Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1894)
- Date
- 1894-05-11
- Page
- Seite 227 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Herrin wäre ihr doch eine allzu scharfe, böse Schwiegermutter geworden." Das Thenia war erschöpft. Die Damen gingen langsam »ach der Veranda, wo der Bediente Erfrischungen servirte. XVIII. Rachel war am Abend merkwürdig still und bleich und vermied es, die Kammerherrin anzureden, deren Freundlichkeit ihr so widerlich war, wie die Berührung eines giftigen Reptils, seit der Zufall ihr einen Einblick in den wahren Charakter derselben vergönnt hatte. Jedes Wort, welches Holgers Mutter im Garten gesprochen, hatte ihre Seele zerfleischt, und ihr Herz blutete, als hätte das Messer des Operateurs darin herumgewühlt. Sie hatte den Schmerz und die Spannung, die brennende Scham und die Entrüstung zuletzt nicht länger zu ertragen vermocht und war in halb bewußtlosem Zustande auf der Bank in der Laube umgesunken. Als sie sich erholt und sich wieder gesammelt hatte, hatten die Damen sich entfernt, und es gelang ihr, auf einem Umwege ungesehen ihr Zimmer zu erreichen. „Sie und Holger passen nicht zusammen — sie repräsentiren zwei verschiedene Rassen," hatte die Kammerherrin gesagt — und diese Worte hatten sich in ihr Herz eingebrannt und wollten ihr nicht wieder aus dem Sinn. Ganz dasselbe hatte Tante Rebekka gesagt „Ein Jude und ein Christ sind wie Feuer und Wasser." Eine Saat des Zweifels war in Rachels trauervolle Seele geworfen und still, aber sicher, wie das Saatkorn wächst, wuchs und reifte sie. . . „Du bist heute Abend so still, Rachel," sagte Holger, zärtlich ihre Hand nehmend, die kalt war wie Eis, um im nächsten Augenblick fieberheiß zu glühen. „Bist Du nicht wohl?" fragte er unruhig. „Ich leide nur von der Wärme, lieber Holger — sonst fehlt mir nichts." Er holte ihren Fächer und unter Scherz »nd Liebkosungen fächelte er ihr fortivährend Kühlung zu, indem er ihr znflüsterte, er wäre ihr glücklicher Sklave, der das Recht hätte, die Lust für sie in Bewegung zu setzen. „Hast Du heute Briefe bekommen?" fragte sie ernsthaft, weil es ihr schwer fiel, auf seinen leichten Ton einzugehen. „Ich sah den Postboten kommen." „Ja, aber nur Geschäftsbriefe." „Ich habe jetzt seit acht Tagen keine Nachricht von meinem Vater gehabt. Wenn nur nichts Schlimmes geschehen ist." „Also das ist die Ursache Deiner Verstimmung! Du bist doch ein kleines Hasenherz, Dich so unl nichts zu ängstigen." Er legte den Fächer hin und nahm ihre beiden Hände in die seinige». „Du sollst sehen, morgen kommt ein Brief. Wenn nicht, mußt Du Dich mit dem alten Wort trösten: Keine Nachrichten, gute Nachrichten." „Du hast vielleicht Recht, lieber Holger." XIX. Pachels Schmerzenskelch war noch nicht voll. Dem albernen, jungen Grafen Waldeniar es Vorbehalten, den Tropfen hineinzugießen, der ihn zum Ueberfließen brachte. Er war Vormittags in einer geschäftlichen Angelegenheit bei einem Proprietair Moritz gewesen, der in der Nähe von Rosengaard wohnte, und machte jetzt en passant der Familie von Brock einen Besuch. Seit jener Unterhaltung zwischen der Kammerherrin und der Baronin Svale, die Rachel wider Willen gehört, waren einige Tage vergangen. Die Familie, Rachel und Fräulein von Pahlen waren im Salon, als Graf Waldemar kam. Die Kammerherrin war sehr erfreut über sxineu Besuch, denn sie halte eine besondere Vorliebe für den jungen Grafen, dessen Pathin sie war. Seine Schönheit, seine gesuchte Eleganz und seine galante Gewohnheit, ihr stets die Hand zu küssen, hatten ihr Herz vollständig gewonnen. Graf Waldemar sprach wie gewöhnlich von allem Möglichen, französischen Sängerinnen, Herrenmoden, Hofnachrichten, Hunden und Pferden. Schließlich beklagte er sich bitter über Proprietair Moritz, der ihm ein Reitpferd angehandelt hätte, welches sich nach dem Verkaufe, trotz Moritz Garantie, als durchaus nicht fehlerfrei gezeigt habe. Das Pferd hatte unter anderen Fehlern auch »och denjenigen, halbblind zu sein. Er hatte beinahe den Hals gebrochen, als er es zuerst geritten habe. „Ich bin nun eben bei Moritz gewesen, um ihn zu bewegen, den Handel rückgängig zu machen... Es ist übrigens auch ein horrender Preis, den ich für das Biest bezahlt habe... Aber glauben Sie, daß der Schurke Vernunft annehmen wollte? Er war ebenso frech, wie er vorher kriechend war. — Er zeigte mir zuletzt beinahe die Thür. Der Judenschmul!" . . . Rachel zitterte leise. , „Es war ein Glück für ihn", fuhr Graf Waldemar fort, „daß ich meine Reitpeitsche nicht bei mir hatte, sonst würde ich ihm seine großen Ohren gewärmt haben.. . Papa hatte doch Recht... Weshalb ließ ich mich mit ihm ein. Wenn ich mit einem Juden handle, muß ich ja im Voraus wisse», daß ich über's Ohr gehauen werde." In seiner jugendlichen Hitze und vollständig von seinem unglückliche» Pferdehandel in Anspruch genommen, hatte er ganz Rachels Abstammung vergessen. Ihr Aeußeres, welches mehr italienisch als jüdisch war, brachte es ihm auch nicht in Erinnerung. Es wahr unheimlich still in dem sommerlich hellen, blumeuduftenden Salon geworden. Man hörte deutlich das Summen der Fliegen und das Sprechen des Gärtners im Garten. Rachel hatte sich tief über ihre Stickerei herabgebeugt, so daß Niemand von der Gesellschaft ihr abwechselndes Erröthen und Erbleichen bemerkte. .. Endlich sah sie furchtsam zu Holger auf. . . Würde er kein Wort sagen? Er schwieg, verlegen und ärgerlich seinen Schnurrbart drehend, während seine Augen den armen gedankenlosen, nichtsahnenden Grafen Waldemar zornig anblitzten. — Was sollte er auch sagen? Den Grafen ersuchen, seinen Mund zu halten und ihn daran erinnern, daß seine Braut eine Jüdin war? Das würde die Situation nur noch peinlicher machen und Rachel selbst zwingen, Partei zu nehmen. Holger besaß leider nicht Gewandtheit genug, um die Unterhaltung zu beherrschen, und ebenso wenig Geist, Jemand mit einem Bonmot aus der Falle zu retten. Die Kammerherrin verbarg nur mit Mühe ihre Schadenfreude... Bewundernd sah sie den jungen Grafen an.... Holger versuchte auf eine etwas gesuchte Weise, der Unterhaltung eine weniger persönliche Wendung zu geben, als seine Mutter ihm ins Wort fiel. Nachdem sie, was bei ihr einen hohen Grad von Wohlbehagen ausdrückte, ihre schmalen Lippen mit der Zungenspitze befeuchtet hatte, sägte sie: „Mein Freund ist Proprietair Moritz auch nicht. — Sein schlechter Charakter prägt sich schon in seinem Gesicht aus, welches mich immer an einen Fuchs erinnert, der auf der Lauer steht.... Obgleich er unser nächster Nachbar ist und uns mehrere Male Besuche gemacht, habe ich doch verstanden, ihn uns fern zu Halten- Natürlich nicht seiner Rasse wegen — Gott bewahre!" — sie schielte