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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-05-18 · Heft 20 (18.5.1894) · p. Seite 230

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 20 (18.5.1894)
Date
1894-05-18
Page
Seite 230 (sequence 2)
Language
German
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230 unzweideutig bezeugen? Und mußte denn nicht diese Entwickelung mit Naturnothwendigtzit erfolgen? Muß nicht eine monotheistische Religion aus ihrem innersten Prinzipe heraus zur Ueberwindung aller Exklusivität gelangen? Und kann denn ein Unbefangener leugnen, daß von Jesaias an diese auch das Heidenthum einschließende Weitherzigkeit einen charakteristischen Zug des Judenthums bildet? Wir Unterlasten alle Anführungen von Belegstellen; es hieße Holz in den Wald tragen, wollten wir an dieser Stelle den wohlfeilen Apparat dieser Beweisführung beibringen. Hier aber handelt es sich mehr um das talmudische Schriftthum, und da fragen wir Herrn Prof. Stade, ob er sich der vollen Tragweite seiner Worte ganz bewußt gewesen, als er den Rabbinern das wenig schmeichelhafte Zcugniß ausstellte, daß, wenn lind wo sie wirklich nach solchen Grundsätzen handeln und ihre Gemeinden dazu erziehen, sie dies nur unter dem Einfluß der christlichen Ethik und gegen die Ethik des talmudischen Judenthums thun. Wußte Herr Prof. St., als er diese Worte niederschrieb, nichts davon, wie Unwistende und Uebelwollende diese talmudische Ethik im Kampfe gegen uns verwerthen? Wie, wenn ein angehender christlicher Theologe diesen Pastus liest, muß er nicht, außer Stande, ihn einer selbstständigen Nachprüfung zu unterziehen, zu Anschauungen über Juden und Judenthum gelangen, die auf sein späteres Wirken einen unheilvollen Einfluß üben? Doch das ist nicht die entscheidende Frage — nein, eine andere ist's: Vermag denn Herr St. seine Behauptung zu beweisen, und fällt nicht nach einem auch bei uns noch geltenden talmudischen Rechtsgrundsatze mnn naPIÖ K'Xlttn die Beweislast dem Ankläger zu? Ist Herrn Prof. St. die Litteratur nicht zugänglich, aus der er mit deutlicher Bestimmtheit entnehme» kann, daß das Bild, welches er offenbar von der talmudischen Ethik sich gestaltet, mit dem Urbilde der Sittlichkeit, das unsere Traditionslitteratur dem Unparteiischen zeigt, blutwenig gemein hat? Leider ist diese Thatsache nicht für Jedermann zu konstatiren, sondern nur für die, welche entweder wie Herr St. aus unseren Quellenschriften schöpfen können, oder aber der Führung verläßlicher Gewährsmänner sich anvertrauen. So nenne uns Herr Prof. St. die Stellen, die sein Verdikt gegen die talmudische Ethik zu stützen vermögen; so lange das nicht geschieht, werden wir wohl sagen dürfen, daß nicht wir uns einer Verdunkelung des Sachverhaltes schuldig machen, sondern diejenigen, die solche mit unwiderleglichen Argumenten längst zurückgewiesene Jrrthümer immer von Neuem wiederholen. Jnterestaut ist auch die Bemerkung St's, daß man hierdurch noch nicht zum Christen wird. Neues wird uns damit allerdings nicht gesagt, doch um der Konsequenzen willen, die sich daraus ergeben, ist der Satz von erheblicher Bedeutung. Gewiß, so wenig wir bei aller Betonung der Sittlichkeit den als Juden anerkennen, der für eine „religionslose Sittlichkeit" schwärmt, wie wir solchen Namensjuden, so hohe Achtung auch ihr humanes Wirken uns einflößt, das Recht absprechen, als Juden zu figuriren, weil s o sich nur nennen darf, wer auf unserem Glaubensgrunde steht und zu unseren obersten Glaubenswahrheiten sich bekennt — so wenig ist ' in Prof. St's Augen der ein Christ, der nur das praktische Christenthum übt, den spezifisch christlichen Glaubenslehren aber innerlich fernsteht. Ist dem aber so — wozu dann der ganze Streit? Wir begreifen wohl, wie, wer im Ethischen allein den Kern und Stern der Religion erblickt, alle Anstrengungen macht, dem Judenthum diese Ethik abzusprechen, damit nur ja an deffen Inferiorität kein Zweifel auskommt; braucht aber, wem über diese Sittlichkeit hinaus das spezifisch konfessionelle Bekenntniß ein konstitutives Moment des Christenthums ausmacht, sich wirklich gegen die talmudische Ethik so zu ereifern, damit nur ja jeder Gedanke an die Gleichwerthigkeit des Judenthums fern gehalten werde? Wir sind ja, auch wenn wir diese klar zu Tage liegende sittliche Ebenbürtigkeit besitzen, damit noch lange keine Christen. Herr Prof. St. nehme von uns die Versicherung entgegen, daß so gegen ihn uns wenden zu müffen nach der talmudischen Ethik uns wohl schwer fiel, aber gemäß deren Lehren als ein unabweisbares Pflichtgebot erfüllt werden mußte. Wir danken dem feinsinnigen Forscher St. zu reiche Belehrung, als daß wir auch nur einen Augenblick die Mischna Aboth 6, 3 ihm gegenüber außer Acht lasten dürften. Allein dieselbe talmudische Ethik fordert ebenso gebieterisch wie warmen Dank für intellektuelle Wohlthaten *), energischen Kampf auch gegen einen verdienten Lehrer, wo ein ChilM haschem vorliegt, das heißt, wo das, was wiederum nach der talmudischen Ethik wir als das Höchste in Gott anbeten: die Wahrheit und der Friede verletzt wird. Möchten doch christliche Gelehrte, die von bewußten antisemitischen Tendenzen sich gewiß innerlich völlig freifühlen, wiederum in Beherzigung der talmudischen Ethik auch die Wirkungen des unbewußten, wissenschaftlichen Antisemitismus ernstlich erwägen. „Seid behutsam in eueren Reden, damit die aus eueren Quellen schöpfen, nicht durch euch in Irrungen und Wirrungen geratheu." Aboth 1, 11. Nie Woche. Berlin, 14. Mai. fei der Reichstagsersatzwahl im Wahlkreise Sch loch au- Flatow hat nach den bisherigen Ermittelungen Rittergutsbesitzer Helgendorff (konservativ) 5899, Redakterir v. Mosch- Steglitz (Antisemit) 3213, Rittergutsbesitzer von Prondzinski-Loßburg (Pole) 3477 Stimmen erhalten. Eine Stichwahl ist also zwischen Helgendorff und Prondzinski erforderlich. Das Anwachsen der antisemitischen Stimmen kann uns nicht erschrecken, noch verwundern. Bei der vorigen Wahl in demselben Kreise noch im vorigen Jahre siegte Graf Kanitz mit 10,710 Stimmen, während der polnische Kandidat 4125 und der Kandidat des Centrums 2553 Stimmen erhielt. Diesmal haben sich die konservativen Stimmen um 4000 vermindert. Von diesen 4000 Stimmen sind 3213 an den Antisemiten gefallen; die anderen 800 sind wahrscheinlich zum Centrum oder zu den Polen übergegangen. Aber jene 3213 Wähler waren darum im vorigen Jahre nicht weniger antisemitisch, da sie noch konservativ waren. Also nur die Konservativen haben den Siegeslauf des Antisemitismus in der Provinz Posen zu fürchten — nicht wir. Ja wohl, die Antisemiten, die von den Konservativen früher so freundwillig beschützt wurden, machen allerdings Fortschritte, aber ausschließlich auf konservative Rechnung. Das wird den Konservativen, die den Antisemitismus als Sturmbock gegen den Freisinn benutzen i) Zu welch idealer Höhe die „talmudische Ethik" in der Würdigung wissenschaftlichen Strebens sich erhebt, mag Herrn Prof. Stade eine Sentenz beweisen, die ihm vielleicht doch trotz seiner offenbar tiefen Vertrautheit mit der „Moral des Talmuds" noch unbekannt sein dürste. Sota 21» (auch Jalk. zu den Psalmen § 807) lesen wir: m'2!> min N22I2 rn'2v prri „TÖtt matt, eine Gesetzesübertretung verlöscht die Gesetzesbefolgung, aber nicht (die Verdienste) des Thorastudiums. Der Sinn ist klar. Man darf bei einem Gelehrten, dessen moralische Defekte rücksichtslos verurtheilt werden müssen, die Rücksicht auf seine wissenschaftlichen Verdienste doch nicht aus den Augen verlieren.

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