Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1894)
- Date
- 1894-05-11
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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58. Jahrgang. Nr. 19.|§ iSerlin, II.'Mai 1894. Weikage zur „Allgemeinen Zeitung öes JuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Dentschlau-. 8.. Berlin, 6. Mai. Gestern ist hier eine der edelsten Frauen unserer'Gemeinde, Frau Zerline Meyer, gestorben Sie gehörte zu der leider immer mehr schwindenden Zahl von edlen Frauen, die mit echt jüdischer Herzensgüte und edler Artung eine seltene Verstandskultur und Geistesstärke vereinigen. Bis in ihr hohes Alter — sie war eine hohe Achtzigerin — hielt sie sich auf der Höhe geistiger Interessen, unter denen die für Judenthuw und jüdische Litteratur einen hervorragenden Platz einnah men. Mit den Meistern der jüdischen Wissenschaft: Zunz, M. Sachs, u. A., war sie persönlich befreundet. In den letzten Lebensjahren war ihr Schweres auferlegt; aber sie trug es mit ungebrochenem Geiste. Der Tod hat sie von einem schweren Herzleiden erlöst. Ihr Andenken, das in den Kreisen ihrer Freunde unauslöschlich fortleben wird, sei gesegnet! -2- Berlin, 7. Mai. Der Vorstand des Israelitischen Frauen - Unterstützungs - Vereins versendet soeben die in der General-Versammlung vom 26 Februar d Js. abgeänderten Statuten des vortrefflich wirkenden Vereins. Von wesentlicher Bedeutung ist der beschlossene Fortfall der Bezeichnung „Ostend".. Der Verein hat seine Thätigkeit seit mehreren Jahren nicht auf den Osten beschränkt, er hat vielmehr den Nothleidenden, wo er sie fand, seine Hilfe angedeihen lassen, und ist deshalb auch auf den Beitritt von Mitgliedern aller Stadttheile angewiesen. Der Vorstand des „Jsr. Frauen-Unterstützungs-Vereins" kann jetzt bei allen jüdischen Damen Berlins für seine so segensreiche Thätigkeit werbend auftreten, und wir bitten alle edeldenkenden Frauen, ihn hierin nach Kräften zu unterstützen. Mit der rapiden Vermehrung der Bevölkerungszahl wächst in verhältnißmäßig hohem Grade die Noth und das Glend. Die eingehenden Gesuche um Hilfe nehmen andauernd zu. Wirksame Unterstützung kann nur ^ein großer Verein bieten, dem sich unsere Frauen aus allen Kreisen anschließen, und der nicht wie die öffentliche Armenpflege an beschränkende Gesetze gekiunden ist. Der Mindestbeitrag ist unverändert 3 Mark jährlich geblieben, um jeder Dame Gelegenheit zu geben, dem jetzt mehr als 1100 Mitglieder zählenden Verein beizutreten. Zu näheren Mittheilungen und Entgegennahme von Anmeldungen ist Frau Emma Eloesser, Elisabethstr. 19, gern bereit. — Berlin, 8. Mai. In der Beitel Heine -Ephraim'schen Lehranstalt, Oranienburger-Straße 67, lesen vom 30.,April angefangen (gratis): Herr Prof. Steinschneider: Einleitung in die jüdische Litteratur (Schriften in nicht hebräischen Sprachen, encyklopädische Uebersicht) 1 Stunde wöchentlich. — Saadia, über Religionen und Dogmen, 2 Stunden wöchentlich. — Herr Prof. Barth: Erklärung der Targumim und syrischen Texte, 1 Stunde wöchentlich. — Lektüre arabischer Historiker, 2 Stunden wöchentlich. Berlin, 8. Mai. Der Centralverein für dieJnteressen der jüdischen Gemeinde zu Berlin hält eine große Versammlung Mittwoch, 9. Mai, Abends 81/2 Uhr, im Verein junger Kaufleute ab, die sich u. A. mit der neuen Steuerveranlagung durch die Gemeindebehörden befassen soll. Es wird eine freie Besprechung ohne. Berichterstattung stattfinden. J L2 Berlin, 6. Mar. In vergangener Woche ist in Karlsbad Herr Rudolph Hertzog gestorben. Wir haben uns selbstverständlich hier mit diesem Todesfall nur in so weit zu beschäftigen, als er das öffentliche Leben und unserd Stellung zu demselben betrifft. Und da muß nun, um der Wahrheit die Ehr^ zu geben, die Thatsache erwähnt werden, die s. Z. ohne Widerspruch sehr oft öffentlich ausgesprochen wurde, daß Rudolph Hertzog so zu sagen der Nährvater der antisemitischen Bewegung gewesen ist. Sein Name ist mit der konservativ-antisemitischen Bewegung in Berlin auf das Engste verknüpft; er hat ihr mit freigebiger Hand außerordentliche Geldmittel zur Verfügung gestellt. Gleichwohl haben von den eigenen Parteigenossen, die er sich doch so sehr verpflichtet hatte. Einzelne heute nur ein kühles, kritisches Wort über ihn. Das Stöckersche „Volk" weiß von ihm nur zu melden: „Ob Rudolph Hertzogs Einfluß auf die Bewegung vortheilhaft gewesen ist, wollen wir heut unerörtert lassen. Seit einer Reihe von Jahren hat er sich verstimmt von dem politischen Leben zurückgezogen." * Berlin, 7. Mai. Eine Briefkastennotiz in der „Tägl. Rundsch." vom 30. Januar d. I. hat dem Redakteur des Blattes, Oscar von Ehrenberg, sowie dem Herausgeber Dr. Friedrich Lange, eine Anklage wegen Beleidigung zugezogen, die gestern vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts I. unter dem Vorsitze des. Landgerichtsdirektors Brausewetter zur Verhandlung gelangte. Die beanstandete Briefkastennotiz lautet folgendermaßen: Dr. E. L. in Mühlhausen i. Th. Ihre örtlichen Verhältnisse haben wir an dieser Stelle schon einmal erwähnt. Daß eine deutsche Stadt von 30,000 Einwohnern (und darunter nur etwa 250 Juden) nun wirklich drauf und dran ist, einem Manne jüdischer Herkunft (Stadtrath Rosenstock) zu ihrem Bürgermeister zu wählen, ist einfach ein Jammer und eine Schande dazu. Wenn aber die Bürger selbst ihr deutsches Gewissen nicht mehr fühlen oder fühlen wollen — wir können Ihnen so rasch keine andere Seele einblasen. Dann heißt es hier wie an so manchem anderen Orte: erst noch tiefer in den Dreck, erst noch völliger in die Knechtschaft, dann werdet Ihr auch wieder Sehnsucht spüren! Freundl. Gruß." Wegen dieser Notiz hatte Stadtrath Rosenstock den Strafantrag gestellt. Der Angeschuldigte Dr. Lange gab zu, die Notiz verfaßt zu haben. Der Angeschuldigte v. Ehrenberg nahm die Mitverantwortung auf sich, obgleich ihm die Notiz vor der Veröffentlichung nicht zu Gesicht gekommen sei. Die Beweisaufnahme erstreckte sich nur auf die Verlesung des beanstandeten Artikels. Staatsanwalt Flickel beantragte eine Geldstrafe von 300 Mk. Der Gerichtshof kam nach längerer Berathung zu einem Schuldigspruch gegen beide Angeklagten. Nach mehrfachen Entscheidungen des Reichsgerichts stehe der Presse nicht mehr Recht zu, als jeder Privatperson. Es komme gar zu häufig vor, daß die Presse mit der Ehre anderer Menschen umgehe, als sei sie gar nichts werth. Die in Rede stehende Notiz enthalte zweifellos schwere Ehrenkränkungen des Stadtraths Rosenstock. Allerdings sei den Angeklagten zugebilligt worden, daß sie in Wahrnehmung berechtigter Interessen gehandelt hätten, denn sie konnten der Ansicht sein, daß in einem christlichen Staat auch Christen an der Spitze der Behörden stehen müssen; aber um diese Ansicht zu vertreten, war es nicht nöthig, Personen damit zu verquicken und gegen sie ehrenkränkende Ausdrücke zu gebrauchen. Die Strafe sei auf je 50 Mk. bemessen. Außerdem wird dem Stadtrath Rosenstock die Befuguiß ertheilt, das Urtheil in der „Tägl. Rundsch." veröffentlichen zu lassen. * * Berlin, 8. Mai. Ueber die Stiftung von 100,000 Mark, welche die Erben des verstorbenen Kommerzienraths Jacob Israel der Gemeinde Berlin zugewiesen haben, hat der Magistrat der Stadtverordneten - Versammlung eine Vorlage unterbreitet, in welcher er mittheilt, daß er unter dem Ausdruck des Dankes sich für die Annahme dieser so reichen Zuwendung erklärt habe. Aus den Zinsen dieses Kapitals, welches der Stiftungs-Deputation des Magistrats zur Verwaltung überwiesen worden.ist, sollen in ihren Verhältnissen unverschuldet zurückgebliebene Einwohner Berlins, ohne Rücksicht auf die Konfession, alljährlich am 20. März, dem Sterbetage des Kommerzienraths Jacob Israel, in Beträgen nicht unter 100 Mark und bis höchstens 300 Mark, unterstützt werden. ichr Danzig, 7. Mai. In der gestrigen Sitzung des Thierschutzvereins wurde nach monatlicher Berathung die Frage des jüdischen 5 ch ächtens.'srledigt. Es wurden hierbei folgende Fragen formulirt: 1. Ist das Schlachten der Thiere mittelst vorhergehender Betäubung dem Schächten vorzuziehen? und weiter: 2, Ist das Schlachten mittelst Halsschnittes als Thierquälerei zu betrachten? — Die erste Frage wurde mit 6 gegen 2 Stimmen mit ja, die zweite Frage einstimmig mit nein beantwortet.