdrucksweise ihrer Zeitgenossen zu benützen. Gott selbst hat ja, um von den Menschen, an die er sich wandte, verstanden zu werden, nicht anders gesprochen, als in alltäglichen Redeweisen. Aber daraus, daß man mit Eifer die heilige Schrift vertheidige, folgt noch nicht, daß man ebenso für alle Meinungen eintrete, welche die heiligen Väter und ihre Interpreten über die Natur aufgestellt haben. Indem sie die Anschauungen ihrer Zeit aussprachen, um jene Stellen der Schrift zu erklären, in denen von physikalischen Dingen die Rede ist, haben sie vielleicht nicht immer so der Wahrheit entsprechend und mit solcher Sicherheit geurtheilt, daß man nicht in unseren Tagen Jrrthümer darin finden könnte. Mau muß also in jenen Interpretationen mit Sorgfalt zu unterscheiden suchen zwischen dem, was sie kategorisch und im gemeinsamem Einklang als den Glauben betreffend, oder doch als eng mit ihm verbunden feststellen. Denn „bezüglich dessen, was nicht zum Wesentlichen des Glaubens gehört, haben die Heiligen sich verschiedene Meinungen bilden können", wie Thomas von Aquino meint. Dieser drückt sich an einer anderen Stelle in folgenden weisheitsvollen Worten darüber aus: „Hinsichtlich der gewöhnlichen Meinungen der Philosophie, die in keinem Widerspruch zu unserem Glauben stehen, erscheint es uns sicherer, wenn wir sie nicht als Glaubensdogmen betonen, obwohl sie unter der Autorität der Philosophen in die Beweise der Theologen cingeführt worden sind. Ebensowenig dürfen wir andere philosophische Meinungen als dem Glauben zuwider bezeichnen,' da man leicht den Weisen der Welt Gelegenheit geben könnte, den Glauben und seine Lehren zu verachten. Ueberdies hat in Betreff der Induktionen, von denen die Physiker die volle Gewißheit verkünden und Nachweisen, der Interpret die Pflicht zu zeigen, daß sie in Nichts der heiligen Schrift, sofern diese richtig verstanden wird, widersprechen; trotzdem würden die Interpreten