Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1894)
- Date
- 1894-05-18
- Page
- Seite 231 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228061--50818-3273647- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wollten, nicht sehr angenehm sei, aber es konnte seit der Tivoliversammlung vorausgesagt werden. Die konservativen Organe, voran der „Reichsbote", sind auch empört darüber — aber das schadet nichts. Sie geben sogar zu, „daß die Antisemiten in wüster Agitation die Bevölkerung, die bisher friedlich lebte, aufwühlen und in dieser ihrer Agitation den Anarchisten nicht nachstehen". Hätten die Konservativen diesen antisemitischen Anarchisten nicht eine so liebevolle Unterstützung angedeihen lassen, so würden die Letzteren auf ihren Geschäftsreisen nicht die Erfolge zu erzielen vermocht haben, die sie jetzt verzeichnen dürften. Habeant sibi! — Die Badesaison rückt heran, und es haben sich auch bereits antisemitische Bäder muthig gemeldet. Ein hiesiges Blatt dieser Richtung schreibt darüber: „Das Beispiel des Ostseebades Zinnowitz und des Nordseebades Borkum, in denen man sich bisher von jüdischen Gästen freizuhalten verstanden hat, findet zu unserer Freude Nachahmung. Wie das „Oldenburg. Kreisblatt" mittheilt, hat die Badeverwaltung in Heiligenhafen den Beschluß gefaßt, „zum Zweck der Bewahrung des guten deutschen Charakters des Heiligenhafener Bades" Mische Kurgäste von dem Besuch desselben nach Kräften fernzuhalten. Es wird deshalb den diesjährigen und späteren Anzeigen die Bemerkung „Israelitischer Besuch nicht erwünscht" beigesügt werden. Bravo! Vivant sequentes!" Auch wir können nur wünschen, daß alle antisemitisch verseuchten Badeorte mit der Farbe herausrücken — die Juden und alle wahrhaft liberalen Deutschen werden dann genau wissen, wohin sie nicht zu gehen haben und — die betreffenden Badedirektionen mögen mit ihren Rathgebern dann im Herbst sich über den Jahresabschluß auseinandersetzen. * Die Zustände in Rumänien sind bekanntlich wieder in das frühere traurige Stadium zurückgekehrt. Besonders verhängnisvoll ist der Beschluß bezüglich der Schulen. Wir erhalten darüber den folgenden Aufruf, den wir allseitiger warmer Theilnahme auf das Dringlichste empfehlen: An unsere Glaubensgenossen! Durch das im vorigen Jahre erlassene Gesetz, betreffend den Elementar-Unterricht, werden die Kinder der rumänischen Israeliten thalsächlich von den öffentlichen Schulen ausgeschlossen. Wohl bestimmt jenes Gesetz, daß diese Kinder gegen Entrichtung eines Schulgeldes, nach Maßgabe der verfügbaren Plätze, Aufnahme finden können; allein da laut amtlicher Feststellung gegen 400,000 schulpflichtige Kinder griechisch-orthodoxer Rumänen wegen Mangels an Schulgebäuden und geeigneten Lehrkräften bis jetzt keinen Schulunterricht genießen konnten und im Sinne des neuen Gesetzes der Staat iu erster Reihe für diese Sorge tragen soll, so ist es einleuchtend, daß für die Kinder der rumänischen Israeliten in absehbarer Zeit kein Raum in den öffentlichen Schulen vorhanden sein wird. Das Gesetz spricht allerdings nur von „Fremden", doch werden bekanntlich sämmtliche rumänische Israeliten - mit Ausnahme weniger naturalisirter Personen — als Fremde, oder besser als Heimathlose betrachtet, dagegen hinsichtlich der Pflichten den christlichen Bollbürgern gleichgestellt. Wie sie im Nationalheere ohne Reckt auf Beförderung und ohne dadurch ihre Qualität als Fremde zu verlieren, dienen müssen, so werden ihnen die staatlichen Schulen verschlossen, zu deren Erhaltung sie als Steuerzahler gleich den christlichen Rumänen beitragen. Mehr als zehntausend Kinder werden auf diese Weise von den Schulen ferngehalten und der geistigen und sittlichen Verwilderung preisgegeben. Israel würde seine glorreiche Tradition verleugnen, wollte es gestatten, daß dieses Gesetz sein Ziel erreiche! Nein, was der Staat uns versagt, die Mittel für den Unterricht und die Bildung der Kinder, das müssen wir aus eigenen Mitteln, das soll die private Wohlthätigkeit aufbringen! Wir haben deshalb den „Jüdisch-Rumänischen Schulverein" ins Leben gerufen, der sich zur Aufgabe stellt, überall im Lande Schulen zu errichten, in welchen die jüdisch-rumänischen Kinder zu sittlichen Menschen ausgebildet, zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft erzogen werden sollen. Seitens unserer rumänischen Glaubensgenossen findet der „Schulverein" die lebhafteste Sympathie und aufopferndste Unterstützung. Doch reichen die eigenen Hilfsquellen bei Weitem nicht aus, um der großen Aufgabe gerecht zu werden, und müssen wir deshalb die Hilfe unserer Glaubensbrüder aller Länder anrufen. Glaubensgenossen! Es gilt, für Tausende von Kindern zumeist armer Eltern die Segnungen des Unterrichtes zu sichern, sie der geistigen Nacht zu entreißen und vor sittlichem Verfall zu schützen. Für dieses große moralische Rettungswerk, an dem mitzuarbeiten der Edelsten und Besten werth ist, erbitten und erwarten wir Euere hochherzige Hilfe. Von Euren edlen Spenden unterstützt und von Eurer Sympathie getragen, wird dieses herrliche Werk, dem wir unsere besten Kräfte weihen wollen, zum Wohle unseres Vaterlandes und zur Ehre Israels gedeihen! Das Exekutiv -K oruitee: Präsident: Dr. Ad. Stern, Vicepräsidenten: David Gabriel und Hermann Hornstein; Kassirer: Moritz Hornstein; Mitglieder: Dr. M. Beck, Dr. A. Blumenfeld, Dr. D. Grünberg, Adolf Solomon, Josef Stern, Sam. A. Zentler und I. D. Bally,' Schriftführer. Mittheilungen und Beiträge sind zu richten an den Schriftführer: Herrn I. D. Bally, Strada Jsraelita Nr. 13, Bukarest. Sechste Konferenz der jüdischen Ueligionsiehrer des Verbandes der Synagogengemeinden Ostpreußens am 2. April 1894, zu Königsberg i. Pr. m 2. April d. I. fand in Königsberg die 6. Konferenz der jüdischen Religionslehrer des Verbandes der Synagogen-Gemeinden Ostpreußens statt. Derselben ging eine Sitzung der Mitglieder der Schulinspektion am Abend des 1. April vorauf. In dieser wurde die Tagesordnung für die Konferenz definitiv festgesetzt und Bericht erstattet über die im vergangenen Jahre inspizirten Schulen. Der Verbands-Ausschuß hatte zu dieser Sitzung Herrn Stadtrath S. Magnus hier als Vertreter delegirt. Die Verhandlungen am eigentlichen Konferenztage wurden um 10 Uhr Vormittag durch den Vorsitzenden der Schulinspektion Herrn Rabbiner Dr. Bamberger-Königsberg mit Worten des Dankes für alle Erschienenen eröffnet. Die Präsentliste wies 55 Theilnehmer auf, darunter der Synagogen-Verbands-Vorsteher Herr Stadrath I. Eichelbaum-Jnsterburg, ferner als Vertreter ihrer Gemeinden die Herren Kommerzienrath Cohn, Louis Elkan und Stadrath S. Magnus-Königsberg. L. Wittenberg-Osterode, S. Schwarz-Guttstadt und Wulf-Insterburg, Herr Prediger Scherbel- Gumbinnen sprach das Einleitungsgebet, worauf Herr Stadtrath S. Magnus-Königsberg die Versammlung namens der hiesigen Synagogengemeinde mit warmen Worten begrüßte, die Bedeutung für die religiöse Bildung des Heranwachsenden Geschlechts hervorhob und sich in interessanten Darlegungen über einen zeitgemäßen Religionsunterricht erging. Die nun folgende Wahl des Büreaus ergab: Rabbiner Dr. Bamberger-Königsberg, Vorsitzender, Rabbiner Dr. Rülf-Memel, stellvertretender Vorsitzender, Prediger Scherbel-Gumbinnen, Rabbiner Weinberg- Insterburg und Dr. Wolffberg-Königsberg, Beisitzende, Lehrer A. Levin und Waisenhausinspektor Peritz, Schriftführer. 1. Die Reihe der eigentlichen Verhandlungsgegenstände eröffnete der Vorsitzende mit einem Referat über die letzte Lehrerkonferenz am 15. März 1692 bei welcher Gelegenheit auch der in der Zwischenzeit verstorbenen Mitglieder, der Herren Arenfeld-Lötzen, Braunsberg-Wehlau, Friedeberg-Tilsit und Tonn in Allenstein gedachte. Die Versammlung ehrte ihr Andenken durch Erheben von den Plätzen.