Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1894)
- Date
- 1894-05-11
- Page
- Seite 228 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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zu Rachel hinüber — „nein, nur deshalb, weil er ein schlechter Mensch ohne unsere Begriffe von Ehre ist. Pastor Sanft hat miß eine Geschichte von ihm erzählt, die unglaublich gemein ist." Rachel erstickte „beinahevor^Schmerz^und ^Demüthigung. — Roch tiefer beugte sie sich über die Stickerei, aber ihre zitternde Hand konnte mit der Nadel nicht mehr die Perlen treffen, welche auf die Erde hinabrollten. . . . Holger sagte noch immer kein Wort. ... Wie feige von ihm, dachte sie. ... Er war gar kein Mann! . . . Warum nahm er.nicht diesen tölpelhaften Junker beim Kragen und warf ihn die Treppe hinab? Er war doch Herr in seinem eigenen Hause.— — „Weißt Du noch, Holger," fragte die Kammerherrin, welche ein so günstiges Thema gründlich ausnutzen wollte, „weißt Du noch, daß Moritz Dich auch mit dem werthlosen Ackerstück betrügen wollte, welches annullieren Acker grenzt? Der Verwalter warnte Dich noch rechtzeitig vor dem Kauf." Holger schüttelte unwillig den Kopf. „Alle diese verdammten Juden müßten gehängt werden!" rief Graf Waldemar und ballte die weiße, mit einem großen Siegelring geschmückte Hand.' „Sie sind Alle mit einander Betrüger und Wucherer!" Die Kammerherrin sah zu Rachel hinüber. ... Es war ein Blick voll grausamer Neugier, mit dem der Schulknabe den Zuckungen des aufgespießten Schmetterlings folgt. — Rachel konnte sich nicht länger beherrschen; sie warf ihre Stickerei hin und ging ans Fenster, wo sie mechanisch zum weiten blauen Sommerhimmel emporblickte. Ihre Brust wogte auf und nieder. Holger sah den Grafen feindselig an und brummte etwas zwischen den Zähnen, welches ungefähr klang wie „Geh zum Teufel!" — Der junge Graf trat erschrocken einen Schritt zurück. Gleichzeitig räusperte Fräulein von Pahlen sich bedeutungsvoll und zu aller Verwunderung nahm sie, die sonst immer so schweigsam war, das Wort: „Es scheint mir höchst ungerecht, eine ganze Nation nach einem einzelnen lasterhaften Individuum zu beurtheilen. — Die Israeliten sind auf ihre Weise ebenso gut wie die Christen. Auf welcher Seite die größten Tugenden zu finden sind, wollen wir unentschieden lasten." Die Stimme des alten Fräuleins zitterte. Endlich begriff Graf Waldemar die Situation. Das drückende Schweigen, Holgers stumme Wuth, Fräulein von Pahlens Indignation, Alles verrieth ihm, einen wie schrecklichen faux pas er gemacht. Er biß sich die Lippen beinahe blutig und unwillkürlich traten Thränen in seine hübschen braunen Auge». — Sein junges Herz war, trotz seiner leichtsinnigen Außenseite, gut und unverdorben, und.es betrübte ihn tief, Rachel wider seine» Willen verletzt zu haben. Er war klug genug, nicht mit Entschuldigungen zu kommen, die Alles verdorben haben würden. Es war am besten, gleich aufzubrechen, und er verabschiedete sich deshalb schnell mit verlegenen Verbeugungen nach allen Seiten. Die Kammerherrin reichte ihm mit freundlichem Lächeln die Hand, welche er ehrfurchtsvoll küßte, und trug ihm herzliche Grüße für Eltern und Geschwister auf. Rachel hatte schon in aller Stille den Salon verlassen und war auf ihr Zimmer geeilt, welches sie hinter sich abgeschlossen hatte. Hier in der Einsamkeit überließ sie sich ganz ihrer leidenschaftlichen Gemüthsbewegung. „Holger verleugnet mich!" stöhnte sie händeringend. „Er verleugnet mich und mein Volk. . . . Nicht mit einem Wort vertheidigte er uns — mit keinem einzigen Wort! — O, dieser Mann hat mich nie geliebt. — Er hat kein Herz. . . ." Sie weinte, wie sie noch nie im Leben, selbst nicht in jener schrecklichen Stunde in der Laube, geweint hatte. Aber alle ihre Thränen konnten nicht die Erinnerung an die tiefe Erniedrigung auslöschen, welche sie erfahren hatte. . . . Ihre Wangen brannten vor Schani. Sie hatte das Gefühl, als hätte inan ihr mit glühendem Eisen das Siegel der Schande aufgedrückt. Unter schweren Seelenkämpfen faßte sie endlich ihren gro^" schmerzlichen Entschluß. (Forts, folgt.) Fitterarische MittheUirngen. — Jahresbericht des jüd. theol. Seminars Fränckel'scher Stiftung 28. Januar 1894). Voran gehet: Reime und Gedichte des Abraham ibn Esra. Band 11. Gottesdienstliche Poesie. Von Dr. David Rosin. (V 4- 48 + XV Seiten in 8°.) — Dr. Rosins Arbeit ist ein Muster von besonnener und nüchterner Text-Kritik, und jeder Forscher wird für die Hebung handschriftlicher Texte dem gelehrten Herausgeber innigen Dank wissen. Die deutsche Übertragung jedoch allerdings auch für einen Sprächkünstler wie Rückert und Platen sehr schwierig und oft unlösbar — läßt zu wünschen übrig. So ist z. B. gleich auf Seite 1 der Satz: „Wenn Dich ruft mein Wort" etwas hart. Wäre es nicht besser, sinngetreu, wenn auch nicht im Metrum des Autors, die Gedichte Ibn Esras zu verdolmetschen? Sprechfaul. Geehrter Herr Doktors (^^urch einen unliebsamen Zufall ist in meinem Aufsatz über die Ferienkolonien in der letzten Nummer der „Zeitung des Judenthums" der Name des eigentlichen Begründers und Leiters dieser segensreichen Institution ausgefallen. Es ist dies Herr Adolf Mayer, der vor 8 Jahren mit 12 jüdischen Kindern angefangen und es, durch rastlose Thätigkeit, im letzten Jahre auf 300 Ferien-Kolonisten gebracht hat; er ist der Vorsitzende des Komitees und ihm gebührt das Hauptverdienst um das Gelingen des schönen Werkes. Berlin, 8. Mai. Hochachtend M. Fr. Geehrter Herr Redakteur! E^err Kollege Andorn-Crefeld ist im Jrrthum, wenn er annimmt, daß ich in meinem Artikel Nr. 10 d. Jhrg. bei dem angezogenen Ministerial-Erlaß vom 6. Februar 1864 den Begriff „Privatpatronat" mit dem des Vorstandes einer jüdischen Schule identifizirt habe. Für mich liegt der Schwerpunkt darin, daß in dem betreffenden Erlaß der Gedanke ganz allgemein und bestimmt zum Ausdrucke kommt: „Dieses Recht (einem Lehrer zu kündigen) ist ein Ausfluß der Disziplinargewalt und kann nur von der Königlichen Regierung ausgeübt werden." Hochachtungsvoll Magdeburg, 4. Mai. M. Spanier. * Sehr geehrter Herr Redakteur! A-ine unter der Ueberschrift Kuriosum in der letzten Nummer der „Allg. Ztg" auf der dritten Umschlagseite gebrachte Notiz weist nach, wie schon in der Buchstabensolge der beiden Worte und Ipttf stch der Gegensatz zwischen „Wahrheit" und „Lüge,, dokumentirt. Es sei mir gestattet, hierzu eine vielleicht schon bekannte Zusatzbemerkung zu machen. Die Buchstaben des Wortes 'jyfc'K ("jY'ft"**) gehören bekanntlich zu den Zeichen (Dr6riK)/ welche nach masoretischer Ueberlieferung in breiter Schrift wiedergegeben werden können, während die Buchstaben zu den Zeichen gehören, welche nur auf einem Fuße, gleichsam nur auf einem Punkte stehen. Die Wahrheit (n&K) ruht demnach auf breiter, fester Grundlage (steht auf 2 Füßen), die Lüge (^^) nur aus einem Fuße, d. h. sie steht auf recht schwacher Grundlage, sie hat keinen Halt. Vergl. das deutsche: „Lügen haben kurze Beine." Ihr ergebenster Berlin, 30. April. Dr. Magnus Weinberg. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.