Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1894)
- Date
- 1894-05-18
- Page
- Seite 232 (sequence 4)
- Language
- German
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282 2. Den folgenden Verhandlungsgegenstand bildete der revidirte Normalschulplan über den namens der mit der Aus- und Umarbeitung desselben betrauten Kommission Herr Prediger Sturmann-Osterode referirte. Der Referent gab einleitend eine kurze Geschichte des Planes, aus der er dann auch die Veranlassung für die dritte Berathung des Normalschulplans darlegte, die Verhandlungen darüber erstreckten sich vorzugsweise auf eine genauere Redaktion des Textes in einzelnen Punkten. Nur beim Abschnitt „Schulbücher" kam es zur prinzipiellen Entscheidung über die Frage, ob es von Nutzen sei, dem Lehrer für seine vorbereitenden Studien im Normalschulplan bestimmte Lehrbücher zu empfehlen. Die Majorität entschied sich im bejahenden Sinne. Ein Antrag, auch für das Siddurübersetzen einen nach methodischen Grundsätzen bearbeiteten Stoffvertheilungsplan aufzustellen und dem Normalschulplan als Beilage nachzufügen, wurde aus Rücksicht auf die dabei nicht zu umgehenden dogmatischen Streitfragen abgelehnt. Nach Schluß der Einzelberathung wurde der ganze Plan einstimmig angenommen und die sofortige Drucklegung desselben beschlossen. 3. Der folgende Bericht des Herrn Rabbiner Dr. Bamberger über die Schulinspektionen des vergangenen Jahres bietet ein erfreuliches Bild der fortschreitenden Entwickelung und Verbesserung der Schulverhältnisse unserer Provinz. Vorherrschend, zwar an der eigenen Vervollkommnung arbeitend, sucht der Verein aber auch durch Sammlung statistischen Materials über die verschiedensten äußeren und inneren, die Verwaltung wie den jährlich behandelten Lehrstoff und die angewendete Methode betreffenden Verhältnisse der Schulen unserer Verwirklichung des Gedankens einer einheitlichen Gestaltung der Schulverhältnisse ganz Deutschlands thatkräftige Beihilfe zu leisten. Der Verein hofft, das Material bald vollständig zu haben und wird seine Veröffentlichung dann unverzüglich erfolgen. 4. Herr Sekretär KleinKönigsberg suchte darauf durch Darlegung der äußerst günstigen Bedingungen und der verhältnißmäßig hohen Leistungen der Hilfskaffe der jüdischen Beamten Ostpreußens, Westpreußens und Pommerns Mitglieder, welche sich noch keiner anderen Unterstützungskaffe angeschloffen haben, zum Beitritt bei der Hilfskaffe anzuregen. Referent wünscht, mit Rücksicht auf die große Noth, welche oft unvermuthet über jüdische Lehrerfamilien, besonders in kleineren Ortschaften, durch den Tod des Ernährers hereinbricht, daß die Gemeinden selbst bei der Anstellung darauf dringen sollen, daß ihr Beamter einer Lebensversicherungs-Gesellschaft oder der Hilfskasse beitrete und daß ihm dafür ein Zuschuß gewährt werde. 5. Mit dem Referat des Herrn Rabbiner Dr. Bamberger über das Bibellesen in der Religionsschule entsprach der Verein dem Wunsche weiter Kreise, durch Berathung eines für alle diesjährigen Lehrerkonferenzen gemeinsamen Themas den Gedanken der Einheitlichkeit der Bestrebungen aller jüdischen Lehrer Deutschlands im heimischen Kreise zu pflegen und zu verbreiten. Referent führte aus: Das Lesen der deutschen Bibel ist in jüdischen Schulen der Gegenwart nur ein Nothbehelf gegenüber dem früheren, beneidenswerthen Zustande, mit den Kindern die ganze Bibel im Urtexte lesen zu können. Die für die Religionsschule nur knapp bemessene Zeit läßt das nicht mehr zu und doch bleibt die Kenntniß der ganzen Bibel auch für unsere Jugend eine nothwendige Forderung, der man durch das Lesen der deutschen Bibel zu genügen suchen muß. Das Bibellesen ist ein Lehrgegenstand der Oberstufe, setzt also die Vertrautheit des Kindes mit den bekanntesten biblischen Geschichten voraus und schließt sich ihnen ergänzend an. Das Maß und die Auswahl des zu Lesenden hängt von dem Bedürfnisse und dem Standpunkte der einzelnen Schulen ab; aber beim Lesen darf die Einführung in das Verständniß des Inhalts nicht fehlen; doch hat dies nur kurz und unter besonderer Berücksichtigung des der Geschichte oder dem Lesestücke zu Grunde liegenden Hauptgedankens zu geschehen. Was gelesen wird, muß auch von den Kindern frei wiedergegeben werden. In der sich anschließenden Debatte wurden besonders die Schwierigkeiten betont, die der Einführung des Bibellesens in den Lehrplan der einzelnen Schulen entgegenstehen. Die zur Verfügung stehende Zeit reiche schon für die vorhandenen Unterrichtszweige kaum aus. Auch biete die Voraussetzung, daß jedes Kind eine deutsche Bibel besitzen müsse, eine schwere materielle Belastung der Eltern. Wo die Verhältnisse so ungünstig liegen, soll sich der Lehrer damit begnügen, von Zeit zu Zeit selbst einmal aus der Bibel vorzulesen. Schließlich wurde folgende Resolution angenommen: Die 6. Konferenz der jüdischen Religionslehrer Ostpreußens erblickt in dem Bibeüesen als Unterrichtsgegenstand der jüdischen Religionsschule gegenwärtig für den größten Theil der jüdischen Schule das einzige Mittel, die Kinder mit dem Texte der ganzen Bibel bekannt zu machen, ihnen Liebe und Verehrung für das unveränderte Gotteswort einzuflößen und damit zur Wiederbelebung der in jüdischen Häusern einst allgemein verbreiteten Sitte des allsabbathlichen Bibellesens, durch welches die Kenntnisse der Bibel unter den Erwachsenen erhalten und weiter gefördert wird, beizutragen. Die Konferenz beschließt, das Bibellesen in den Normal-Schulplan für die Provinz Ostpreußen mit 14 tägig einer halben Stunde einzustellen. 6. Ueber die Stellungnahme zum Projekt eines allgemeinen jüdischen Religionslehrer-Verbandes referirte Herr Lehrer A. Levin-Tilsit. Der Redner beleuchtete die Stellung des jüdischen Beamten in der Gemeinde mit scharfen Worten und sieht in einem engen Zusammenschluß aller Kollegen die einzige Möglichkeit zur allmählichen Besserung der Verhältnisse. Die Versammlung stimmte den Ausführungen des Referenten durch Annahme folgender Resolution bei: Die Konferenz der jüdischen Religionslehrer Ostpreußens begrüßt den Plan eines allgemeinen Verbandes jüdischer Lehrer und Kultusbeamten Deutschlands auf das Freudigste, weil sie von demselben eine wesentliche Förderung ihres Standes und der ihr anvertrauten Interessen erblickt. 7. Der nun folgende Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Rülf-Memel über Religionsunterricht nach heutigen Zeitverhältnissen suchte den Zuhörern die Idee einer neuen Unterrichtsweise darzulegen, die sich auf eine bestimmte Definition des Begriffes „jüdischer Religion" stützt. Die Frage, welches ist die Religion, die wir unseren Kindern lehren sollen, beantwortet der Referent dahin: Es ist diejenige, welche sich aus Bibel und Talmud und unter dem Einflüsse der neuzeitlichen Verhältnisse zur „Religion des Judenthums" herausgebildet hat und geistiges Eigenthum unseres Volkes geworden ist. Die Unterweisung in dieser Religion hat sich in drei Zweige zu gliedern: in den theoretischen, den praktischen und den biblischen Religionsunterricht. Der theoretische Religionsunterricht bilde eine einzige Katechese über die 10 Gebote. Aus diesen sind alle Glaubens- und Pflichtenlehren abzuleiten. Der praktische Religionsunterricht soll sich an Siddur und Kalender anlehnen und im Anschlüsse an ersteren die Liturgie lehren, im Anschlüsse an letzteren praktische Religionsübungen anstellen. Der biblische Religionsunterricht soll die Kenntniß der Bibel durch Darbietung eines Auszuges aus derselben erstreben. Besonderen Werth legt der Referent auf das Lernen biblischer und rabbinischer Sprüche. Die Ausführungen des Referenten boten — so wenig praktische Bedeutung sie auch wegen der geringen Aussicht auf thatsächliche Durchführung haben dürften — durch die reiche Fülle geistvoller und interessanter Exkursionen in das Gebiet religiösen Gedankenlebens, doch jedem Einzelnen werthvolle Anregung und Anleitung zum eigenen Nachdenken in dieser Richtung. 8. Eine Frage aktueller Bedeutung berührte der Vortrag des Herrn Rabbiners Weinberg-Insterburg über Siddur und Religionsunterricht. Referent empfiehlt, den Siddur als Grundlage, Ausgang und Mittelpunkt des theoretischen Religionsunterrichts anzunehmen. Die für den Religionsunterricht nur kurz bemessene Zeit nöthige uns zu dieser Konzentration, sie bedeutet auch keinen Rückschrit. Wer tüchtige Siddurgelehrte aus seinen Kleinen zu machen vermag, hat mehr erreicht, als man jetzt in dem vielgliedrigen Religionsunterricht zu erreichen vorgiebt. Ein solcher auf dem Siddur bastrender Religionsunterricht entspricht auch am besten der Forderung: die Kinder nicht für die Schule, sondern für's Leben, d. h. in diesem Falle für das Haus und die Synagoge vorzubereiten. Der Siddur wird den Kindern ein lieber Vertrauter und Freund werden, jedes Blatt und jeder Abschnitt desselben eine Quelle religiöser Erbauung und Belehrung für's ganze Leben. Bezüglich der methodischen Behandlung verlangt der Referent, daß man zunächst eine bestimmte geistige Reife der Kinder abwarte, ehe man den Siddur in der angedeuteten Weise benutze; auch muß der theoretische Religionsunterricht durch einen gründlichen historischen Religionsunterricht (biblischer wie nachbiblischer Unterricht) genügend vorbereitet sein, dann dürste es dem Lehrer nicht schwer fallen, durch seine mit Bedacht gestellten Fragen die religiösen Lehren aus den verschiedenen Gebetstücken Zu entwickeln und die Kinder zum freudigen Ausmerken und zu seelenvoller Sammlung des Geistes und Gemüthes zu bringen. Die Ausführungen des Referenten fanden ihre rechte Beleuchtung durch die praktische Darlegung derselben in Form einer Lehrprobe über das Gebot Jauzer.