Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1894)
- Date
- 1894-05-11
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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|IJILJU.] 1.iJ„ 4 J» j -IV/ —- 2 Oa. Schlesien, 4. Mai. Der jüdische Religionslehrer am Gymnasium in Ratibor, Herr L. Katz, welcher, wie bereits gemeldet wurd^, zum Leiter des israelitischen Waisenhauses in Rybnik berufen ist, wurde im Laufe voriger Woche durch den Direktor des Gymnasiums in Gegenwart der jüdischen Schüler in feierlicher Weise verabschiedet. Am Sonnabend fand zu Ehren des Scheidenden im Pomrenke'schen Restauraüt ein Abschiedskommers statt, an welchem sich das Repräsentanten-Kollegium der israelitischen Gemeinde und eine große Anzahl von Freunden üÄ Bekannten betheiligten. — Der jüdische WaisenunterstützungHverein in Ratibor vereinnahmte, nach dem soeben herausgegebenen 50. Jahresberichte, im vergangenem Jahre 7208.79 Mk. und verausgabte 2835.30 Mk, so daß der Jahreskassenbestand sich auf 4373.49 Mk. steck. Das Gesammtvereinsvermögen des 191 Mitglieder zählenden Vereins beläuft sich auf 27,496.32 Mk. exclusive des Oppler'schen Legates von 2400 Mk. und der Grunwald'schen Stiftung mit 600 Mk Laufende Unterstützungen haben 10 Waisen bezw. Wittwen erhalten. Zu Ehrenmitgliedern waren anläßlich des am 21 März stattgefundenen 50. Stiftungsfestes ernannt worden: Frau R. Zander und die Herren L. Bartensteüi, L. Höniger und Julius Zander. — Der Beuthner'sche Prozeß, über den ich Ihnen in voriger Nummer berichtete, ist in erster Instanz beim Königlichen Landgericht in Beuthen (Oberschlesien) zu Ungunsten des Klägers entschieden worden. Das fragliche Testament wurde für ungiltig erklärt, weil der Erblasser nach der Feststellung eines New-IoMr Gerichtshofes geisteskrank gewesen. Damit fällt auch das für Wohlthätigkeitszwecke ausgesetzte Legat in Höhe von 75,000 Mk. fort, auf düs die Stadt zum Bau des Waisenhauses Anspruch machte Der Kläger beruhigte sich bei diesem Erkenntniß nicht, sondern will seine Sache in 2. eventuell 3. Instanz verfechten. — Das Partikulier Miedzwinski'sche Ehepaar in Myslowitz feierte am 29. v. M. seine silberne Hochzeit und hat der Jubelbräutigam bei dieser Gelegenheit zu wohlthätigem Zwecke für die jüdische Gemeindekasse 120 Mark gespendet. — Kaufmann Mäx Sonnenfeld in Kosel, der demnächst seinen Wohnsitz nach Breslau verlegt, hat der Synagogen-Gemeinde Kosel 100 Mk. zur Anschaffung zweier Laternen an den Eingängen des Gotteshauses überwiesen. X. Erfurt, 4. Mai. Am 29. v. Mts. tagte hier der erste deutschsoziale Parteitag für Sachsen, Thüringen und Anhalt unter dsm Vorsitze des Reichstagsabgeordneten Liebermann von Sonnenberg. Es wurde ein deutschsozialer Landesverband für Sachsen, ein solcher für Thüringen und ein solcher für das Herzogthum Anhalt mit den Vororten Halle, Jena und Nordhausen begründet. Die Verhandlungen sind interesselos, nur ein Vorschlag des Abg. Liebermann v. Sonnenberg zeigt, daß die Gründung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ein glücklicher Gedanke war. Unter Beifall schlüg er in der Schlußbesprechung die Gründung eines Schutzbüreaus gegen gegnerische Angriffe, nach Art des genannten Vereines, vor und empfahl, die gegnerische Presse auf Vergehen aller Art hin zu studieren — Sehr gut! rnk. Gießen, 4. Mai. Es gereicht mir zur Freude, mittheilen zu können, daß eine Empfehlung des Großherzoglichen Provinzial-Direktors, Freiherrn v. Gagern, zu Gunsten unseres „Vereins zur Beförderung des Handwerks unter den Israeliten in Oberhessen" an sämmtliche israelitischen Gemeinden des Großherzogthums versandt wurde und gute Resultate verspricht. Die Gemeinde Friedberg ist, neben den persönlichen Beiträgen der Mitglieder, mit einem jährlichen Beitrag der Korporation als nachahmungswerthes Muster vorangegangen. Am 21. Januar dieses Jahres fand die Generalversammlung des Vereins statt. Die Einnahmen betrugen im Berichtsjahr 1575 M., die Ausgaben 1229 M. — Dem soeben erschienenen zweiten Rechenschaftsbericht ist auch ein Auszug aus den Statuten beigegeben; der § 5 derselben enthält die Bestimmung, daß der Verein seine Zwecke durch Veranstaltung von populären Vorträgen über jüdische Wissenschaft zu erreichen sucht. Leider theilt der Rechenschaftsbericht über diesen Punkt nicht das Geringste mit. — Die Gesammtzahl der vom Verein bisher unterstützten Lehrlinge betrug 12, nach erst zweijährigem Wirken des Vereins gewiß ein ganz anerkennenswerthes Resultat. Die jetzige Zahl der Mitglieder beträgt 190. Der Verein erstreckt seine Wirksamkeit nicht nur auf Oberhessen, sondern auch auf die benachbarten Gebiete, in denen die antisemitische Agitation noch immer ihre Orgien feiert. X Frankfurt a. M., 5. Mai. Politische Tagesblätter berichten von hier, daß Kaiser Wilhelm auf seiner Durchreise nach Cronberg in vergangener Woche in Rödelheim Herrn Amtsrichter Dr. Sommer, seinen Schulkollegen vom Gymnasium in Kassel, empfangen hat. OO Darmstadt, 7. Mai. Die Rabbiner des Großherzogthums haben aus Anlaß der Vermählung des Großherzogs eine Adresse anfertigen lassen, welche Mittwoch den 2 d. M. von den Herren Dr. Levi-Gießen, Stein-Worms, Saalfeld-Mainz, und Marx und Selver- Darmstadt überreicht worden ist. Beim Eintritt der Herren Rabbinen sprach Dr. Levy-Gießen den Segensspruch hebräisch und deutsch und überreichte die Adresse. Der Großherzog war sehr erfreut über diese Kundgebung und bat, seinen herzlichsten Dank auch den anderen Kollegen mitzutheilen. 1. Stuttgart, 3. Mai. Der Staats-Anzeiger vom 28. April schreibt: „Nachdem für den zur Zeit aus den israelitischen Kirchengemeinden Stuttgart, Cannstatt, Eßlingen und Ludwigsburg bestehenden Rabbinatsbezirk Stuttgart zwei Rabbiner mit dem Sitz in Stuttgart ausgestellt sind, wird zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß gemäß der hinsichtlich der Vertheilung ihrer rabbinatamtlichen Geschäfte getroffenen Anordnung dem Rabbinat Stuttgart für den amtlichen Vexkehr in Angelegenheiten der israelitischen Kirchengemeinde Stuttgart die Bezeichnung „Stadtrabbinat Stuttgart" (Dr. Kroner), für den amtlichen Verkehr in Angelegenheiten der übrigen israelitischen Kirchengemeinden des Rabbinats - Bezirks die Bezeichnung „Bezirksrabbinat Stuttgart" (Dr. Stößel) beigelegt worden ist, und daß dem Stadtrabbinat der erste Rabbiner in Stuttgart, dem Bezirksrabbinat der zweite Rabbiner daselbst vorsteht, übrigens in Dienstverhinderungsfällen beide Rabbiner sich gegenseitig vertreten." E. Karlsruhe, 5. Mai. Am 6. v. Mts. beim Abendgottesdienste wurde Herr Stadtrabbiner Dr. Appel durch den Synagogenrath in sein neues Amt dahier eingeführt. Auf die herzliche Ansprache des stellvertretenden Gemeindevorstandes, Herrn Stadtraths Hamburger, erwiederte Herr Dr. Appel mit gleicher Herzlichkeit. Die Antrittsrede des Herrn Dr. Appel beim Sabbathgottesdienste hatte zum Text 2. Sam. 10, 12 und erfreute sich ungetheilten Beifalls. Der Redner forderte die Gemeinde zur Mithilfe auf zur Erreichung der Ziele, denen er zustrebe. — Möge das Wirken unseres neuen Rabbiners, dem allerseits. großes Vertrauen entgegengebracht wird, ein von Gott gesegnetes sein! gg München, 5. Mai. Der Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde, Großhändler Hermann Müller, Theilhaber der bekannten Firma I. Einhorn u. Co. hier, ist um 30. v. M. Abends nach kurzem Krankenlager seinem schweren Leiden erlegen. In weiten Kreisen der Bevölkerung hat dieser Todesfall herzlichste Theilnahwe erweckt. Die „Neuesten Nachrichten" schreiben über ihn: „Der Verstorbene, eine Zierde der bayerischen Kaufmannschaft, hat durch rastlose Thätigkeit, durch hervorragende Geistes- und Herzenseigenschaften sich die Achtung und Werthschätzung seiner Standesgen offen und aller derer, die ihn kannten, erworben." Die hiesige israelitische Kultusgemeinde verliert in ihm ihren pflichttreuen, aufopfernden Vorsteher. Er hat dieses Amt seit langen Jahren verwaltet, wie er auch, durch das Vertrauen der Kaufmannschaft berufen, früher längere Zeit als Handelsrichter und Vorstandsmitglied des Handelsvereins fungirte. Seine außergewöhnliche Wohlthätigkeit, welche er stets reichlich und ohne Aufsehen bethätigte, hat manche Thräne getrocknet, manche Existenz erhalten. Dem haben wir beizufügen: Hermann Müller, nicht nur äußerlich, sondern herzensgebildet wie selten ein Mann, war ein hervorragender Philanthrop.. Seine Menschenliebe, thatsächlich den Angehörigen jeder Religion zugutkommend, bestrebte sich, den Bildungsstand insbesondere der Handwerksbeflissenen zu heben und die Entbehrungen der akademischen Jugend jeder Konfession zu lindern. Von höchster Pietät erfüllt, mit historischem Sinne ausgestattet, war er bemüht, die bürgerliche Gleichstellung der Juden, wenn sie auch gesetzlich gesichert ist, thatsächlich noch zu fördern. Er hat das Glück genossen, unter seiner Vorstandschaft zweimal die Einweihung herrlicher Gotteshäuser in seiner Gemeinde mitzufeiern. Kinderlos, hinterließ Müller einen Namen besser als Söhne und Töchter: nach der Versicherung Nahestehender sind von ihm Akte hochherziger Wohlthätigkeit, die jedoch bei Lebzeiten seiner Wittwe nicht veröffentlicht werden dürfen, letzwillig angeordnet, durch welche sein Andenken in ferne Zeiten noch erhalten werden wird. Friede seiner Asche! JE München, 2. Wal Der Finanzausschuß der Kammer der Abgeordneten berieth m seiner heutigen Sitzung über eine Petition der