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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-05-18 · Heft 20 (18.5.1894) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 20 (18.5.1894)
Date
1894-05-18
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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WMWMWWWWMW 58. Jahrgang. Ur. 20. Berlin, 18. Mai 1894. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements. Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3M. Nedactcur: Gustav LlarpeLes. Begründet von Nabbiner 21*- Ludwig Philippson-Bonn. Vertags-CrpeLltion: Lerlin, Äerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums". Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikelr Der wissenschaftliche Antisemitismus. - Die Woche- — Sechste Konferenz der jüdischen Neliaionslebrer des Verbandes der Shnaaogengemeinden Ostpreußens. — Papst Leo XIII. über die Blbelkritlk. - Erinnerunam an Leopold Zunz. III. Von G. K — Zur Charakteristik Davld Frredländer s. Von Prof. Dr. Ludwig Geiger. — Beiträge zur vergleichenden Gnomologre. Von Dr. W. Klemperer (Fortsetzung). — FerrMetorrr Die Jüdin. Erzählung von John Pa ulsen. (Forts.) — Lttterarische Mitthettungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin, Thorn, Ostrowo. Hannover. Frankfurt a. M.. Wien. Budapest. Baja. Petersburg. Wilna. — Bon Nah und Fern. — MISeeUerr. Der wissenschaftliche Antisemitismus. Berlin, 15. Mai. er Aufsatz: „Zur Kulturgeschichte der Juden im Mittelalter", von dem Herrn Privatdozenten Dr. Opet in der vorletzten Nummer unseres Blattes veröffentlicht, legt die Sonde an eine Wunde, die von Juden wohl schmerzlich empfunden, doch bisher nur gelegentlich besprochen wurde. Und doch ist eine Heilung dieses Schadens nur durch ein öfteres und eindringliches „Besprechen" herbeizuführen. Haben wir es ja, wie wir zur Ehre der Männer, die solche Exorcismen uns aufnöthigen, annehmen, nicht mit dem bewußten Antisemitismus zu thun; so lange nicht das Streben, uns zu schaden und zu schädigen, völlig unzweideutig hervortritt, so lange halten wir's mit dem alten jüdischen Spruche D1D7 D'ISH 83J7K p 'IN und schieben den Autoren nicht die Absicht unter, den wüsten Agitatoren mit ihren Aeußerungen Material und Nahrung zuzuführen. Da aber solche Darlegungen, wie Dr. Opet an Löher's Buch treffend aufzeigt, den Salon-Antisemitismus stärken und die Antipathieen gegen uns vertiefen müssen, so bleibt uns kein anderes Mittel übrig, als alle derartigen Stellen, wo wir ihnen in wiffenschaftlichen Werken, in Abhandlungen. oder Recettsionen angesehener Zeitschriften begegnen, „niedriger zu hängen". Wie das Adlerauge des alten Fritz dies Verfahren bei Pamphleten als das einzig richtige erkannte, so erscheint es uns als das allein angemessene da, wo jedem Unbefangenen der wissenschaftliche Antisemitismus (welches Wort übrigens, so viel wir wissen, von Wellhausen herrührt, der im 3. Bande seiner „Skizzen und Vorarbeiten" S. 169 von dem sich „jetzt mit der heillos abstrakten Antithese von Semiten und Jndogermanen so breit machenden wiffenschaftlichen Antisemitismus" spricht) solcher Kraftstellen alsbald sich aufdräiigen muß. Seinem Buche im Index der lidrorum prohibitorum der Kurie einen Platz angewiesen zu sehen, hat für Denker und Forscher, die auf Ergründung der Wahrheit ausgehen, nichts Peinliches und Schreckendes. In einem Index aber seinen Namen zu finden, wie wir ihn leider anlegen könnten und müßten, der Urtheile über Juden und Judenthum bucht, welche die alten Vorurtheile statt sie zu entkräften, verdichten und verschärfen, und als ehrlicher Mann dagegen nicht protestiren zu können, das — meinen wir — dürfte doch für manchen Gelehrten zu einem recht wirksamen Antriebe werden, sich fortan größerer Vorsicht zu befleißigen. So wollen wir heute eine Stelle kurz beleuchten, die in dem vielgelesenen neueren Werke eines Forschers sich findet, der durch seine wissenschaftliche Thätigkeit mit Recht ein gewiffes Ansehen sich erworben. In der „Geschichte des Volkes Israel" von Prof. Bernhard Stade 1. B. S. 510 ist wörtlich zu lesen: „Es ist ein durch seine Unverfrorenheit auffallendes Beginnen, wenn versammelte Rabbiner dem christlichen Publikum einzureden suchen, daß die Juden durch Gebote wie Lev. 19,18,24,22 zu gleichem sittlichen Verhalte» gegen alle Menschen verpflichtet seien, und das Judenthum zur Religion der Menschenliebe stempeln. Man spekulirt hierbei auf die falsche Uebersetzung von „rea“ „Volksgenosse" mit „Nächster" und „ger" mit „Fremder" in der deutschen Bibel. Ich zweifle keinen Augenblick, daß jene Rabbiner wirklich nach solchen Grundsätzen handeln und auch ihre Gemeinden hierzu zu erziehen suchen, allein dann handeln sie unter dem Einflüsse christlicher Ethik und gegen die Ethik des talmudischen Judenthums. Da man hierdurch noch nicht zum Christen wird, so ist jedenfalls kein Grund vorhanden, den Sachverhalt zu verdunkeln, zumal es noch nie Vortheil gebracht hat, Thatsachen zu leugnen, die Jedermann zu konstatiren vermag." Wir wollen den Streit über die Bedeutung der Worte und -|j auf sich beruhen lassen. Es ist von jüdischen Gelehrter:, zuletzt von Prof. Cohen in Marburg in seinem zu den besten apologetischen Schriften zu zählendem Gutachten „Die Nächstenliebe im Talmud" (Marburg 1888) und von Dr. Güdemann, in einer schönen und völlig überzeugenden Abhandlung „Nächstenliebe" erwiesen worden, daß nicht unsere, sondern die christlicherseits beliebte Uebersetzung des hebräischen Rea mit „Volksgenosse" falsch ist, doch was hilft's? Was der Dichter von der Zunge sagt: „wer Recht behalten will und hat nur eine Zung', behält's gewiß", gilt noch viel mehr von der Feder. Wenn aber wirklich Stade recht hätte, und die Stellen im Leviticus nicht im universalistischen, sondern im partikularistischen Sinne zu nehmen wären, dürften wir nicht auch dann und mit größerem Recht „von einem durch seine Unverfrorenheit auffallenden Begumen reden", wenn Herr Stade daraufhin den Rabbinern die Berechtigung abspricht, das Judenthum zur Religion der Menschenliebe zu stempeln und feierlich zu erklären, daß es seine Bekenner zu gleichem sittlichen Verhalten gegen alle Menschen verpflichtet. Braucht man, um zunächst bei dem biblischen Schriftthum stehen zu bleiben, einem Gelehrten von dem Range Stade's die Schriftworte in Erinnerung zu rufen, welche diese Erhebung aus dem Partikularismus zunr Universalismus

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